70. Geburtstag : Michael S. Cullen: Der Stadtschreiber

Er hatte die Idee zur Reichstagsverhüllung: Dem Publizisten Michael S. Cullen zum 70. Ein Geburtstagsgruß von Hermann Rudolph.

Hermann Rudolph
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Michael S. Cullen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ihn gibt es nur einmal, und in Mehrzahl kann man sich dieses quirlige, beredte Energiebündel auch nur schwer vorstellen. Seit bald 45 Jahren gehört Michael S. Cullen zu Berlin, genauer: zur kulturellen Szene, auf der er mit hoher Verlässlichkeit bei den meisten einschlägigen Ereignissen auftaucht und wo er längst zur Institution geworden ist. Zumal die verschüttete Vergangenheit der Stadt hat in ihm einen treuen Anwalt gefunden, von dessen Kenntnissen auch diese Zeitung immer wieder profitiert hat.

Eine Fülle der gewundenen, gebrochenen Lebensläufe von historischen Gebäuden hat er nachgezeichnet. Wie war das mit dem Palais Raczynski, das dort stand, wo sich heute der Reichstag befindet? Wer lebte in der Brüderstraße 13, wo künftig – vielleicht – Suhrkamp residiert? Er weiß es, ein Landesarchiv in einer Person – und das ohne Amt und Besoldungsstufe, gestützt nur auf unversiegbaren Enthusiasmus und maulwurfshaft schürfende Neugierde. Nicht zu vergessen die große Altbauwohnung in der Carmerstraße: Regal für Regal voll mit den Resultaten seiner Faktenleidenschaft.

Allerdings ist es eher das alte West-Berlin, von dem Cullen ein Teil ist. Denn nur in der Inselstadt mit ihren lockeren, bewegten Milieus konnte jemand wie er heimisch werden. Ein amerikanischer Jude, „verlorener“ Sohn – so Cullen über Cullen – eines polnischen Vaters und einer österreichischen Mutter, also gut mitteleuropäisch angelegt, aber in der New Yorker Bronx geboren, kam er 1964 als Englischlehrer nach Berlin und verfiel der Stadt. Zeitweise führte er eine Galerie, aber seinen Ruf bekam er durch seine ausdauernde Passion für den Reichstag. Da ist er dank seiner Forschungen und Bücher zur Instanz geworden. Nach der Wende weitete sich seine Interesse aus auf die Mitte, zumal den Pariser Platz – kein Haus, keine Botschaft an diesem Herzstück der Stadt, über das er nicht geschrieben hat.

Doch Cullen ist nicht nur die rare Kreuzung von Journalist und Privatgelehrtem. Er ist auch Bürger – ein Zeitgenosse, der etwas bewirken will. Er hat sich vielfältig in die laufenden öffentlichen Kontroversen eingemischt, beim Jüdischen Museum etwa, beim Mahnmal. Am spektakulärsten geschah das wohl mit jener Postkarte, die er 1971 schrieb und aus der schließlich die Reichstagsverhüllung wurde. Doch spricht einiges dafür, dass ohne ihn der lange geschmähte Wallotbau nicht wieder von der Öffentlichkeit rehabilitiert worden wäre.

Um so ärgerlicher mag es für Cullen sein, dass die Philippika folgenlos verhallte, die er gegen die dröhnende historische Leere des Hauses richtete. Denn die Abwesenheit jeder Spur von Geschichte im deutschen Parlament bleibt eine Wunde. Anders als deutsche Politiker weiß Cullen auch, dass es sogar noch historische Stätten im Haus gibt – etwa den Saal, in dem 1914 die Annahme der Kriegskredite empfohlen wurde und 1933 der Schlagabtausch zwischen Göring und Dimitroff im Reichstagsbrandprozess stattfand. Es gibt Anlass ihm zu wünschen, dass diese Kritik doch noch Resonanz findet: Heute wird Michael S. Cullen 70 Jahre alt. Und außerdem wäre uns allen geholfen.

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