Goßartig: der 91-jährige Harry Dean Stanton als "Lucky"

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70. Filmfestival in Locarno : Lucky schaut in den Spiegel
Anke Leweke
Verschmilzt mit seiner Rolle: der 91-jährige Harry Dean Stanton als "Lucky".
Verschmilzt mit seiner Rolle: der 91-jährige Harry Dean Stanton als "Lucky".Foto: Filmfest Locarno

In diese kräftig-jungen Körper ist die Vergänglichkeit noch nicht eingeschrieben. Wenn aber Harry Dean Stanton in „Lucky“ beim allmorgendlichen Rasieren seinen faltigen Oberkörper betrachtet, begegnet er nicht mehr dem Mann, der er einst war. Umso rührender seine Yogaübungen. Lucky lebt zwischen Kakteen und Felsen in einer Wüstenlandschaft an der mexikanischen Grenze, sein Alltag besteht aus Ritualen. Zigarette, Gymnastik, Kaffee im Diner. Kreuzworträtsel, Quizshows, Bloody Mary in der Lieblingsbar – der krönende Abschluss eines jeden Tages. Dabei umgibt den mittlerweile 91 Jahre alten Schauspieler die Melancholie eines Countrysongs, dessen Groove auch Lucky in seinen lakonischen Aphorismen über das Leben übernimmt.

Einmal sehen wir ihn im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Zur Quizshow holt Lucky ein Wörterbuch aus dem Schrank und liest die Definition des Begriffs „Realismus“ vor: die Fähigkeit, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Ein Ruck geht durch seinen fragilen Körper, plötzlich wird sich Lucky der eigenen Sterblichkeit bewusst. Es ist der Moment, in dem der Darsteller mit seiner Rolle verschmilzt: Achselzuckend schaut Harry Dean Stanton den Zuschauer unvermittelt an. Der Debütfilm des Amerikaners John Carroll Lynch zeigt Lebens- und Sterbenserkenntnis als leise Tragikomödie.

Eine alte Frau stirbt: Wang Bing gewinnt für seine Doku "Mrs. Fang" den Hauptpreis

Ob auch die ältere Frau im Dokumentarfilm „Mrs. Fang“, für den Wang Bing den Goldenen Leoparden erhielt, ihren nahen Tod akzeptiert? Der chinesische Regisseur hält die letzten Tage der an Alzheimer erkrankten Protagonistin fest. Seine anteilnehmende Kamera zeigt minutenlang ihr Gesicht, ihr schweres Atmen, ihre tränenden Augen, während die ins Dorf angereisten Kinder schon über die Beerdigung sprechen. Ein Sterbezimmer, in das die chinesische Gegenwart einzieht.

Der chinesische Dokumentarist Wang Bing gewinnt den Goldenen Leoparden für "Mrs. Fang", einen Film über das Sterben einer an Alzheimer erkrankten alten Dorfbewohnerin.
Der chinesische Dokumentarist Wang Bing gewinnt den Goldenen Leoparden für "Mrs. Fang", einen Film über das Sterben einer an...Foto: dpa/Flueeler

Die deutsch-französisch-chinesische Produktion, die im Rahmen einer Wang-Bing-Retrospektive auch auf der 14. Documenta in Kassel zu sehen ist, gibt dem Zuschauer den Raum und die Zeit, aus Gesprächsfetzen der Nachbarn und Verwandten größere soziale und politische Zusammenhänge abzuleiten. Für eine gute medizinische Behandlung konnte das Geld nicht aufgetrieben werden; die Kinder sind Niedriglöhner; lange lebten alle gemeinsam in der Einraumwohnung der Mutter, deren Habseligkeiten sind in Plastiktüten verstaut. Immer wieder ist man irritiert über den schroffen Umgang mit der Mutter und Großmutter. Niemand nimmt die sterbende Frau in den Arm, keine tröstenden Worte, keine Zärtlichkeit.

Szene aus dem Dokumentarfilm "Mrs. Fang", für den der Chinese Wang Bing in Locarno den Hauptpreis gewann.
Szene aus dem Dokumentarfilm "Mrs. Fang", für den der Chinese Wang Bing in Locarno den Hauptpreis gewann.Foto: Filmfestival Locarno

Wang Bing hat sich im Weltkino als Chronist der chinesischen Umbrüche einen Namen gemacht. In seinem Debüt „West of the Track“(2002) lieferte er Bilder von geschlossenen Stahlfabriken, von entlassenen Arbeitern, die nicht wissen, wohin sie sollen. Ohnmacht und Lethargie nehmen ihre Körper in Beschlag. Seltsam entfremdet von ihrer Trauer und ihren Sorgen wirken auch die Verwandten von Frau Fang. Nur einmal streichelt eine ebenfalls in die Jahre gekommene Nachbarin ihr über den Arm. Doch es mag unser westlicher Blick sein, der diese kleine Geste mit großen Emotionen auflädt. In „Mrs. Fang“ erlebt man aus nächster Nähe, dass es verschiedene Arten gibt, sich einem sterbenden Körper zu nähern.

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