Kultur : 99 Luftballons machen noch keinen Sommer

Trotz Can und Kraftwerk: Deutsche Popmusik wird im Ausland kaum wahrgenommen. Das soll nun anders werden – mit „German Sounds“, einem eigenen Exportbüro

Kai Müller

In Sao Paulo flippen sie aus. In Johannesburg dürfen sie nicht aus dem Auto steigen. In Tel Aviv werden sie trotz ihrer 29 Koffer kaum kontrolliert. In Ankara werden ihnen nach dem Konzert die größten Blumensträuße überreicht. Und in St. Petersburg wird Maximilian Hecker von zwei Polizisten bestohlen.

Das ist die vorläufige Bilanz einer „Welttournee“, auf die das Goethe-Institut den Melancholie-Popper Hecker zusammen mit Barbara Morgenstern geschickt hat. 30 Doppelkonzerte in 26 Ländern. Der erste Teil, der sie nach Südamerika, Afrika, Europa und Russland führte, ist geschafft. Am Sonntag geht es in New York weiter, danach über Asien bis nach Sydney, wo sie den Marathon Mitte März beenden werden. Für die beiden Berliner Bands ist es, na klar, die „größte Chance“ (Morgenstern) ihrer jungen Karriere. Wobei der Diebstahl und das raue Klima des russischen Raubtierkapitalismus auch die unerfreulichen Seiten des kulturellen Crash-Kurses offenbart. Als Hecker Anzeige erstatten will, findet sich auf dem Polizeirevier nicht einmal ein Kugelschreiber, um den Vorfall aufzunehmen.

So wird die Reise denn auch von der Goethe-Zentrale mit Herzklopfen verfolgt. Nicht nur die beteiligten Auslandsinstitute bringt ein solches Unternehmen an die Belastungsgrenze. Erstmals in der Goethe-Geschichte haben sich die deutschen Kulturbotschafter als Bookingagentur betätigt und im Clubwesen gearbeitet. Und das in Regionen, in denen deutsche Popmusik kaum etwas gilt. Doch scheint den auf Plakaten als „Neue Musik aus Berlin“ angekündigten Künstlern ein Ruf vorauszueilen. Sie kommen aus einer Szenestadt, in der die Menschen für ihre künstlerischen Ideale leben.

Die Tour markiert eine Scheidelinie. Denn das Goethe-Institut, das seit 1980 immer wieder Undergroundströmungen aufgriff und schon mal die Einstürzenden Neubauten, Der Plan, Rio Reiser oder FSK in fremde Länder schickte, stemmt eine derart weltumspannende Pop-Offensive nur ausnahmsweise. Wollte man dergleichen wiederholen, müsste man „anbauen“, wie Jürgen Drews, musikalischer Leiter (und nicht der Schlagersänger!), sich ausdrückt.

Mit anderen Worten: Man hat sich übernommen. Dabei versuchen die Goethe-Enthusiasten nur, eine Scharte in der deutschen Kulturpolitik auszuwetzen: Deutsche Popmusik wird im Ausland als Exot wahrgenommen, wenn überhaupt. Im Gegenzug ist der deutsche Unterhaltungsmarkt (einer der größten der Welt) zum Importmarkt geworden und soll es nach Vorstellungen der global player auch bleiben. Branchenriesen wie Universal, Sony, BMG, Warner und EMI verdienen vor allem am Lizenzgeschäft. Nationale Künstler spülen lediglich den Tochterfirmen Geld in die Bilanzen. Weswegen die zweistelligen Umsatzeinbrüche der vergangenen Jahre (1. Halbjahr 2002: 16,3 Prozent) nun gravierende Kurskorrekturen erzwingen. Sollen die Majors nationale Künstler aufbauen und in eine unsichere Zukunft investieren? Oder sollen sie noch mehr auf jene Topstars wie Robbie Williams, Madonna oder Britney Spears setzen, mit deren internationaler Vermarktung sie schon jetzt den Hauptteil ihres Umsatzes sichern?

Der Abgang von Tim Renner bei Marktführer Universal scheint die Frage zu beantworten. Denn Renner hat sich mehr als andere Spitzenmanager für deutsche Musiker eingesetzt. Er bot Rammstein, Element of Crime, Surrogat und Sportfreunde Stiller eine vertragliche Heimat. Doch Multis denken nicht in nationalen Kategorien. Immer stärker bauen sie ihre Zweigstellen in Promotionbüros um, die einen geschlossenen Kreislauf ergeben. Um zum Beispiel einen lokalen Star wie Sasha im Ausland groß herauszubringen, greift dessen Label Warner nur auf Familienmitglieder des Konzerns zurück. Dort entscheiden dann Marketingleute über das kommerzielle Potenzial.

Man mache viel zu wenig aus dem Umstand, sagt Peter James, dass Gruppen wie Can, Tangerine Dream und Kraftwerk überall auf der Welt verehrt werden. So hat James als Verbandspräsident der Independent-Labels schon vor Jahren die Gründung eines Musik-Exportbüros angeregt. Er wollte nachmachen, was die Franzosen seit 1993 mit dem Bureau Export de la musique française erfolgreich praktizieren: die Verbreitung einer Kultur, die der zuständige Minister Jack Lang einst als „gelebte Kultur“ bezeichnete. Er hob damit das Gefälle zur Hochkultur auf und machte Popmusik zu einem nicht minder förderungswürdigen Gut. Allein in Deutschland hat das Bureau über 750 Konzerte initiiert. Die Verkaufszahlen französischer Musiker haben sich verzehnfacht.

Auch deutsche Labelmacher träumen von einem solchen Boom. Um 170 Prozent könnte der Auslandsumsatz deutscher Produkte gesteigert werden, so das Ergebnis einer Studie, die Musikwirtschaft und Regierung 2002 erarbeitet haben. Trotzdem bedurfte es einer fruchtlosen Bundestagsdebatte und mehrerer Anläufe, bis jetzt mit „German Sounds AG“ ein eigenes Popbüro gegründet wurde. Finanziert wird dessen Budget (etwa eine halbe Million Euro) von der Musikwirtschaft, der Bund steuert lediglich Zuschüsse bei. Zugute komme German Sounds nach Auskunft seines Vorsitzenden Peter James „vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen. Für Major-Produkte sind viel größere Werbemittel nötig, um die Leute davon zu überzeugen, dass sie das jetzt haben müssen.“ Stattdessen will James jene Acts aus den Inlandsszenen herausfiltern, die auch im Ausland auf Liebhaber stoßen könnten. Nach welchem Rezept das gelingen soll, weiß er auch noch nicht.

Denn selbst Experten ist es ein Rätsel, warum Nena im englischsprachigen Ausland erfolgreich ist, aber Westernhagen, Lindenberg und Grönemeyer nicht. Warum dagegen Kraftwerk und DAF sich als Vorreiter einer elektronischen Popmusik etablieren konnten, die abseits des anglo-amerikanischen Mainstream entstand und sich gegen dessen Dominanz zur Wehr setzte.

Heute wird lediglich Rammstein eine ähnliche Wirkung zugeschrieben. Das düster-grollende Sextett um Sänger Till Lindemann hat als einzige deutschsprachige Band den Sprung nach Amerika geschafft. Nicht etwa, weil sie so gut dahin gepasst hätten. Songs wie „Mein Herz brennt“, in denen die Band ihre eiskalte Vision von der gequälten Menschenkreatur verbreitet, dürften in den USA gerade wegen ihres anti-puritanischen Anarchismus begeistern. Brutal und sperrig, lüstern und unverschämt – die Musiker inszenieren sich als kaputte, technoide Monsterwesen und sind nur nebenbei so deutsch, wie man eben sein kann.

Dass man sich von Sprachbarrieren nicht beirren lassen muss, demonstriert nun auch Deutsche Welle-TV. Am Freitag strahlt der Auslandssender zum zweiten Mal sein neues „Popxport“-Magazin aus, das 14-tägig in Kooperation mit dem Exportbüro entsteht. Mit Berichten aus der heimischen Musiklandschaft, Porträts und Videos von den Ärzten, Wir sind Helden und Maximilian Hecker bemüht es sich, den Exotenstatus deutscher Popmusik wenn nicht zu entkräften, so zumindest interessant zu machen.

Und es ist nie zu spät. Als Jürgen Drews Ende der Siebziger den Neue-Deutsche- Welle-Produzenten Conny Plank fragte, ob das Goethe-Institut etwas verpasst hätte, antwortete der: „Nein, ihr kommt gerade richtig.“ Alles, was bis dahin geschah, wäre woanders gar nicht wahrgenommen worden.

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