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Südafkrika

Blütenkelch und Himmelsbogen

Berliner Architekten haben drei grandiose Stadien für die Fußball-WM in Südafrika gebaut
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Landmarke für die aufstrebende Ostküste. Das Moses Mabhida Stadion in Durban. Die 56 000 Plätze können zum Halbfinale auf 70 000 erweitert werden. Foto: B. Weißbrod/dpa dpa
Die aufregendsten Architekturerlebnisse werden den Spielern und Zuschauern im Green Point Stadium von Kapstadt vorenthalten bleiben. Robert Hormes vom Berliner Architekturbüro Gerkan Marg und Partner (gmp) geht voran auf dem Wartungsgang im Inneren des Dachkörpers hoch über den Zuschauerrängen. Sicherheitshalber angeleinte Arbeiter haben die Klappen geöffnet und schrauben an den Flutlichtscheinwerfern 40 Meter über dem Rasen. Andere gehen vorsichtig in Fellpantoffeln auf der halb durchsichtigen Membrane, die unterhalb des Dachtragwerks gespannt ist, und machen sich an den Lautsprechern zu schaffen. Über uns die eigentliche Dachhaut, transluzent auch sie, darunter die Stahlfachwerkbinder, die das ringförmige Membrandach tragen, das alle Ränge vor Regen schützt. Der innere Ring ist aus Klarglas, um dem Rasen das nötige Licht zu gewähren. Wer Mut hat, kann die Leiter zur Dachluke hinaufklettern. Der Rundumblick von hier oben ist überwältigend, nach Westen über den Atlantik, nach Osten hinüber zum Hafen und zur Innenstadt, nach Süden zum alles überragenden Tafelberg.

Die großartige Landschaft lieferte denn auch die Entwurfsprämissen für die Architekten. Mit den Horizonten von Kapstadt sollte das neue Stadion Zwiesprache halten, nicht als neue Landmarke in die Perspektive ragen. Das Meer, die Uferlinie und die ebene Kontur des allgegenwärtigen Tafelbergs waren die Bezugslinien. So bildet das Stadion keinen kühnen Himmelsbogen wie etwa jenes in Durban, keinen Blütenkelch wie jenes in Port Elizabeth und keinen afrikanischen Feuertopf wie jenes in Johannesburg, sondern erscheint als eine Art flache Hutschachtel mit nahezu ebener Dachkontur, die den Horizonten einen weiteren hinzufügt. Die Fassaden mit ihren zwischen horizontalen Finnen gespannten konvexen Bahnen aus teflonbeschichtetem PTFE-Gewebe verstärken die horizontale Tendenz.

Die äußere Erscheinung ist nur eine Hülle, mit der wie meist bei neuen Stadien die eigentliche Struktur des Tribünenunterbaus verkleidet wird, um dem Bau eine eindeutigere Gesamtform zu verleihen. Erst im Inneren kommt durch die Form der Tribünen Bewegung ins Spiel. Optimiert man die Sitzreihen nach ihrer Entfernung von der jeweils gegenüber stehenden Eckfahne, so ergeben die geometrischen Verhältnisse keine gleichmäßig hohe Schüssel, sondern eine Schale mit wogender Oberkante und Tiefpunkten an den Ecken des Spielfelds. Als wäre La Ola schon fest eingebaut, scheint die dynamische Welle das leere Stadion zu aktivieren. Durch die semitransparente Fassade bildet sich der bewegte Tribünenbau je nach Lichtverhältnissen und besonders bei Flutlicht auch nach außen hin ab.

Das traditionelle Kapstädter Ziegelpflaster kommt auch im Umfeld des Stadions, bei Wegen und Parkplätzen zum Einsatz. Es harmoniert mit der Bepflanzung und bildet mit seiner warmen Farbpalette einen aparten Kontrast zum weiß leuchtenden Stadion. Allen Unkenrufen zum Trotz konnte schon die farbenfrohe Eröffnungsfeier stattfinden, die ersten Tore sind gefallen. Nun werkeln die Bauarbeiter noch an Freianlagen und Zufahrtstraßen, doch auch die, da besteht kein Zweifel, werden zum Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft am 11. Juni 2010 vollendet sein.

Fußball und Rugby werden auch schon in der neuen Arena von Port Elizabeth eine Flugstunde weiter östlich gespielt. Während das Stadion in Kapstadt in vornehmer Umgebung von Strandhotels, Marina und Golfplatz errichtet wurde, fanden die Architekten in P. E., wie jeder hier die Automobilindustriestadt abkürzt, ganz andere Verhältnisse vor. Das Nelson Mandela Bay Stadion an der Bucht der „Windy City“ sollte als Initialzündung ein abgewirtschaftetes Industrie- und Gewerbegebiet aufwerten.

Zunächst nur als Berater angesprochen, stießen die gmp-Architekten mit ihrem unbezahlt vorgelegten Entwurf auf Interesse und konnten mit drei Dutzend heimischen Planungsfirmen, deren Koordination sie kurzerhand übernahmen, auch dieses Projekt fristgemäß realisieren, ohne je die Gesamtverantwortung übertragen bekommen zu haben. Ob das Geld für ein komplettes Stadion reichen würde, war lange ungewiss, und so entwickelten die Architekten zusammen mit den Stuttgarter Ingenieuren Schlaich Bergermann und Partner (die auch die Tragwerke von Kapstadt, Durban und Johannesburg planten), eine Überdachung aus einzelnen Kragarmen, die auch in Teilabschnitten errichtet werden konnte. Bei einem Stadion mit 42 000 Plätzen ist diese Konstruktion gerade noch machbar. Dass es letztlich doch für ein komplettes Stadionrund reichen würde, war nicht abzusehen.

Wie überdimensionale Blütenblätter, zwischen denen eine teflonbeschichtete PE-Folie gespannt ist, wölben sich die Träger über die Zuschauerränge und geben dem Bauwerk die Form einer riesigen exotischen Blüte. So ist das Stadion in einer recht gesichtslosen Industriestadt zum weithin sichtbaren neuen Wahrzeichen geworden.

Den dezidierten Auftrag, ein Wahrzeichen der Stadt zu errichten, erhielten die Architekten in Durban. Die aufstrebende Hafenstadt an der Ostküste Südafrikas hatte bislang an architektonischen Höhepunkten wenig zu bieten. So erhofften sich die Stadtväter vom neuen Moses Mabhida Stadion einen „Sydney Opera Effekt“ – für die gmp-Architekten eine eher unsympathische Erwartungshaltung, denn sie entwerfen normalerweise keine markenbildende signature architecture, sondern lassen sich lieber von funktionalen Erfordernissen und konstruktiven Vorgaben leiten. Den Ausweg fanden sie in enger Zusammenarbeit mit den Tragwerksplanern von Schlaich Bergermann und Partner. Ein 104 Meter hoher stählerner Bogen, an dem die Planen des textilen Zeltdaches aufgehängt sind, überspannt das Stadionoval und setzt ein weithin sichtbares Zeichen. Niemand wird mehr ein Gesamtbild der Stadt fotografieren, ohne das strahlend weiße Bauwerk ins Bild zu rücken.

Nach Westen gabelt sich der Bogen und öffnet sich das Stadionoval zur City hin, eine Geste des Empfangs. Dass der gespaltene Bogen die südafrikanische Flagge abzubilden scheint, hat man erst nach dem Bau entdeckt. Die Durbaner waren so begeistert vom neuen Wahrzeichen, dass sie den Wunsch äußerten, den Bogen besteigen zu können. Auch dies machten die Architekten möglich. Eine Standseilbahnkabine fährt bis hinauf zu einer Aussichtsplattform auf dem Scheitelpunkt des Bogens, von wo aus der beste Rundblick über die Stadt zu genießen ist. Vom anderen Ende her kann man mit Sicherheitsgeschirr und Führung den Aufstieg alpinistisch unternehmen.

Im Unterschied zu P. E. gab es in Durban eine starke Bauherrenschaft. Julie- Mae Ellington von der Stadtverwaltung präsentiert das Stadion in feurigen Worten, als sei es ihr eigenes Kind. Sie hatte sich jedes Detail erläutern lassen und war, wie zu hören ist, nicht immer leicht zu überzeugen gewesen. Ein Stadion für die ganze Familie hatte sie sich gewünscht, ein offenes, gastfreundliches Haus ohne gesellschaftliche Schranken, verknüpft mit dem Peoples Park und mit dem Strand. Die resolute Dame hat es bekommen.

56 000 Zuschauer fasst das Oval, für die Halbfinals werden auf dem oberen Rang weitere 14 000 Plätze temporär errichtet. 2020, wenn Durban tatsächlich den Zuschlag für die olympischen Sommerspiele bekommen sollte, könnte das Stadion auf ein Fassungsvermögen von 86 000 Besuchern gebracht werden.

Vom Innenraum her ist es das schönste der WM-Stadien. Selbst wenn es mal nicht gut gefüllt ist, fällt das nicht weiter auf, denn die Architekten haben Sitze in 13 verschiedenen Farben eingebaut, mit dem Effekt, dass auch ein leeres Stadion aussieht, als wäre es mit bunt gekleideten Menschen besetzt. Akustisch werden allerdings auch 10 000 Zuschauer das Stadionrund füllen, denn die Vuvuzelas der südafrikanischen Fußballfans hören sich fürchterlicher an als die Trompeten von Jericho. Dennoch werden sie im Sommer wohl weder Durban noch eines der anderen solide errichteten Stadien zum Einsturz bringen.

Unter unterschiedlichen Voraussetzungen sind von den gmp-Architekten drei völlig unterschiedlich konzipierte und gestaltete Stadion gebaut worden. Robert Hormes und seine Spezialisten von gmp jedoch sind dieser Tage schon wieder weitergezogen: nach Brasilien. Dort nämlich gilt es vier Stadien für die WM 2014 zu bauen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.12.2009)
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