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Architektur

Auftanken, bitte

Von der Tankstelle bis zum Frischemarkt: Acht Berliner Projekte erhalten Auszeichnungen – auch die Rekonstruktion des Neuen Museums wird geehrt
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Es sind Kultur- und Kunstbauten, temporäre Gebäude und solche für die Ewigkeit, Gebrauchsbauten und Luxusbauten – vor allem sind es überraschende Entwürfe, die die Jury, bestehend aus drei Architekten (Fritz Auer, Elke DeluganMeissl und Luis Jose Esteban Penelas), zwei Berliner Vertretern (Louisa Hutton und Harry Lybke) und zwei „fachfremden“ Kulturexperten (der Ethnologe Christian Hirte und der Religionsforscher Vincent-Paul Toccoli) für ihre Auszeichnungen ausgewählt haben. Vor allem sind es größtenteils junge Berliner Büros, die von der Jury ausgewählt wurden.

Der alles überragende Befreiungsschlag, mit dem der Brite David Chipperfield in diesem Jahr das kriegszerstörte Neue Museum auf der Museumsinsel für die Stadt zurückgewonnen und damit Architekturgeschichte geschrieben hat, war der Jury einen Sonderpreis wert – eine weise Entscheidung. Hätte der Gigant Chipperfield doch alle anderen Bewerber aus dem Rennen geschlagen. Ihn und seinen 200-Millionen-Euro-Bauauftrag mit den Wohnbauten und Stadtteilbibliotheken in Beziehung zu setzten, hieße ohnehin, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Zudem ist Chipperfield für das Neue Museum gerade erst mit dem BDA-Preis Berlin ausgezeichnet worden.

Acht Auszeichnungen also, die die Jury für herausragende Berliner Bauprojekte vergeben hat und die ein eindrucksvolles Panorama der so einzigartigen Berliner Stadttopografie bieten. Das beginnt mit einer Tankstelle an der Bülowstraße, einem eleganten Fünfzigerjahrebau, in den sich der Galerist Juerg Jüdin verliebte und den er nun mithilfe von Bfs – Broer Flachsbarth Schultz und dem Planungsbüro von Thomas Brakel zu einem höchst originellen Galerie- und Lebensraum umgebaut hat, samt Piniengarten und hoher Mauer, die das Kunst-Idyll von der verkehrsreichen Bülowstraße samt dortigem Straßenstrich abschirmt.

Am anderen Ende der Skala steht ein Bau, der sich wuchtiger, abweisender gar nicht geben kann – und auch ihn hat die Leidenschaft eines Kunstsammlers wiedererweckt. Christian Boros, der längst eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut hat, verliebte sich auf Anhieb in den alten Bunker an der Reinhardtstraße, in dem zuvor Technoparties stattgefunden hatten. Das Büro Realarchitektur hat die meterdicken Betonwände geschickt durchbrochen und dem Haus doch seine einschüchternd hermetische Atmosphäre gelassen – und dann mit einem Loftgeschoss auf dem Dach eine der schönsten Dachterrassen Berlins geschaffen. Glücklich, wer hier zu Parties eingeladen wird.

Und, Kunst zum Dritten, auf dem umkämpftesten Platz der Stadt, dem Schlossplatz, kommt die Kunst zurzeit ganz luftig daher. Der Schlossplatz selbst hat nach dem Entwurf von Relais Landschaftsarchitekten ein Netz aus Wegen, Stegen, Plattformen und Rasenflächen erhalten. Die Temporäre Kunsthalle ist eine simple Box, die der Österreicher Adolf Krischanitz nach dem Vorbild eines ähnlichen Baus für den Wiener Karlsplatz geschaffen hat. Und doch eine großartige Bühne: Als Außenhaut, die von verschiedenen Künstlern bespielt wird, derzeit von Bettina Pousttchis hintergründiger PalastReplik, und als eleganter White Cube im Inneren, der die Farbwirbel von Katharina Grosse ebenso fasste wie derzeit die Gruppenausstellung „Scorpio’s Garden“. Querelen um die Leitung hin oder her – das Gebäude als Raum hat sich bewährt.

Apropos Katharina Grosse: Die Berliner Malerin hat sich in die Lehrter Straße hinter dem Hauptbahnhof gemeinsam mit Augustin und Frank ein Atelierhaus gebaut, einen Kubus aus wuchtigem Beton und großen Fenstern, in dem ihre großformatigen Farbarbeiten entstehen können.

Weitere Auszeichnungen erhielten zwei Bibliotheken, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Jacob-undWilhelm-Grimm-Zentrum, die Zentralbibliothek der Humboldt-Uni, ist mit seiner Fassade zur S-Bahn-Trasse hin ein Blickfang für jeden Vorbeifahrenden. Der Minimalist Max Dudler hat ganz auf Raster und Repetition gesetzt: eine strenge Fassung für einen lebendigen Geist. Und, ganz anders, die Mittelpunktsbibliothek Köpenick, die Bruno Fioretti Marquez im Auftrag des Landes Berlin gestaltet haben. Eine Giebelsilhouette in Backstein, die Fenster sind frei über die Fassade verteilt – entstanden ist eine geschlossene Form, die die historischen Bauten des Alten Marktes kongenial ergänzt.

In der Auguststraße 51 bauten Grüntuch Ernst ein „Mehrgenerationenhaus“, das nach außen hin nur aus Fenstern besteht und sich nach innen rund um einen Hof öffnet. Die Architekten wohnen und arbeiten selbst in diesem Haus. Doch den überraschendsten Beitrag dürfte das im April eröffnete Frische Paradies Lindenberg bilden. Ein Lebensmittel-Abholmarkt ist nicht unbedingt die feinste Bauaufgabe. Doch die Berliner Architekten Robertneun haben daraus ein architektonisches Unikat gemacht: ein verglastes Erdgeschoss mit v-förmigen Stützen, und darüber eine Holzverkleidung, die wie eine riesige Palette wirkt. Das ist originell und selbstbewusst. Auch architektonischer Luxus darf sich lohnen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 01.11.2009)
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von papiertiger papiertiger ist gerade offline | 1.11.2009 13:36 Uhr
Des Kaisers neue Kleider
Die Verleihung des Sonderpreises für die Gestaltung des Neuen Museums kann wohl nur verstehen, wer selbst Architekt ist, ist guter Geschmack bei zeitgenössischen Architekten doch nicht besonders ausgesprägt. Bei meinem Rundgang durch das Neue Museum fühlte ich mich unvermittelt an das Märchen Des Kaisers neue Kleider erinnert, in dem ein kleines Kind den ganzen Schwindel auffliegen läßt. Mein Eindruck - ganz abgesehen von den beeindruckenden Ausstellungen - ist, daß die Auftraggeber eine Sparsanierung wollten - und bekommen haben. Unter der Überschrift "Spuren der Vergangenheit sichtbar erhalten" ist die Sanierung mit einem Motto, gegen das niemand etwas haben kann, verknüpft worden, tatsächlich hat man sich auf das Notwendigste beschränkt, um die sicherlich kostspielige Wiederherstellung des Vorkriegszustandes zu vermeiden. So hätte man es dann ja auch dem geneigten Publikum sagen können. Herausgekommen sind dann tatsächlich Schuhkartonarchitektur verbunden mit einer optischen Anleihe an der sozialistischen Großplattenbauweise (Treppenhaus!) und Flickschusterei, wo detailgetreue Wiederherstellung der Wandmalereien gefragt gewesen wäre. Und Tine Wittler konnte dann, wo's gerade paßte, noch ihre MDF-Platten einbringen.

Das ganze Land ist mit Spuren des 2. Weltkrieges überzogen, daß man das dann auch noch an einzelnen Gebäuden vermeintlich schmückend ausmalen muß(te), halte ich für keine gute Idee.

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