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Frankfurter Buchmesse

Bücher? Fehlanzeige

Was in den Hallen los ist – und wer fehlt: die Länder ohne Literatur. Über 80 Nationen sind in Frankfurt nicht vertreten. Ein alarmierender Index der Unfreiheit
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In der größten Residenz der Erde, dem Palast des Sultans von Brunei auf Borneo, befinden sich 257 Badezimmer aus Marmor und fast zweitausend Wohnräume. Den 340 000 Untertanen des Sultans geht es bestens, der alte Sultan selber fungiert als Premier, Minister für Verteidigung und Finanzen, Kanzler der Universität, Aufseher der Polizei und Oberhaupt des Islamischen Rats. Das Jahreseinkommen der Menschen im ölreichen Brunei beträgt im Schnitt 16 000 Dollar.

Um Burundi, einen Kleinstaat in Ostafrika, ist es weniger gut bestellt. Das Land war lange eine Monarchie, dann kamen Bürgerkriege. Auf dem Welthungerindex rangiert Burundi, wo die meisten Menschen vom Bananen- und Maniokanbau und von Viehzucht leben, notorisch weit unten. Im Jahresdurchschnitt verdient ein Bewohner von Burundi etwa 90 Dollar, die Alphabetisierung kommt nur schleppend voran.

Dennoch haben Burundi und Brunei etwas gemeinsam: Sie gehören zu den Ländern, die auf der internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main nicht vertreten sind. Wie der Tschad und Togo, wie Simbabwe, Paraguay und El Salvador. Kein Messestand, kein Verlag, keine Bücher, nichts. Austausch mit den Bücherwelten aller Kontinente: Fehlanzeige. Von den 192 Staaten, die bei den Vereinten Nationen einen Sitz haben, ist fast die Hälfte auf der Buchmesse nicht dabei. Mit der langen Liste der No-Shows auf dem Frankfurter Bücherherbst lässt sich der Rand der Welt abstecken.

Unterscheiden wird man gleich – und eher grob – die alarmierenden Kategorien „bücherarmes Land“ und „bücherfeindliches Land“. Als Subkategorien ergeben sich daraus die Diagnosen „armer Staat“ oder „autoritäres Regime“, was auch in der Mischform auftauchen kann. Wer gesegnet ist mit Öl, Islam und einer herrschenden Monarchensippe – wie Brunei oder Katar – , der meidet Bücher, die nur für unnötiges Grübeln und Ärger sorgen könnten. Befindet sich ein einziges Buch, ein religiöses zumal, im Angebot, sind andere überdies wenig erwünscht; dann lohnt doch der Weg zur Buchmesse kaum, wird sich die Leitung von Ländern wie Jemen, Usbekistan oder Turkmenistan sagen.

Auch wo kostbare Strände und Touristen die Quelle allen Wohlstands sind, wird nicht unbedingt auf das Buch gesetzt: Von den Fidschiinseln, den Malediven, den Kapverden, Mauritius, Sao Tome und Principe Tonga, den Komoren, Kiribati oder Vanuatu hört man auf der Buchmesse nie direkt etwas, sondern immer nur indirekt: durch die Reiseführer, die den Rest der Welt dort hinlocken wollen, um die mitgebrachten Bücher unter Palmen zu lesen.

Allerdings war man während dieser Messewoche in Katar nicht müßig, sondern bestellte in Europa 80 Airbusse. Und in Brunei wandelte der Sultan unterdessen mit einem Team des ZDF durch die Parkanlagen seines Palasts und sorgt im übrigen dafür, dass nur gedruckt wird, was ihm gefällt.

Besonders alarmierend wird der Index der Buchmessenabsenz, wo er darauf hinweist, dass Krieg und Krise herrschen: Afghanistan, Birma, Äthiopien, Haiti, Kambodscha, Liberia oder Nepal haben andere Probleme als den Aufbau eines Buchmarkts. Vielleicht wäre es sinnvoll, an solche Länder auf dem Absenzindex in Zukunft gezielt Einladungen zur Buchmesse auszusprechen. Oder Organisationen wie etwa „Room to read“ (www.roomtoread.org) zu unterstützen, die Bibliotheken einrichten, wo Bücher Mangelware sind. Die Bücherreichen könnten und sollten sich das leisten.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.10.2007)
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