Kultur : "7 Hügel": Das verspielte Jahrhundert

Thomas Lackmann

Jetzt schlägt das Pendel in die Gegenrichtung. Dann schlägt es zurück. Von der Kuppel des Martin-Gropius-Baus baumelt die schwere Kugel an dem 17-Meter-Seil wie das Gewicht einer Monsteruhr: über dem Vier-Meter-Radius eines Kreises am Boden des Lichthofs. Sie überschwebt bei jedem Flug einen Magneten im Zentrum des Zirkels, der ihr Schwingungs-Energie zuführt; verjüngt sich in einer Stahlspitze, die der rundum aufgestellten Parade von 100 Stahlstiften bei jedem Erreichen des äußersten Flugbahnpunktes sehr nahekommt. Die Hälfte dieser Stifte ist bereits umgefallen, was zu beweisen war: Demnach schwingt die Kugel durchaus nicht gerade hin und her, wie das den Anschein hat und aufgrund ihrer trägen Masse angebracht wäre, sondern ändert unmerklich die Ausschlagsrichtung - wie das so genannte "Foucaultsche Pendel", mit welchem ein Physiker vor 149 Jahren demonstrierte, dass der Globus rotiert! Am Rande dieser Versuchsanordnung, deren Protagonist also die Erdumdrehung persönlich ist, drängt sich ein Besucherpulk: nicht um den Tanz des Planeten zu verstehen, sondern für den Auftritt des neu aus Japan eingetroffenen Roboter-Flötisten.

Als die Ausstellung "7 Hügel. Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts" vor 100 Tagen eröffnete, war das Foucaultsche Pendel, nachgebaut an der Berliner Humboldt-Universität, noch nicht installiert: An seinem Platz stand ein Podium, auf dem sich "P3" mit artigen Gesten präsentierte. Dieser Spitzenroboter unter den Humanoiden hat mittlerweile seine Rolle auf die Präsenz eines toten Museumsstücks reduziert. Der ebenfalls von japanischen Forschern entwickelte, in der Ausstellungs-Dramaturgie an seine Stelle getretene Flöten-Roboter (Tsp vom 18. 8.) wirkt auf Grund seines unmuskulösen Designs keineswegs wie ein Maschinenmensch. Der Zylinder auf dem Gerät, über der bebrillten Maske und dem Plastikmund sowie die Manschette über Drahtzügen, an deren Ende Metallfinger die Löcher der Querflöte abdecken: Versatzstücke einer satirischen Verkleidung. Ein durchsichtiger Lungen-Kolben pumpt Luft in den "Kopf" der Mechanik, es erklingen "Du, du, liegst mir im Herzen", ein Volkslied aus Nippon und Mozarts "Nachtmusik" - fehlerfrei. Die Zuschauer staunen höflich, ihre Gewöhnung an alltägliche Retorten-Klänge ist durch diese digitale Glanztat schwer aufzubrechen. Als zuletzt der Roboter gemeinsam mit einem homo sapiens-Flötisten zum Piano (aus der Tonkonserve) ein Trio absolviert, dominiert der Live-Musikant die Versuchsanordnung; sein warmer Ton und die wiegende Körpersprache transportieren eine eigene Botschaft. Hinter den Zuhörern schlägt derweil das Riesenpendel im Takt des planetarischen Rotationstanzes - klack - den nächsten Stahlstift um. Urknall und Weltall, Mensch und künstliche Intelligenz: die Gleichzeitigkeit vieler Evolutions-Akte in einem Blick, das ist der Clou dieser kühnen Inszenierung auf der Bühne des Gropius-Baus.

Seit dem von heftiger Vorschusskritik begleiteten "7 Hügel"-Start im Mai haben Parallel-Events und -Diskussionen die Bedeutung der Veranstaltung kommentiert. Zuerst wurde Berlins Superschau an der Expo gemessen, die aufgrund ihres Besucher-Kalküls ins Kreuzfeuer geriet, beim Besuchervolk aber Gnade fand. Dann erregte, ausgelöst von der fortschreitenden Entzifferung menschlichen Erbguts und seiner Vermarktung, eine nie gekannte Debatte um Zukunftstechnologie die mediale Öffentlichkeit. Auf dem Hintergrund dieser Dispute veränderte sich die Wahrnehmung der Wissens-Präsentationen in Hannover und in Berlin: Begriffe wie "Genom" und "Nanotechnologie", vor kurzem noch Besitz einer Info-Elite, wurden populär. Auf die Rezeption der "7 Hügel" mag der Diskursschub anregend gewirkt haben, den Besucherstrom hat er wohl kaum beeinflusst. Über 200 000, mitnichten mehr als erwartet, kamen bislang; ferienbedingt sank die Frequenz, mangels Schulklassen - jetzt werden mehr Touristen registriert. Da das Interesse meist vor Toresschluss ansteigt, hoffen die "Hügel"-Macher, bis zum 29. Oktober ihr Ziel - 400 oder gar 500 000 - doch noch zu erreichen.

An einem hochsommerlichen Wochentag sind die Themen-Räume des "Hügel"-Universums - "Kern" (die Lichthof-Kathedrale der Zukunftstechnologie), "Weltraum", "Dschungel", "Zivilisation", sowie im zweiten Stock "Wissen", "Glauben" und "Träumen" - angenehm bevölkert. Kinder hüpfen, Erwachsene sinnieren vor Monitoren; ein Knabe döst am Katalogpult im ersten Stock, wo die Heißluft der ebenerdig schuftenden Halbleiter sich sammelt. Das Erdgeschoss ist kühl. Maschinenruhig sortiert der Replication Robot des Ressourcenzentrums im Deutschen Human Genom Project Bakterien. Die orangenen Roboter-Legokonstrukteure, im Käfig ihrer Fließbandarbeit eingesperrt, werden umlagert von jungen Bastlern. Im "Dschungel" markieren Teenies an der "Gen Memory"-Wand des Schöpfungsspiels bunte Reagenzgläser per Scanner-Pistole: "lutra lutra" und "pantherea leo"? Der Monitor bedauert: "Paarung nicht erfolgreich. Fahren Sie fort". Nebenan demonstrieren die schwarzen "Pico-Scann"-Bildschirme ("z. Zt. leider außer Betrieb") Elektronik ohne Strom. Im "Träume"-Bereich, dem beliebtesten "Hügel", schlagen zwei Frauen auf Gongscheiben, zwischen denen raumgreifender Klang sich zur Meditationsskulptur wölbt. In der "Glaubens"-Höhle blinzeln Omis auf lehrreiche Vitrinen. In der "Wissens"-Abteilung erklärt ein "Hügel"-Guide den Besuchern, dass die Lady Byron auf diesem Gemälde das Webstuhlbild, den Vorläufer des Computer-pics, erfand. "Bibliothek der Ewigkeit" steht am Nachbartor geschrieben: "Der in der Antike geformte Bildungskanon bildet die Grundlage der heutigen und zukünftigen Wissensgesellschaft."

Ist "7 Hügel" zu bildungslastig, zu zukunftsgläubig? Die Ausstellungsmacher sind sogar mit ihren Kritikern zufrieden: Da tadele der eine, aus der Distanz, die Technikreligion, und der andere, aus der Nahaufnahme, den Jahrmarkt der Beliebigkeit - sagt Bodo Baumunk. Zwischen diesen Extremen hätten sich die "Hügel" ganz gut behauptet. Anders als die Expo verzichte man auf Tipps zur Weltverbesserung. Die Beschriftung freilich sei nachgebessert worden, und bei einem nächsten Mal würde er mehr Wert auf Didaktik legen. Die "Hügel"-Macher seien halt 68er; damals habe man "vor lauter Durchschauen das Sehen verlernt" und darum bei diesem Projekt das Visuelle betont. Nächstes Mal, sagt Baumunks Partner Gereon Sievernich, würde er das gleiche Ziel mit geringeren Umfängen anstreben; dennoch sei "ungefähr diese Größenordnung" nötig gewesen, um den Millenniums-Begängnissen in London und Paris Paroli zu bieten. Allerdings wollen die "Hügel"-Herren, trotz solch selbstbewußter Bilanz, ihre konfiszierten Besucherbücher nicht herausrücken: "Da steht so viel Unsinn von Schülern drin". Auf den offengelegten kopierten Seiten ist eigentlich nichts Böses zu sehen: "Begeistert!" - "Cool, aber der Computer fragt immer das Gleiche." - "Eine schockierende, gigantische Verschwendung von Ressourcen."- "Ganz gut, besonders die Blutegel".

Nicht die Versicherung für die 2000 Objekte dieser Festspiel-Ausstellung, sondern die Produktionskosten, heißt es, machen den Löwenanteil des 28-Millionen-Etats aus, welchen Baumunk mit der Lokomotiven-Funktion solcher Spektakel rechtfertigt: 1981 beispielsweise sei die "Preußen"-Ausstellung zur Initialzündung für das Deutsche Historische Museum geworden! Zugegeben, niemand habe derart hohe Wartungskosten für die "Hügel"-Elektronik geahnt, und die Miete - so stöhnt der Verwaltungsdirektor der Berliner Festspiele, Hinrich Gieseler - sei vor der Klimatisierung des Gropius-Baus dreimal niedriger gewesen. Da lange die kassierende Berlinische Galerie im Auftrag Senator Stölzls heftig zu. Beantragt habe man anfangs bei den Hütern der Lotto-Stiftung 31 Millionen; die seien "aus dem Sessel gefallen" und hätten auf 24,5 gedrückt. Der Nachantrag lag bei 29,5, Endergebnis: 28. Ein Pokerspiel? Ob eine flaue Kalkulation, die Personalalimentation der Festspiele oder gar ihre Dienstreisen-Praxis schuld sind, dass am Ende einer vierjährigen Vorbereitung kein Geld mehr für gute Katalogfotos da war, dass bei geöffneten Toren Fernseher schwarz und manche Glühbirnen unausgewechselt bleiben - das soll die Öffentlichkeit, nach dem Willen der Intendanz und ihres Verwalters, auch künftig nicht erfahren.

"Werden Spiele das Brot des 21. Jahrhunderts sein?" fragt die Wandschrift im düsteren "Hügel"-Raum "Zivilisation", wo auch ein Pantheon-Modell zu sehen ist: jener Tempel Roms, der urbi et orbi zur Mutter aller Himmelskuppeln wurde. Im Pariser Panthéon, der Vaterlandskirche, die wiederum dem Washingtoner Kapitol als republikanisches Vorbild diente, ließ 1851 Léon Foucault an einem 67-Meter-Seil eine 28-Kilo-Kugel pendeln, zum Beweis der Erdrotation. Auf der Nordhalbkugel treibt das Pendel rechtswärts, auf der Südhälfte nach links. "7 Hügel" vermittelt Besuchern den verwirrenden thrill, auf wankendem Grund zu stehen; die verlogene Mäkelei an den 28 Riesen aus der Lottokasse wird bis zum nächsten, teureren Mega-Event klaglos verpuffen. Gleichwohl drehen sich alle "Hügel"-Bewohner samt ihrem Globus um die eigene Achse: um Perspektiven eines Fünftels der Menschheit. Zukunft des "Südens" kommt nicht vor. Infotainment contra Engagement? "ZLATKO WAS HERE, WO SEIT IHR?" hat ein Fan des "in der Antike geformten Bildungskanons" ins Besucherbuch geschrieben.

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