Kultur : 920 Meter Leben

Vom Altar zur Bahre: Was die vierte Berlin Biennale uns sagen will – und wie sie den Parcours des Daseins inszeniert

Bernhard Schulz

Von Mäusen und Menschen“ ist die 4. Berlin-Biennale überschrieben: die Anleihe bei John Steinbeck hat sich als Geniestreich entpuppt. Jeder erhält etwas Fassliches, auch ohne die literarische Vorlage kennen zu müssen. So wollen die Biennale-Kuratoren ihre Ausstellung wohl verstanden wissen: nicht als Insider-Gespräch, sondern als eine vielstimmige Ansprache der Kunst an uns alle.

Kunst, die etwas mitzuteilen hat, ist in den Stationen entlang der Auguststraße zu sehen, mit ihren Hauptstützpunkten in den Kunstwerken und der gegenüber liegenden ehemaligen Jüdischen Mädchenschule. Kunst, die vom Leben spricht und vom Tod, von Trauer und Melancholie, aber auch von Witz und Ironie. Die sich mit dem Alltag beschäftigt, mit Kindheit und Familie, aber auch mit dem gewöhnlichen Ekel und mit Deutschland. Und Kunst, die nicht die stets falsche Behauptung führt, Leben zu sein, wohl aber „dem“ Leben etwas zu sagen hat. Ihre Botschaft schlüsseln wir, zur Halbzeit der Biennale, auf dieser Seite in exemplarischen Einzeltexten auf.

Die Auguststraße erstreckt sich 920 Meter lang von der Touristenmeile Oranienburger Straße bis zum Eingang des Alten Garnisonfriedhofs. 800 Einwohner soll sie heute noch zählen; früher waren es weit mehr, die Spandauer Vorstadt war stets überfüllt. Was kann Kunst, die sich entlang einer schnurgeraden Straße aufreiht – denn die Biennale „bespielt“ ja nicht allein ihre beiden Häuser, sondern eine Reihe von Wohnungen und Örtlichkeiten wie das einstige „Clärchen’s Ballhaus“? Kunst kann sichtbar machen und das Bewusstsein wecken. Die Kunst der Berlin-Biennale weist in ihrer Gesamtheit, aber auch in ihrer vertrackten Anordnung auf den Kreislauf des Lebens hin, auf dessen Schrecknisse, Freuden, Versuchungen. Vor allem auf dessen Abgründe.

Die von den Kuratoren ausgewählten Wohnungen spiegeln die Vielfalt von Lebensentwürfen, die in der Auguststraße „zu Hause“ sind, vom wunderlich ausgestatteten DDR-Nischenmilieu über den Plattenbau bis zum schick sanierten Apartment. So hat man die Auguststraße noch nie gesehen: als ein Theater des Lebens. Nicht länger mehr die legendäre Galerienmeile, auf der die Karrieren einiger der heute erfolgreichsten deutschen Galeristen begonnen haben, nicht länger nur die Kunsttouristenpiste. Plötzlich ist Leben da: gelebtes und vernichtetes, gewesenes und geschehendes Leben. Und alles klingt aus, mit der Klanginstallation von Susan Philipsz, unter den Bäumen des Friedhofs. Auch darüber gerät man ins Grübeln: dass der Friedhof, der Ort des Todes, eine Oase inmitten des Lebens sein kann. Und staunt: am Ende eine christliche Botschaft.

Bis 28. Mai; Di – So 12 – 19, Do bis 21 Uhr

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