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Analyse

Schlechte Kunst – nur eine Ausrede?

Was beim Wettbewerb für das Einheitsdenkmal falsch gelaufen ist. Eine Analyse von Christiane Peitz, Ressortleiterin Kultur beim Tagesspiegel.
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„Es bleibt ein Unbehagen“, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann dem Tagesspiegel – nach der von empörten Zwischenrufen zahlreicher Wettbewerbsteilnehmer begleiteten Ausstellungseröffnung im Kronprinzenpalais. Alle 532 von der 19-köpfigen Jury abgelehnten Entwürfe zum Berliner Einheitsdenkmal sind dort bis zum 31. Mai zu sehen. „Ich kann den Unmut der Künstler verstehen“, so Neumann. Die Rechtmäßigkeit des Wettbewerbsabbruchs durch die Jury hatte er in seiner Eröffnungsrede verteidigt. Die offene Ausschreibung sei kein Irrweg, sondern demokratischer Wunsch, die Ideenvielfalt einer breiten Öffentlichkeit einzubeziehen. Auch Wolfgang Thierse und Florian Mausbach, der Präsident des Bundesamts für Bauwesen, verteidigten als Mitglieder der politischen Sachjury die Entscheidung, keinen einzigen Entwurf weiterzureichen. Sie bedankten sich bei den Künstlern für die interessanten Entwürfe – was weitere Buhs provozierte.

Ein nachvollziehbarer Protest. Wenn Neumann von einer notwendigen Debatte auch über neue Verfahrenskriterien spricht, wenn Thierse mehr Zeit für die Diskussion über das vorbildlose „Mahnmal unseres historischen Glücks“ fordert und nicht nur über Standort und Funktion des Denkmals, sondern auch über den ausgelobten Ort der Information neu nachdenken will, dann fragt man sich: wieso erst jetzt? Wieso solche fundamentalen Überlegungen nicht zu Beginn des zweistufigen Wettbewerbsverfahrens? Die Juroren reden jetzt jedenfalls so, als habe es sich lediglich um einen Ideenwettbewerb zum Einheitsdenkmal gehandelt und nicht um einen nach den Bundestagsbeschlüssen von 2007 und 2008 vom Kulturstaatsminister und vom Bundesbauministerium ausgetragenen, mit Preisgeldern dotierten hoch offiziellen Kunst- und Architekturwettstreit.

Schließlich eilt der Architekt Thomas Selle als einer der Wettbewerbsteilnehmer zum Mikrofon, rechnet die wenigen Sekunden Sichtungszeit pro Entwurf vor (532 Arbeiten in 18 Stunden Jury-Sitzung!) und spricht der Jury die Kompetenz ab. Die Eröffnung endet mit einem Eklat. Am Rande heißt es, vor allem die 10-köpfige künstlerische Fachjury hätte gegen die Entwürfe gestimmt.

Der Berliner Berufsverband Bildender Künstler (BBK) hält den Wettbewerbsabbruch für die Folge einer politischen Überfrachtung. Neben Freiheits- und Demokratiebestrebungen sollte auch die Historizität des Standorts (der Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Schloßplatz) berücksichtigt werden. „Wenn für das Scheitern die ,ungenügenden’ Entwürfe verantwortlich gemacht werden, verschleiert diese Argumentation die eigentlichen Gründe des Misserfolgs“, erklärte der BBK-Vorsitzende Herbert Mondry. Das dem Tagesspiegel vorliegende Sitzungsprotokoll der Jury legt den Schluss nahe, dass das Preisgericht am 27. und 28. April in der Akademie der Künste am Hanseatenweg seine Arbeit vor allem wegen grundsätzlicher Bedenken abbrach. Nachdem im ersten Rundgang 128 der 532 Arbeiten vorausgewählt wurden, erhielt im zweiten Rundgang kein einziger Entwurf die erforderliche 10-Stimmen-Mehrheit. Den Verdacht, dass vor allem die Fachjury politisch votierte und „Obstruktionspolitik“ betrieb, weist Thierse jedoch zurück. Es bleibt allerdings unverständlich, warum nun vom generellen Diskussionsbedarf die Rede ist und nicht (mehr) von enttäuschenden Entwürfen. Die Kunst wird für politische Versäumnisse bestraft.

Der BBK moniert außerdem die Missachtung bewährter Wettbewerbsstandards, was auch Fritz Protzmann anprangert, der bei der Berliner Architektenkammer für Wettbewerbe zuständig ist: „Das Wettbewerbswesen in Deutschland ist beschädigt, ebenso das Ansehen der beteiligten Künstler und Architekten.“ Dass die Jury die Einladung versierter Künstler empfiehlt, widerspricht nicht nur explizit dem Auslobungstext. Es legt laut Protzmann auch den falschen Schluss nahe, alle bisher beteiligten Künstler und Architekten seien nicht versiert. Axel Schultes, Peter Greenaway, Rob Krier, die Graft-Architekten – alles Hobby-Künstler?

Wie geht es weiter? Der BBK fordert, eine neue Jury solle die Entwürfe begutachten. Bernd Neumann sagt: Eine Denkpause tut not.Wenn die Nation weiß, wo sie welches Denkmal will, dann bitte alles zurück auf Los. Christiane Peitz

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.05.2009)
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