7. Art : Tischlein deckt sich

Die 7. Art Karlsruhe zeigt Klassisches. Doch die Kunstmesse im Südwesten müsste sich mehr um die Avantgarde bemühen.

von
326449_0_32c84ac8.jpg
Glas vor dem Kopf. „Being a window“ heißt die Installation von Volker März in der Koje der Galerie Tammen. Foto: dpa/Schillingdpa

Im freien Fall saust die Skulptur nach unten, zerbricht in tausend Teile und setzt sich anschließend wieder zusammen. Schönheit, Schrecken und Zerstörung: das ganze Arsenal der Kunst, verdichtet auf ein paar Filmsekunden. José Noguero zeigt sein Video im dunklen Separée der „Berlin Lounge“. Draußen bläst ein Ventilator unablässig Luft an die Wand und fixiert so einen zarten Kreis, den Zilvinas Kempinas aus ein paar Metern Kassettenband geformt hat. Fest wie Marmor oder aus Strom gemacht – besser ließe sich vonseiten des Georg-Kolbe-Museums, das sich auf der Art Karlsruhe mit exemplarischen Arbeiten vorstellt, kaum zeigen, wie breit das Genre der Skulptur inzwischen aufgestellt ist.

14 Galerien sind allein mit der „Berlin Lounge“ des Landesverbandes der Berliner Galerien (LVBG) angereist, um auf der großen Kunstmesse im Südwesten zeitgenössische Positionen zu vertreten. Hinzu kommen Kojen wie die von Wendt & Friedmann, Wagner + Partner, Marcus Deschler, Georg Nothelfer, Peter Herrmann oder Werner Tammen auf dem regulären Areal der Messe. Manche der Galeristen sind von Anfang an dabei und haben verfolgt, wie aus der Art Karlsruhe, die vor sieben Jahren erstmals stattgefunden hat, ein ernst zu nehmender Umschlagplatz für Kunst geworden ist, den auch immer mehr Galerien der Hauptstadt nutzen. Da verwundert es schon, wenn die Journalistin vom Südwestfunk mit ihrem Kamera-Team durch die „Berlin Lounge“ mäandert und den Kollegen zuruft, man habe jetzt „genug schräge Kunst“ gefilmt.

Man kann das amüsant finden. Oder aber symptomatisch für eine Messe, die durch ihre schiere Größe – 200 Teilnehmer und 40 000 Besucher jährlich –, einen repräsentativen Anteil klassischer Moderne und mit großen Freiflächen beeindruckt, die Platz für skulpturale Arrangements schaffen. Nahezu doppelt so viele Galerien melden sich inzwischen an, ein Beirat entscheidet über die Zulassung und damit über die Ausrichtung der Messe. Neuzugänge wie die Galerie Michael Werner, die mit Künstlern ihres Programms von Georg Baselitz bis Francis Picabia vertreten ist, dürfte die Jury einstimmig durchgewunken haben. Obgleich die Aussteller inzwischen aus zwölf Ländern kommen, fehlt es an jenen namhaften Galerien, die sonst die gewichtigen Kunstmessen prägen. Da tut es gut, wenn neben Henze & Ketterer aus der Schweiz, Ludorff aus Düsseldorf oder dem Kölner Galeristen Heinz Holtmann mit Werner ein weiterer internationaler Player die luftigen Hallen besetzt. Sein Programm ergänzt ein Angebot, das sich an ein ebenso kundiges wie potentes Publikum richtet. Man sieht ein „Blumenstilleben mit Buddha“ von Max Pechstein (1923), ein frühes Nagelbild von Günther Uecker und eine wunderbare kleine Bronze von Marino Marini bei Schwarzer (Düsseldorf), die 495 000 Euro kosten soll. Henze & Ketterer deckt mit einer späten Leinwand von Ernst Ludwig Kirchner für über drei Millionen Euro das oberste Segment der Messe ab, darunter gibt es jede Menge zu entdecken. Große Formate von Karl Otto Goetz bei Hennemann (Bonn) aus den achtziger Jahren für 60 000 Euro. Dazu kleine Arbeiten wie eine abstrakte Gouache von Rudi Baerwind (1958), die für 1950 Euro schon zur Preview bei Maulberger (München) den Besitzer wechselte. Noch zu haben war eine Leinwand von K.R.H. Sonderborg für 8800 Euro und zwei Zeichnungen von Daniel Richter („o.T.“, je 13 900 Euro), der es offenbar in den badischen Olymp geschafft hat.

Schwieriger gestaltet sich die Etablierung der unmittelbaren Avantgarde. Wo man mit der informellen Malerei, der abstrakten Moderne und gesicherten Positionen der achtziger Jahre gute Geschäfte macht, wirken viele der jungen vorgestellten Künstler wie ein Abklatsch ihrer Vorgänger. Mehr Mut wäre wünschenswert – und ein beherzter Blick auf Galerien wie Pack of Patches aus Jena, deren Koje perfekt kuratiert ist. „Verhalten“ reagiere das Publikum auf ihren ersten Auftritt, meint Galeristin Grit Höhn – was aber auch daran liegen kann, dass die Monsterpralinenbilder von Peter Anton am Stand der DavisKlemmGallery (Frankfurt) alle Blicke automatisch auf sich ziehen.

Pack of Patches aber steigern das Niveau der art Karlsruhe, genau wie die „Berlin Lounge“ mit Arbeiten von Peter Ruehle (Kai Hilgemann), Philipp Hennevogl (Hunchentoot Galerie) oder Peter Dreher (Wagner + Partner), die keinesfalls „schräg“ sind, sondern präzise Angebote zum Diskurs der Kunst. Ewald Karl Schrade macht es sich als Projektleiter der Messe zu einfach, wenn er verkündet, ein Maßstab für Qualität sei das reine Geschäft, und wer unzureichend verkaufe, der sei beim nächsten Mal halt nicht mehr dabei. Die Rezeption neuer Kunst braucht Zeit und Vermittlung, und die Art Karlsruhe muss sich entscheiden, ob sie die Energie dafür aufwenden will – auch für das eigene Image.

art Karlsruhe, bis 7.3., Messe Karlsruhe, www.art-karlsruhe.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben