Kultur : 808 Tage im Kreis

Im Kino: „Arktos“ – ein Nordpol-Abenteuer

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Wollen Sie wissen, warum der Film über einen Mann, der einmal allein die Arktis umrundet und das aussehen lässt wie einen Sonntagsausflug, großartig ist? Nicht wegen der Landschaft. Die sieht praktisch immer gleich weiß aus. Auch hält sich das darstellerische Talent von Mike Horn in Grenzen. Am besten ist er noch darin, sich einen Bart wachsen zu lassen. Nein, „Arktos“ besticht, weil es ein Homevideo ist. Ein auf Spielfilmlänge gestreckter, amateurhaft zusammengestückelter Abenteuer-Bericht. Von einer Dia-Show unterscheidet sich der Film durch sein ehrliches Unvermögen, erklären zu können, wie der kräftige Pionier in zweieinhalb Jahren 26 451 Kilometer durch die unwirtlichste Region der Erde zurücklegen konnte, ohne eine einzige Blase davonzutragen.

Alles an diesem Film ist billig, voller Zeitsprünge, Anschlussfehler und Ungereimtheiten. Der Off-Kommentar zittert im Pathos des Superlativs, und Phil Collins „It’s Not Too Late“ verströmt süßliche Triumphgefühle. Verwackelte Kameraeinstellungen muss man in Kauf nehmen bei einem, der ständig geht – und sich selbst dabei filmt. Man fühlt sich an ein Videospiel mit immer wieder neuen Prüfungen erinnert, für die am Wegesrand stets neue Fortbewegungsmittel auf den Helden warten. Plötzlich sind sie da, von einem „Logistikteam“ herbeigeschafft: eine Segelyacht, ein Paar Langlaufski samt Ausrüstungsschlitten, ein Gleitschirm, ein Kajak mit Hilfssegel, ein Paar Wanderstiefel, ein Trimaran, ein Fahrrad, noch ein Trimaran. In der Reihenfolge. Ozeane müssen überquert, das grönländische Inlandeis ausgehalten, die Tundra durchwandert und das Packeis gemeistert werden, bevor es in Schollen zerbricht und abtaut. Zwischendurch wird mit Inuit getanzt, über Moskitos geflucht und eine Träne der Rührung über die niedlichen Strichzeichnungen an den Skispitzen verdrückt, die Horns Kinder ihm da als Richtungsweiser hingemalt haben. Das Wetter ist oft schön. Öfter ist es furchtbar.

Der 39-jährige „Mann, der über Eis geht“, wie die Inuit ihn tauften, hat Enormes geleistet. Als erster Mensch ist er einmal um den Nordpol herum, nachdem er 1999 die Erde an ihrer breitesten Stelle umrundet hatte („Latitude Zero“). Dieses Imkreisgehen hat auch etwas Hospitalistisches. Denn Horn macht Erfahrungen, die er nicht mitteilen kann. Einmal, als sein Boot von einem Sturm auf eine Sandbank gespült wird, ist der sportliche, unverwüstliche Hüne kurz der Verzweiflung nahe, ein moderner Hamlet, der sich statt einem Totenschädel einer Videokamera anvertraut. Was diese Tortur wirklich mit ihm angestellt hat, bleibt sein Geheimnis. 808 Tage Einsamkeit machen verschwiegen. Kai Müller

Urania, 14.–16. März

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