Kultur : 68er-Revolte: Ton, Steine, Erben

Richard Herzinger

Der Mythos von 1968 scheint unverwüstlich zu sein. Zwar haben sich die Köpfe der legendären Bewegung längst von ihren revolutionären Idealen verabschiedet. Manche von ihnen fragen sich heute schaudernd, wie es wohl gekommen wäre, hätten sie die Macht gehabt, ihre Utopien zu verwirklichen. Und sie danken, bei Carpaccio und Grappa, den Göttern der Geschichte, dass sie ihnen ihre revolutionären Bauklötzchen rechtzeitig aus der Hand genommen haben, bevor sie daraus möglicherweise einen echten Gulag gebaut hätten.

Gleichwohl hält sich in weiten Teilen der Öffentlichkeit die Überzeugung, der pseudorevolutionäre Aufruhr der Achtundsechziger sei für den zivilisatorischen Fortschritt der deutschen Gesellschaft unverzichtbar gewesen. Wann immer aber dieser Nimbus der 68er-Revolte zu verblassen droht, sind die Kulturkämpfer der politischen Rechten zur Stelle, um das ermattete Gespenst wieder zur bedrohlichen Spukgestalt aufzublasen. Indem sie 1968 zur moralischen Erbsünde der Republik ausrufen, bescheinigen sie ihren alten Feinden ex negativo ihre herausragende historische Bedeutung.

So werden im aktuellen Streit um Joschka Fischers Vergangenheit alle nur denkbaren Klischees über "die Achtundsechziger" und ihren sagenhaften Werdegang aufgewärmt. In dieser Auseinandersetzung stehen sich die Vertreter zweier stereotyper Denkmethoden gegenüber, die man als die statische und die evolutionistische bezeichnen könnte. Statisch argumentieren die Ankläger Fischers: Die verfassungsmäßige Ordnung sei 1973, als der jetzige Außenminister im Frankfurter Straßenkampf auf einen Polizisten eindrosch, dieselbe gewesen wie heute. Fischers Vergehen müssten daher noch im Nachhinein genau so streng beurteilt werden wie die Gewalttaten jener, die in der Gegenwart Recht und Grundgesetz mit Füßen treten. Ob jemand damals aus verqueren sozialrevolutionären Motiven die Staatsgewalt angriff, ob heute Hooligans aus purer Lust an der Gewalt oder Skinheads aus rassistischem Hass Menschen verletzen oder töten, macht für die Statiker keinen moralischen Unterschied. Gewalt ist Gewalt, lautet ihre Formel, ungeachtet der Begründung und Intensität von Gewaltakten. Sie sei in einem Rechtsstaat immer gleich verwerflich.

Dagegen wenden die Evolutionisten ein, die Bundesrepublik sei in den sechziger und siebziger Jahren noch kein wirklich liberaler Staat gewesen. Erst in einer Art Entwicklungdialektik, im Konflikt zwischen übermotivierten Protestbewegungen und überreagierender Staatsmacht habe die Republik jene pluralistische, zivile politische Kultur hervorgebracht, die für uns heute selbstverständlich geworden sei. Diese Argumentation läuft aber Gefahr, die Geltungskraft demokratischer Normen zu relativieren. Zwar rufen die Evolutionisten zu Recht in Erinnerung, dass es vor dreißig Jahren staatliche und gesellschaftliche Formen der Illiberalität gab, die mühsam überwunden werden mussten. Doch aus dem legitimen Protest gegen solche Missstände folgte keineswegs zwangsläufig die fundamentale Infragestellung der bundesdeutschen Verfassungsordnung.

Die extreme Linke war vielmehr Gefangene eines verselbstständigten ideologischen Zeichensystems, das sie unfähig machte, die tatsächlichen Konfliktlagen dieser Zeit wahrzunehmen. Ihr hermetisches Weltbild immer nur als überschießende Reaktion auf staatliche Repression darzustellen, beschönigt ihren Absolutheitsanspruch und ihre aggressive Intoleranz.

Aber auch die Position der Statiker droht in einen - sogar noch krasseren - Werterelativismus umzukippen. Jegliche Form von Gewalt, überall und ungeachtet aller konkreten Umstände und Auswirkungen, auf die gleiche Stufe zu stellen, unterminiert das moralische Unterscheidungsvermögen zwischen ungleichen Dimensionen von Gewaltausübung. Differenzierungsfähigkeit gegenüber den Abstufungen von Verirrung und Gefahr ist für eine freiheitliche Gesellschaft jedoch ebenso lebensnotwendig wie die unzweideutige Absage an jegliche Gewaltanwendung in der politischen Auseinandersetzung. Einige Gegner Joschka Fischers haben sich dazu verstiegen, die Bewältigung der Frankfurter Streetfighter-Vergangenheit mit der Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen gleichzusetzen. Wer das tut, erschüttert die ethischen Wertmaßstäbe der Nachgeborenen nachhaltiger, als es jedes noch so schockierende Prügelfoto vom Außenminister als jungem Mann je bewirken könnte.

Beide Richtungen, Statiker und Evolutionisten, versuchen die Bewusstseinsgeschichte der Republik mitsamt ihren Paradoxien und Brüchen in ein Interpretationsschema einzupassen, das ihnen die Deutungshoheit über das Selbstverständnis der deutschen Demokratie sichern soll. Dabei wäre es, aus dem historischen Abstand heraus, heute möglich, die Legendenbildungen und Lebenslügen der Republik zu durchbrechen und sich der eigenen Geschichte ohne Legitimationsdruck zu stellen. Statt einer längst versunkenen Bewegung einmal mehr den politisch korrekten Prozess zu machen, wäre es an der Zeit, die grotesken Auswüchse des Linksradikalismus im Kontext jenes eigenartigen Realitätsverlustes zu betrachten, der die gesamte bundesdeutsche Gesellschaft dieser Jahre prägte. So wurde der RAF-Terrorismus in seinen ersten Jahren keineswegs nur innerhalb der revolutionären Linken mit einer gewissen hämischen Bewunderung betrachtet: Hier traute sich endlich mal jemand, es der selbstherrlichen Staatsmacht so richtig zu zeigen. Gewalt war ein reizvolles Gedankenspiel, weit entfernt von der eigenen Lebenserfahrung.

Das Wechselspiel von rückwirkender Entlarvung und Exkulpation zu betreiben, ist freilich einfacher, als den verborgenen Gewaltmechanismen und -sehnsüchten der äußerlich so wohl geordneten deutschen Nachkriegsgesellschaft nachzuspüren. Was hat junge deutsche Intellektuelle - gerade einmal zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Herrschaft - veranlasst, ekstatisch die Namen von Führerfiguren wie Mao Tse Tung zu skandieren, der Parole des revolutionären Todesmystikers Che Guevara folgend nach "zwei, drei vielen Vietnamkriegen" zu rufen und eine der brutalsten politischen Massenverfolgungen des vergangenen Jahrhunderts, die chinesische Kulturrevolution, zum Fanal für die universale Emanzipation der Menschheit zu erklären?

Wie konnte es geschehen, dass junge deutsche Linke unter der Prämisse, die richtigen Lehren aus der Erfahrung des Nationalsozialismus gezogen zu haben, die westlichen Demokratien mit einem potenziellen Hyper-Faschismus verwechselten? Wie war es möglich, dass sie unter dem Signum des Antifaschismus und der antiautoritären Revolte ihrerseits Diktaturen verherrlichten oder zumindest verharmlosten, deren Strukturen und Methoden denen faschistischer Systeme tatsächlich bis zum Verwechseln ähnlich waren?

Andererseits gab sich das bundesrepublikanische Establishment lange Zeit der Zwangsvorstellung hin, jede außerparlamentarische Regung stelle per se eine staatsumstürzlerische Gefahr dar. Repräsentanten der demokratischen Rechten rechtfertigten die Gewaltherrschaft in Griechenland, Südafrika oder Chile und nährten damit den Verdacht, sie erstrebten ähnliche Verhältnisse auch hier zu Lande. Diese Konfrontationslogik führte dazu, dass neue Freiräume, die in den sechziger Jahren errungen worden waren, in den Siebzigern wieder massiv in Gefahr gerieten. Von 1968 bis heute gibt es keine eindeutig nachvollziehbare Kontinuität - weder im positiven noch im negativen Sinne.

Gewalt ist eine bleibende Herausforderung für die offene Gesellschaft. Wie man ihr entschlossen entgegentritt, ohne sich ihrer freiheitsvernichtenden Logik anzugleichen, ist ein ständiger Lernprozess, den keine noch so reuige Distanzierungserklärung verantwortlicher Politiker ersetzen kann. Den militanten Globalisierungsgegnern, die vergangenes Wochenende aus Wut über eine unerbittliche Staatsmacht Zürich in ein Schlachtfeld verwandelt haben, ist die Frage, was Alt-Spontis vor dreißig Jahren auf Frankfurts Straßen getrieben haben und was sie jetzt darüber denken, völlig gleichgültig. An den Haaren herbeigezogen ist die Behauptung, der Verbleib Joschka Fischers im Ministeramt stelle eine Ermutigung für rechtsradikale Gewalttäter dar.

Fischers Autorität gründet gerade nicht auf der Tatsache, dass er einmal gewalttätig war. Seine Biografie steht vielmehr exemplarisch dafür, wie mühsam der Weg aus der Gewaltlogik ist - dass er aber mit einer umso gefestigteren Einsicht in die Unverzichtbarkeit demokratischer Verfahrensnormen enden kann. Daraus sollte die liberale Demokratie die Zuversicht schöpfen, gegen alle aktuellen und zukünftigen Gewaltideologien bestehen zu können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar