9. Berlin-Biennale : Endlich Platz zum Denken

Liebesbrief und Miniaturmodell: In den Kunst-Werken kreuzen sich digitale und analoge Medien im Rahmen der Berlin-Biennale. Unter anderem geben sich åyr die Ehre.

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"Architecture" von åyr
"Architecture" von åyrFoto: åyr

Was passiert, wenn man der Wirklichkeit zu nahe kommt, hat åyr schon mal testen können. Das Künstlerkollektiv aus London war 2015 unter dem Namen Airbnb- Pavillon gestartet – und prompt in Konflikt mit der globalen Vermietungsplattform in Konflikt gekommen.

In den Kunst-Werken gibt das inzwischen umbenannte Quintett nun ein Gastspiel. Seine Konstruktion aus sechs Wandnischen füllt einen ganzen Raum und überdies die Fantasie mit Wohnvorstellungen, deren Unmöglichkeit ein beschriftetes Sofakissen wunderbar auf den Punkt bringt: „Eine Villa im Grünen, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“

Das fügt sich gut zu den Sehnsüchten, die Airbnb bedient: Auf der Website werben Vermieter nicht nur mit optimierten Ansichten, sie machen ihre häuslichen Räume auch zu einem öffentlichen Ort. Åyr interessieren sich für jenen Wandel und die daran gekoppelten Versprechen. Dass man etwa mit dem temporären Einzug in ein privates Zimmer sogleich Teil einer community wird. Die Arbeit spitzt den Gedanken noch einmal zu, drapiert Decken und Kissen in den Nischen. Und sorgt mit naiven Wandmalereien für eine schräge Wohlfühlatmosphäre. Kein Wunder, wenn die echte Vermietungsplattform ein kleines Problem damit hat, dass man ihre Strategien persifliert.

Man wird Teil der gigantischen Performance

Doch so funktioniert die jüngste Berlin Biennale. Sie blickt in eine Welt der Algorithmen, kreiert virtuelle Schauplätze und vermischt sie mit sinnlichen Eindrücken. Mit wilden Beeten vom atelier le balto, die den Innenhof der Kunst-Werke aufgeforstet haben – mit Pflanzen, die dort nach einer kurzen Phase der Vernachlässigung von selbst wachsen würden. Dazwischen stehen Ruhemöbel der amerikanischen Anti-Modemarke 69, die Unisex- und Unisize- Kleider entwirft. Immer aus egalisierendem Jeansstoff, mit dem auch die Liegen bezogen sind.

In der Erdgeschoss-Halle hat Cécile B. Evans die monumentale Installation „What the Heart Wants“ aufgebaut. Ein Hybrid aus Videos, in denen sich Avatare in Minecraft-Architekturen bewegen, und einem Laufsteg, um den richtiges Wasser schwappt. Ob die realen Elemente ergänzend oder kontrastierend zu verstehen sind: beides wahrscheinlich, denn bei Evans wird man unversehens Teil der gigantischen Performance, in der es um die Selbstbehauptung in einer digitalisierten Ära geht. „Es wurde nichts entschieden“, sagt eine der künstlichen, projizierten Figuren. „Es war meine Wahl!“ Was für ein großes Missverständnis! Zu glauben, die eigene Wahl hätte zwischen all den Suggestionen einer perfektionierten Konsumkultur noch Platz.

Ein Regiment von Liebes-Desperados

Immerhin: Die in den Kunst-Werken versammelten knapp zwanzig künstlerischen Positionen wirken mit ihren Mitteln gegen diese schleichende Enteignung. Manche wie „What the Heart Wants“ oder die zuckrigen Porträts von Julien Ceccaldi tun das auf adaptierende Art. Andere analysieren Situationen, die Emotionen wecken wollen. Anne de Vries etwa kompiliert Aufnahmen von Megakonzerten oder -partys zu einem mitreißenden Film. Parallel zeigt der in Amsterdam und Berlin lebende Künstler das Miniaturmodell eines Freiluftkonzerts mit seinen typischen Bausteinen: Bauzäune, Zelte, Dixiklos. Alexa Karolinski und Ingo Niermann setzen einen drastischen Akzent, indem sie in ihrem Video „Army of Love“ ein kleines Regiment von Liebes-Desperados versammeln. Jeder von ihnen schildert sein Verhältnis zu einem Gefühl, das in einer ökonomisierten Gesellschaft wie jedes andere Produkt käuflich ist. Wer keinen Superkörper zum Tausch anbieten kann, der zahlt in anderer Währung. Und Camille Henrot, die mit atemberaubend kombinierten Videosequenzen bekannt geworden ist, hat sich ganz klassisch hingesetzt und Briefe von Hand geschrieben.

Vergebliche Mühe, denn die Adressaten sind Verfasser von Phishing-Mails, aggressiven Online-Spendenaufrufen und Sonderangeboten. Deren Mails an Henrot mögen noch so persönlich klingen. Tatsächlich sind es Massensendungen und die hinreißenden Appelle der Künstlerin an ihre angeblichen Verfasser ein Versuch, das Nichts auf der anderen Seite des Computers zu (be)greifen. Flankierend hat sie romantische Motive wie Vogelpärchen auf große Leinwände gepinselt und ergänzt das erstaunlich analoge Arsenal vor Ort um das der Malerei.

Farbe, Wasser, Pflanzen, Jeans und Interviews mit real existierenden Menschen: In den Kunst-Werken glückt der Biennale die Verschränkung von digitaler und realer Welt in sinnlicher Form – mit Platz zum Denken.

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