800 Jahre Dresdner Kreuzchor : Engel auf Zeit

800 Jahre alt und doch so jung: Der weltberühmte Dresdner Kreuzchor feiert sein Jubiläum.

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Kruzianer-Knaben vor dem 102 Meter langen „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloss.
Die Kruzianer-Knaben vor dem 102 Meter langen „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloss.Foto: Mattias Krüger/Kreuzchor

Mit einem Mal verstummt das Stimmengewirr, ein Klavierakkord wird angeschlagen – und schon erfüllt prächtigster, vierstimmiger Gesang den Speisesaal. Erst nach dem frommen Choral greifen die Schüler zu den Schüsseln, schaufeln sich die „deftige Spätzlepfanne“ auf die Teller, die heute auf dem Speiseplan steht. Und selbstverständlich wird am Ende der Mittagspause noch einmal gesungen, im Stehen, nachdem alle ihre Stühle ordentlich zurück an die Tische gerückt haben.

Ein Hauch von Harry Potter schwingt mit, wenn die Knaben und jungen Männer des Dresdner Kreuzchores zum Essenfassen zusammenkommen. In der holzgetäfelten Halle mit dem Neorokoko-Stuck an der Decke läuft das Prozedere dabei nach Regeln ab, die für den Außenstehenden schwer durchschaubar sind. Es gibt eine feste Sitzordnung, durch die sich die Klassenstufen an den Tischen mischen, das Lehrpersonal hat seine eigene Ecke, von der aus das Geschehen gut zu überblicken ist. Hier draußen, im bürgerlichen Stadtteil Striesen, weit ab vom Touristenzentrum, idyllisch gelegen zwischen dem Großen Garten und der „Blaues Wunder“ genannten Elbbrücke, herrscht überhaupt eine eigentümlich unwirkliche Atmosphäre. Auf bezaubernde Weise wirkt dieser Ort aus der Zeit gefallen, jenseits aller digital gesteuerten Alltagsrealität.

Im Jubiläumsjahr gibt es üppige Tourneen

Und doch steht der Knabenchor derzeit im Mittelpunkt des Medieninteresses. Weil er 800 Jahre alt wird. Was selbst in einer so vergangenheitsverliebten Kulturmetropole wie Dresden wirklich etwas Außergewöhnliches darstellt. Bis zur fatalen Bombennacht des 13. Februar 1945, als die gesamte Innenstadt in Trümmer fiel, befanden sich Schule und Internat des Kreuzchores im Zentrum, neben der Kreuzkirche – in der 1539 der erste evangelische Gottesdienst auf sächsischem Boden stattgefunden hatte. Nach außen hin zeigt sich das Gotteshaus im Zustand von 1792, das Innere aber wurde beim Wiederaufbau als offene Wunde belassen, die Wände sind schrundig, in grauer Farbe, roh verputzt.

Was sich allerdings positiv auf die Akustik auswirkt. Wenn die Kruzianer hier ihre Stimmen erheben, sind die 3000 Sitzplätze fast immer voll besetzt. Rund 60 Auftritte bestreitet der Chor hier pro Saison, gesungen wird bei Gottesdiensten und Vespern, zu den Feiertagen gibt es große Oratorien-Aufführungen. Hinzu kommen die Tourneen, die im Jubiläumsjahr besonders üppig ausfallen, also nicht nur quer durch deutsche Lande oder nur zu den Salzburger Festspielen führen, sondern bis nach China.

Ein Kruzianer werden ist nicht ganz einfach - es gibt einen umfangreichen Auswahlprozess

Ein enormes Pensum für die jungen Sängerprofis – die ja nebenbei auch noch das volle Programm eines normalen Gymnasiums absolvieren sollen. Die 125 Jungs des Chores sind nur eine Minderheit in der Kreuzschule, bei der ab der 8. Jahrgangsstufe die Klassen übrigens auch geschlechtlich gemischt sind. Das Casting für die potenziellen Kruzianer beginnt schon in der ersten Grundschulklasse, im ganzen Dresdner Raum. Die Talentiertesten erhalten wöchentliche „Singstunden“, wer als Neunjähriger die Aufnahmeprüfung besteht, absolviert die vierte Klasse als Probejahr, wohnt aber bereits im schuleigenen Internat – und lernt dort im Idealfall, die größte nichtmusikalische Herausforderung zu meistern: das Heimweh.

Nach dem Stimmbruch findet ein weiterer Ausleseprozess statt. Weil die zu Tenören und Bässen gereiften Großen natürlich auch kräftigere Organe haben, kann nur die Hälfte von ihnen weiter mitmachen, damit sie die zarten Knabenstimmen nicht übertönen.

Bei Ulrike Muschketat bekommen alle das passende Outfit zu ihrem Status: Weil den Chormitgliedern bei der Bewältigung von Schule und Internatsalltag sowieso schon jede Menge Selbstständigkeit abverlangt wird, beschäftigt der Kreuzchor eine eigene Schneiderin, die die Konzertkleidung verwaltet und pflegt. Zwei Mal pro Jahr treten die Klassen zur Anprobe an, damit Frau Muschketat sehen kann, wer schon wieder aus seinem Habit herausgewachsen ist. Die Allerkleinsten tragen Fliege zum schwarzen Anzug, die Großen Krawatte. Die Knaben wiederum erkennt man an den Jacketts ohne Revers – damit der extra breite, altmodische „Schiller-Kragen“ besser zur Geltung kommt. Die Outfits werden vor jedem Auswärtsauftritt von der Schneiderin in speziellen Koffern verstaut, die sich in ihrem Atelier in den Regalen oberhalb der Kleiderstangen stapeln.

Kostbare Engelsstimmen

Extrem konzentriert geht es bei den Chorproben zu, die sich, nach Stimmgruppen gestaffelt, über den gesamten Nachmittag erstrecken und direkt im Anschluss ans Mittagessen beginnen. Als wären es Volkslieder, singen die kleinen, zarten Kerlchen komplexe Kantaten von Johann Sebastian Bach und seinen Zeitgenossen vom Blatt, tragen, ohne mit der Wimper zu zucken, vor versammelter Mannschaft eine besonders heikle Stelle solo vor, wenn sie dazu aufgefordert werden. Überhaupt werden die jungen Interpreten hier wie Erwachsene behandelt, sollen selbstverständlich wissen, was ein „Cherub“ ist, müssen sich mit Spezialkenntnissen über barocke Klangrhetorik traktieren lassen. Kreuzkantor Roderich Kreile und Chordirigent Peter Kopp wirken geradezu getrieben in ihrem Bemühen, ihren Schützlingen so schnell wie möglich so viel wie möglich beizubringen. Denn diese Engelsstimmen sind kostbar – weil sie vergänglich sind.

Am 26. Juni gibt der Kreuzchor im Rahmen der Brandenburgischen Sommerkonzerte ein A-Cappella-Konzert in Blankensee, am 1. Juli tritt er in Prenzlau auf, am 2. Juli in Chorin und am 3. Juli in Havelberg.

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