Arme Cheryl Studer! Sie war ein echter Star. Sie wollte alles mitmachen, traute sich alles zu – bis die Stimmbänder irreparabel angegriffen waren, viel zu früh. Zum traurigen Karriereende der Sängerin Cheryl Studer.
Montag, 19.40 Uhr. Vor der Gedächtniskirche steht ein Dutzend ratloser Menschen. Eigentlich soll heute ein Liederabend der Sopranistin Cheryl Studer stattfinden. So jedenfalls ist es im Flyer des „Berlin International Music Festival“ ausgewiesen. Doch von den Veranstaltern fehlt jede Spur. Es gibt keine Abendkasse, keine Informationen, nicht einmal einen Zettel an der Tür, der einen Hinweis darauf gäbe, warum die Sängerin nicht erscheint. Um 20 Uhr zerstreut sich das Häuflein Kulturinteressierter, achselzuckend.
Arme Cheryl Studer! Sie war ein echter Star, wurde herumgereicht zwischen New York und Wien, brachte Operngesamtaufnahmen am laufenden Band heraus, vom Belcanto bis Wagner. Alles schien der 1955 in Michigan geborenen Amerikanerin möglich, ihr üppiger, bis in höchste Höhen hell leuchtender Sopran entzückte das Publikum weltweit, zwei kurze Jahre gehörte sie zum Ensemble der Deutschen Oper, dann spülte sie die Welle des Erfolgs fort aus Berlin. Wie Rolando Villazon wollte sie alles mitmachen, traute sich alles zu – bis die Stimmbänder irreparabel angegriffen waren, viel zu früh, nach kaum zehn Jahren internationaler Karriere.
Anders als im Fall von Rolando Villazon, dessen Höhenflüge und Abstürze die Mediengesellschaft bis ins kleinste Detail nachvollzieht, dessen Lohn inzwischen statt Applaus nur mehr Klatsch ist, vollzog sich das Drama der Cheryl Studer Mitte der neunziger Jahre noch im begrenzten Rahmen der Opernwelt. Nachdem man sie erst in Wien, später in München auf offener Bühne ausgebuht hatte, zog sie sich zurück, nahm 2003 eine Professur an der Musikhochschule Würzburg an. Als Interpretin trat sie zuletzt an der Drake University, Iowa, sowie in der Stadt Steinfurt bei Münster in Erscheinung.
Nur 20 Karten wurden verkauft
Umso hellhöriger machte die Ankündigung, Studer werde einen Abend mit Liedern von Richard Strauss und Wiener Operetten-Melodien in Berlin geben, bei der so pompös als „Berlin International Music Festival“ deklarierten Sommerbespielung in der Gedächtniskirche.
Traurig, dass die einstige Diva gerade einmal 20 potenzielle Kartenkäufer an den Ku’damm zu locken vermochte, bitter, dass es die Veranstalter nicht für nötig befanden, die letzten treuen Studer-Fans davon zu unterrichten, dass die Sopranistin ihren Auftritt verlegt hat. So jedenfalls ist tags darauf von der Festival-Präsidentin Melissa Kim zu erfahren, freilich erst nach zwei Rückrufbitten, die in ihrem Büro von völlig ahnungslosen Mitarbeiterinnen entgegengenommen worden sind. Wahrscheinlich aber wird es besser sein, am 8. August, dem Ausweichtermin, vor dem heimischen CD-Player ein privates Cheryl-Studer-Gedenkkonzert zu veranstalten, mit einer Aufnahme aus der Glanzzeit dieser einst so strahlenden Sängerin.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.07.2009)
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