Die aktuelle Debatte: Alle reden von Jugendgewalt und minderjährigen Delinquenten. Doch elterliche Brutalität in den vier Wänden ist tabu. Eine öffentliche Diskussion darüber findet bisher nicht statt. Doch Alltagsbeispiele gibt es viele.
Berlin -
Ja, hier im Land herrscht eine skandalöse Toleranz gegenüber Gewalttätern. Da hat Hessens Ministerpräsident Roland Koch im Prinzip ganz recht. Doch hat Koch die Falschen im Visier. Hunderttausende brechen bei uns tagtäglich das Gesetz. Sie schlagen zu mit Gürteln, Stöcken und Ruten, mit hölzernen Teigrollstäben, mit den Sohlen von Schuhen, mit Kleiderbügeln, mit bloßen Handflächen oder mit der Faust. Manche prügeln spontan, erratisch, eruptiv, andere systematisch, rituell und gewohnheitsmäßig. Ihre Taten finden im Verborgenen statt, im privaten Raum. Weder Überwachungskamera noch Behörden bekommen das akute Geschehen zu Gesicht. Wachleute in U-Bahnen richten nichts gegen sie aus.
Die Geschlagenen sind jung. Es sind Minderjährige: Kleinkinder, Kindergartenkinder, Schulkinder. „Du Opfer!“ ist nicht zufällig das derzeit bevorzugte Schimpfwort auf den Schulhöfen urbaner Ballungsgebiete. Die Täter sind Väter und Mütter, mitunter auch Onkel oder Großeltern. Die Tatsachen sind bekannt und statistisch erfasst. Die Quellen der meist elterlichen Misshandlungen sind vielfältig. Geschlagen wird aus Frustration und Überforderung, um „Moral“, „Ehre“ oder „Gehorsam“ zu lehren, aus Haltlosigkeit, Grausamkeit, Unsicherheit oder emotionaler Not. Traditionelle Autoritätskonzepte, ein alarmierendes Empathie-Vakuum angesichts von Kindern zeichnen die Täter aus. Bei alledem fühlen sie sich im Recht, da sie Sinn und Inhalt des Gesetzes, wonach Kinder das "Recht auf gewaltfreie Erziehung“ haben, nicht kennen oder nicht akzeptieren.
Ja, es stimmt, viele der Gewalttäter sind Migranten, die aus armen Regionen, aus Anatolien oder Russland, hierher kamen, oder weil Kriege und Bürgerkriege wie in Ex-Jugoslawien und im Libanon sie vertrieben haben. Etwa die Hälfte aller türkischen Jungen und Mädchen gaben in Repräsentativumfragen an, Gewalt im Elternhaus zu erleben. Neben dieser Gruppe haben auch etwa zehn bis fünfzehn Prozent der „bildungsfernen“ Deutschen nichts gegen Eindreschen auf Kinder, und Protest hört man schon gar nicht von Rechtsradikalen, in deren Weltbild das Draufschlagen per definitionem einen Platz hat. Kinder, die in solchen elterlichen Mikro-Diktaturen leben, passen sich erst an, später zeigen sie heftige Reaktionen. Jungen werden eher aggressiv, Mädchen eher depressiv. Wo aber bleibt hier das Gesetz? Diskret, geradezu im Verborgenen, solle wirken, wünschen sich Fachleute, es soll auf „Freiwilligkeit“ und „Einsicht“ bei den Eltern setzen.
So erlebte das unlängst ein Berliner Ehepaar, nennen wir sie die Jakobs. Sie hatten erfahren, dass ihre migrantischen Nachbarn, unauffällige Leute in Lohn und Brot, drei kleine Kinder mit Rohrstock und Ohrfeigen „erziehen“. Der Achtjährige hatte geredet, zufällig, auf dem Hausflur, hastig, in Angst. Die Jakobs fragten Bekannte, darunter Pädagogen, Psychologen, wie sie den Eltern das deutsche Gesetz erklären sollten. Entsetzte Aufschreie waren die Antwort: „Erwähnen Sie bloß nicht das Gesetz! Kriminalisieren Sie nicht die Eltern! So kommt ihr nicht an die Leute ran!“ Man solle es mit Einfühlung versuchen, mit sanftem Überreden. Die Nachbarn amüsieren sich über diese deutsche Gefühlsduselei, während ihre ungesetzliche Prügelpraxis weitergeht. Bei ihnen und in hunderttausenden anderer Haushalte. Werden die mit einer Mischung aus Schlägen, Süßigkeiten und Trash-Fernsehen „erzogenen“ Kinder eines Tages kriminell, raufen sich ihre Eltern die Haare und seufzen, da fehle nur „mehr Härte!“ Als sei zuvor nichts geschehen.
Auch Koch, Gauweiler und Co. sprechen so, als seien die jungen Kriminellen mit ihren Rohheitsdelikten plötzlich irgendwelchen Ufos entstiegen. Schlagende Eltern lässt man ungehindert das Gesetz brechen, denkt aber laut über Haftanstalten für Kinder unter vierzehn nach, Erwachsenen-Strafvollzug für Jugendliche und Erziehungs-Camps. Grotesk ist es, dass angesichts massiver Straftaten von Erwachsenen gegen unmündige Mitbürger (man stelle sich vor, es wären Rentner!), genau die Kuschel-Rhetorik verwendet wird, die eine argwöhnische Allianz aus konservativen Rechtsstaatlern bei den „allzu milden“ Jugendrichtern vermutet. Dabei bringen schlagende Eltern den Kindern bei, dass die Missachtung des Anderen akzeptabel ist. Gewalttätige Eltern verstoßen aktiv gegen Paragraph 1631 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches, dessen Neufassung gegen Jahrzehnte des massiven Widerstands aus konservativen Parteien im November 2000 unter Rot-Grün verabschiedet wurde. Der volle Text lautet: „Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Warum fehlt bei uns eine offene Dauerkampagne für Sinn und Inhalt dieses Gesetzes? Warum gibt es keine gezielte Aufklärung darüber, auch auf Russisch, Türkisch, Arabisch, Bosnisch, Serbisch? Warum wird toleriert, dass Eltern das Gesetz missachten? Sind diese Eltern in den Augen der Politik und der Sozialarbeiter etwa infantiler als die Sprösslinge? Ist das Prügeln der bloßen Haut eines Vierjährigen mit einem Gürtel oder Stock weniger verwerflich als das Einschlagen auf einen Rentner mit der Faust?
Dümmer, krasser als in der gegenwärtigen Debatte um das Strafrecht kann man die Welt kaum auf den Kopf stellen. Auf der linken Seite dominiert hochnervöse multikulturelle Rücksicht gegenüber „traditionell eingestellten“ Migranten-Eltern. Auf der rechten Seite regiert eine Art stiller Restzufriedenheit mit jenen Migranten, die immerhin wenigstens ein herkömmliches Autoritätskonzept aufweisen. Beide Seiten gehen – ungewollt – ein schräges Bündnis miteinander ein, das dem Kindeswohl schadet, das latent inhuman, offen rechtsfeindlich ist, und teils konkret rassistisch. Wolfgang Bergmann, Psychotherapeut, ließ kürzlich in der „Welt“ verlauten: „In türkischen und vielen russischen Familien (…) greifen die Väter, manchmal die älteren Brüder, zu einer harten patriarchalisch getönten Disziplin, sehr oft mit Körperstrafen, die deutschen Pädagogen wie schwere Misshandlungen vorkommen.“ Klarer Rassismus: Was die meisten Deutschen heute ablehnen, das ist russischen oder türkischen Kindern zuzumuten, die offensichtlich dickfelliger sind als „unsere“ Kinder. Die Schamlosigkeit einer solchen Behauptung fällt kaum auf, und das ist symptomatisch. Klug erkannte Regina Mönch vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die prügelnden Väter türkischer und arabischer Straftäter spielen in dem nun klarer werdenden Bild von verfehlter Kindheit und Jugend fast nie eine Rolle. Doch regelmäßige schwere Züchtigung mit Fäusten und Geräten sind in diesem Milieu keine Seltenheit. Eine deutsche Familie hätte längst Sanktionen zu befürchten. Wer diese Mittel bei Migranten, aus welchen Gründen auch immer, nicht anwendet, befördert die bisherige Spirale der Gewalt. Vor allem aber versagt er zehntausenden Kindern den Schutz, den ihnen das Gesetz zusichert.“
Es sei doch ihr „eigenes Fleisch und Blut“, erklären die Eltern, womit sie machen dürften, was ihnen passt. So bleiben die allermeisten Fälle ungeahndet, obwohl solche Taten, gerichtet gegen einen Erwachsenen, schnurstracks strafrechtliche Konsequenzen hätten. Was sich da vor unseren Augen und Ohren ereignet, ist ein kulturpolitisches, ein rechtspolitisches Fiasko. Woher die absurde Scheu davor, konsequent und kompromisslos prügelnde Eltern zu kriminalisieren, ihnen – und den Kindern! – Sinn und Inhalt des geltenden Gesetzes nahe zu bringen? Geschützt werden durch solche „Rücksicht“ vor allem die Politiker und Helfer, die sich vor der aggressiven Konfrontation mit den Eltern fürchten. Doch die Gesellschaft wird um diese Konfrontation nicht herumkommen, will sie ALLEN Kindern und Jugendlichen echte Chancen geben, Rechte und Menschenwürde.
Tatsache ist: In Deutschland gab es bisher keine breite Offensive zur Vorstellung des neuen Paragraphen, die auch nur annähernd etwa mit der enorm erfolgreichen schwedischen Kampagne für gewaltfreie Erziehung ab 1979 verglichen werden kann. In Schweden ließ das Justizministerium zum Auftakt der Kampagne acht Wochen lang auf jede Milchtüte den Text des neuen Gesetzes aufdrucken. Jeder Haushalt mit Kindern wurde einzeln angeschrieben. In den Sprachen aller Migranten wurde das Gesetz ausführlich erklärt. Zwei Jahre später kannten 98 Prozent der Bevölkerung das Gesetz, auch die Migranten. Für Deutschland wäre es längst an der Zeit, wenigstens verspätet eine solche Initiative zu starten. Ihre Hilfe anbieten sollten dabei auch Großkonzerne, deren Produkte sich vor allem an Kinder und Eltern richten: MacDonalds und Müller-Milch, Haribo, Coca-Cola und Milka-Schokolade, private Fernsehsender. Sie wären idealere Promoter als die Broschüren, die auf den Inforegalen der Einwohnermeldeämter vergilben. Erzieher in Kindergärten und Lehrer an den Schulen sollten zudem direkt und aktiv über das Gesetz aufklären. Auf Türkisch und Arabisch, auf Bosnisch und Serbisch. Aber auch, immer wieder, auf Deutsch. Dann beginnt auch die Fraktion Koch zu begreifen, dass es dieses Gesetz tatsächlich gibt.
Internet:
EU-Kampagne für gewaltfreie Erziehung
Globale Initiative gegen Gewalt an Kindern
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.01.2008)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
Bereits vor 30 Jahren wurde ich in Istanbul von solchen Jugendlichen bedroht, von Erwachsenen die gerade aus der Moschee kamen und vor allem von jugendlichen Händlern oder Schleppern im großen Bazar. Von einer echten Kultur kann ich seit dieser Zeit nicht mehr reden.
Es ist für mich daher auch nicht zu verstehen, wie man solche Dinge seit Jahrzehnten schönreden kann.
Die Quittung für unsere Toleranz und das wegsehen bekommen wir seit vielen Jahren. Trotzdem interessiert sich kaum einer wirklich dafür, bis er selbst zum Opfer wird.
es freut mich nach vielen Beiträgen und parteiischen Texten (s. vor allem Süddeutsche Z.)auch mal einen Lösungsvorschlag zu hören. Einen guten, wie ich finde. Sicherlich gibt es auch einige deutsche Familien in denen geprügelt wird, aber Ihr Schlußsatz ist nach den von Ihnen selbst gelieferten Zahlen 10-15% bei deutschen ggü. erschreckender 50% bei beispielsweise türkischen Familien eine schräge Betonung.
Respekt kann keine vorwiegend deutsche Pflicht sein.
Ein Witz ist doch, dass alle halbwegs integrierten türkischen Mitbürgener die Sache ganz ähnlich sehen. Gruß an dieser Stelle an Kadir. Denn auch diese können von solchen Jugendlichen angegriffen werden.
Alles in allem fand ich Ihren Artikel toll. Danke.
Fetschers Vorschlag, mit einer Kampagne den Inhalt des Paragraphen "unters Volk" zu bringen, sollte von der Politik möglichst schnell aufgegriffen werden.
Derzeit wird nach härteren Strafen für Gewalttaten gegen Polizisten gerufen. Kinder stehen an unterster Stelle. Mein prügelnder Vater kam ins Gefängnis, weil er die zuhilfe gerufenen Polizisten verprügelt hat. Hätte er das nicht getan, wäre alles geblieben wie zuvor.
Ein Problem ist jedoch auch, dass Kinder meistens nicht möchten, dass ihre Eltern bestraft werden. Sie sind ja von ihnen abhängig.
Ganz wichtig fände ich es im Rahmen einer derartigen von der Autorin vorgeschlagenen Kampagne klarzustellen, was genau mit seelischen Verletzungen gemeint ist. Diese finden oft durch die Eltern statt, ohne dass diese es merken.
Genauso muss das Gesetz aber auch gegen prügelnde Eltern angewendet werden. Züchtigung von Kindern ist Körperverletzung und sollte genauso geahndet werden. Bei Wiederholungstätern sogar strafverschärfend.
Mein Leitspruch den ich einst von meiner Mutter Übernommen habe.
Sagt wohl alles über den Umgang mit Menschen.
"Gehe mit deinen Mitmenschen so um wie du es von ihnen Verlangst."
Und daran sollten sich alle halten.
Mein Leitspruch den ich einst von meiner Mutter Übernommen habe.
Sagt wohl alles über den Umgang mit Menschen.
"Gehe mit deinen Mitmenschen so um wie du es von ihnen Verlangst."
Und daran sollten sich alle halten.
der ist von Kant
Gut das wir so tiefschürfende Artikelschreiber/Innen wie Frau Fetscher haben, hatte ich doch bislang vermutet, dass diese Stigmatisierung eine gewisse Indoktrination durch bestimmte kulturell-religiöse Wertvorstellungen erkennen lässt, gepaart mit einer gewissen Überheblichkeit und daraus resultierenden Verachtung gegenüber den Selbstbehauptungshemmnissen der säkular-hedonistischen Mehrheitsgesellschaft.
Ich schließe mich voll und ganz Ihrer Täter-Hermeneutik an! Wir schaffen das, wir werden uns am Ende alle lieb habe, daran müssen wir gemeinsam nur fest genug glauben!