Kultur : 90 + 90

VOLKER STRAEBEL

Manchmal deckt unsere auf Jubiläen fixierte Feiertagskultur tatsächlich Bezüge zwischen Dingen auf, die man aus inhaltlichen Gründen kaum zusammenbrächte.Am Freitag beging Elliott Carter seinen 90.Geburtstag, und am Tag zuvor hätte Olivier Messiaen dasselbe Alter erreicht.Was also lag näher, als, wie es das Ensemble Blue Noise im Podewil unternahm, beide Komponisten zu ehren, und zwar den französischen Mystiker um zehn Uhr abends, den Amerikaner um Mitternacht?

In der Gegenüberstellung erschien der auf den Konzertprogrammen unverdientermaßen wenig präsente Carter als der jüngere, frischere Komponist.Atmete seine pianistisch anspruchsvolle Klaviersonate von 1946, die Philipp Mayers mit souveräner Leichtigkeit darbot, noch den Geist des von seiner Lehrerin Nadja Boulanger vertretenen Klassizismus, so boten kurze Virtuosenstücke aus den letzten fünfzehn Jahren ein ganz anderes Bild: Im atonalen Kontrapunkt bilden Flöte (Kirsten Reese) und Klarinette (Christian Balcke) in "Esprit rude, esprit doux" weniger grobe, dafür um so lieblichere Bewegungsformen aus, die sich in gut ausbalancierten Trillerketten gegenseitig aufheben.Die spannungsvoll musizierten "Enchanted Preludes" spielen hingegen mit dem "bezaubernden" Kontrast der Instrumentalfarben.Reese entlockte ihrer Flöte die abstrakten Klanggesten mit großer Sensibilität, und Anna Carewe stand ihr mit raschen Wechseln der Register und Spieltechniken in nichts nach.

Dagegen hatte Messiaens "Quatuor pour la Fin du Temps" einen schweren Stand.Die lang gedehnten Espressivo-Haltetöne überforderten schnell die Streicher, wenngleich Florian Donderer ein wunderbar poetischer Finalsatz gelang.Wo sie in den energisch-raschen Stellen dem gewaltigen Pathos des im Kriegsgefangenenlager komponierten Werkes entgehen konnten, wußten Blue Noise durchaus zu überzeugen; für eine insgesamt schlüssige Interpretation reichte es leider noch nicht.

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