Kultur : 99 Konzerte: die Pläne der Philharmoniker

Frederik Hanssen

Gibt es eigentlich etwas, mit dem man Simon Rattle in Verlegenheit bringen kann? Eine Frage, die dem eloquenten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und gewieften Medienprofi die Sprache verschlägt? Ja: Wenn man von ihm wissen will, warum es in den vergangenen zwei Jahren nicht gelungen ist, einen Intendanten für die Stiftung „Berliner Philharmoniker“ zu finden. Weder Rattle noch sein Orchestervorstand wussten am Montag bei der Jahrespressekonferenz schlüssig darzulegen, weshalb der Posten immer noch unbesetzt ist. „Nun ja“, sagt Rattle, „das ist ein schwerer Job. Ungefähr wie in einem Streichquartett zu spielen. Es fühlt sich an, als sei man mit den anderen drei Leuten verheiratet – aber ohne die Vorteile.“

In der Tat: Seit der Trennung von Franz Xaver Ohnesorg haben die Musiker und ihr Chefdirigent bewiesen, dass sie den Laden auch alleine am Laufen halten können. Mögen alle Beteiligten stets beklagen, dieser Zustand könne nicht ewig andauern, dürfte es für einen neuen Intendanten mit jedem Monat schwerer werden, sich eine starke Position im eingespielten Machtgefüge zu erobern.

So lange die Philharmoniker weiterhin so brillant spielen wie im Augenblick, kann es dem Publikum allerdings letztlich egal sein, was hinter den Kulissen passiert. In Berlin wird das Orchester in der Saison 2005/06 insgesamt 99 Mal auftreten. Hinzu kommen Tourneen nach New York, Salzburg, Luzern, Aix-en-Provence und Ostasien. Simon Rattle leitete 31 Abende in der Philharmonie und 35 Konzerte auf Reisen.

Ihr Debüt bei den Philharmonikern geben Kirill Petrenko, George Benjamin und Markus Stenz. Claudio Abbado kommt im Mai 2006 mit Schumanns „Manfred“, wieder eingeladen wurde Christian Thielemann. Weitere Gastdirigenten sind unter anderen Daniel Barenboim, William Christie, Sakari Oramo, Mariss Jansons und John Williams (fürs Waldbühnenkonzert). Auffällig oft steht konzertante Oper auf dem Programm: Janaceks „Jenufa“, der 1. Akt aus Wagners „Walküre“ sowie „Rheingold“ und Debussys „Pelléas“ (alle geleitet von Rattle), außerdem Schuberts „Alfonso und Estrella“ (Harnoncourt).

„Nach einer neuen Solo-Bratsche, die zu uns passt“, sagt Orchestervorstand Peter Riegelbauer beim Gespräch nach der Pressekonferenz, „suchen wir übrigens schon viel länger als nach einem Intendanten: fünf Jahre.“

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