Kultur : 90 Tage Stölzl: Am Ziel - geht das Rennen erst los

Peter von Becker

Er Kommt An. Und ist auch angekommen. Schon vor zwei Jahrzehnten wollte Christoph Stölzl in die Politik. Gerade auf dem Sprung, Direktor des Münchner Stadtmuseums zu werden, schmiedete er das nächste Eisen und bewarb sich beim damaligen Münchner Oberbürgermeister Kiesl hinter den Kulissen sehr eifrig um den Posten des Kulturdezernenten der bayerischen Landeshauptstadt. Vergeblich zwar, aber Karriere hat er trotzdem gemacht, als Museumsmann in München und Berlin, und das politische Amt hat ihn inzwischen auch ereilt: heute vor 90 Tagen - die sich manchen Medien bereits zur Hundertschaft verklären.

Dabei hat es Stölzl geschafft, in Windeseile so etwas wie ein politischer Star zu werden. Das ist vorher schon Michael Naumann gelungen. Der freilich sitzt an Kanzlers Seite und spielt uns gleichsam den Jack Lang, mit weniger Geld und Macht zwar, aber mindestens so telegen und medienwirksam. Stölzls Diepgen dagegen ist nicht der Kanzler und Berlin nicht die Republik. Dennoch ist Stölzls Stuhl, der härsteste der deutschen Kulturpolitik, in diesem Metier neben Naumanns Sessel der prominenteste, und Stölzl macht darauf gute Figur. Er, der Sprunghafte, bildet hier plötzlich auch Sitzfleisch aus: Längst gilt er als aktenkundig und haushaltsrechtlich beschlagen. Nach den Turbulenzen beim jähen Abgangs seiner Vorgängerin ist er in der Berliner Kultur-Finanzkrise durch seine intellektuelle Kompetenz zum letzten Hoffnungsträger geworden.

Darin zeigte sich vor allem eine atmosphärische Veränderung. Wenn Stölzl über Kultur und Politik in der Hauptstadt spricht, dann erscheint Berlin nicht mehr nur als Jammertal, und am Ausgang des Subventionspraradieses gähnte nicht bloß der Abgrund der Banausenlandschaft. Inzwischen spüren selbst Stölzl-Skeptiker, dass der Mann mehr kann als kultiviert dampfplaudern oder ein Schönwetterdirektor sein. Trotzdem sind alle wesentlichen Probleme der Berliner Kultur- und Wissenschaftspolitik auch weiterhin ungelöst. Stölzl, seit Mitte April mit den Versäumnissen eines Jahrzehnts konfrontiert, musste zunächst einmal die Lage analysieren: um ungeschminkte Bilanzen vorzulegen. Als erstes hat er dazu ein Papier zur Struktur der Berliner Opern und Schauspielhäuser vorgelegt, das im Kern besagt: Berlins staatliche Bühnen, deren Etats auf Jahre hin ohne Ausgleich bleiben für die (vom Land Berlin verantworteten) Tarifsteigerungen im Öffentlichen Dienst, sie driften mit ihren Personalausgaben immer tiefer in die roten Zahlen. Weil die CDU-SPD-Koalition zugleich betriebsbedingte Kündigungen ablehnt, steigen die derart programmierten Defizite schon bei nur einem Prozent Tarifanhebung in den nächsten beiden Haushaltsjahren um fast 60 Millionen Mark. Bevor die Institute aber nicht entschuldet sind, ist auch an die oft beschworene grundlegende Strukturreform der öffentlichen Theater und Opernhäuser nicht zu denken. Ohne schon wirklich konkret zu werden, spricht Stölzl in diesem Zusammenhang von einer "politischen Herkulesarbeit". Er empfiehlt (wie schon Christa Thoben) einen Abfindungsfonds für eine "sozial verträgliche Reduzierung der Personalkosten", denkt an die möglichen Synergieeffekte gemeinsamer Theater- und Opernwerkstätten, stellt Schließungen von Häusern zwar weiter in Abrede, orakelt aber immer vernehmlicher über eine Fusion im Berliner Musiktheater. Der Senator gestern im Kulturausschuss des Abgeordentenhauses: Man sei zu arm, um drei Opernhäuser "nach Münchner Muster zu betreiben", darum könne "es so nicht weitergehen".

Stölzl sieht die Probleme der Berliner Opernszene inzwischen als vordringlich an. Da mit Udo Zimmermann Oper als designiertem Nachfolger von Götz Friedrich an der Deutschen Oper und Andreas Homoki als Nachfolger von Harry Kupfer in der Komischen Oper schon zwei Zukunftsentscheidungen gefallen sind, hat Stölzl Handlungsspielraum zunächst nur an der Staatsoper Unter den Linden. Hier laufen die Verträge von Intendant Georg Quander und Daniel Barenboim als künstlerischem Leiter demnächst aus. Zimmermann hat eine denkbare Doppelintendanz (vorerst?) abgelehnt, Barenboim selbst will in seinem Haus nichts mehr einsparen, sondern zehn Millionen Mark mehr - und sieht den künstlerischen Rang der Lindenoper bereits gefährdet.

Allerdings geht es hier nicht nur um die Finanzen und organisatorischen Strukturen. Stölzl hat soeben ausgerufen, "Genius und Geldsack" gehörten bei einem guten Theater- und Operndirektor zusammen. Wer jedoch die jüngste Prestige-Produktion der Lindenoper erlebt hat, sieht dass es bei diesem "Don Giovanni" von Thomas Langhoff (Regie) und Daniel Barenboim (musikalische Leitung) keineswegs am Geldsack gefehlt hat. Die Aufführung, schon mit der Festtagsbesetzung zu Pfingsten kein durchschlagender Erfolg, grenzt im Repertoire nunmehr an eine Zumutung. Musikalisch ist sie nicht mehr als solide und in der Titelpartie unterbesetzt, bei der Inszenierung in einem schier unglaublich scheußlichen Bühnenbild scheint der Regisseur Langhoff indes nicht mehr vorhanden zu sein. Das alles sieht aus wie: Augsburg oder Bielefeld 1961. Eine Provinzpeinlichkeit, bei der man sich fragt, warum ein Künstler vom Rang Barenboims da niemals eingegriffen hat. Und nach dem Fiaksko des gleichen Teams bereits beim "Figaro" letztes Jahr droht jetzt für 2001 der dritte Mozart-Missbrauch derselben Mannschaft. So soll es nicht weitergehen.

Christoph Stölzl, ein Politiker, der nun inhaltlich etwas versteht von Kultur, müßte die öffentliche Diskussion von den Quantitäten auch zu den Qualitätsfragen hin öffnen. Das gilt ebenso mit Blick auf die Schauspielhäuser, insbesondere Claus Peymanns gut subventioniertes, doch bislang wenig hochkarätiges Berliner Ensemble. Bleibt dennoch: das fehlende Geld. Kultur und Wissenschaft, von Rang, sie kosten allemal. Stölzls größtes Kapital bei den jetzt anstehenden Haushaltsberatungen ist seine eigene Unersetzbarkeit - und die Fähigkeit, Politikern mit hartnäckigem Charme allmählich beizubringen, dass Kultur, Wissenschaften und Bildung Berlins Gegenwart und Zukunft bedeuten; dass Investitionen hier auch ökonomisch Renditen bringen. Erst wenn Stölzls Bilanz am Ende zeigt, dass Berlin (mit nur zwei Prozent Kulturetat) es aus eigener Kraft nicht schafft, dann wird der Bund doch noch einen neuen Hauptstadtkulturvertrag schließen müssen.

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