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Nachruf

Soulman, Latin Lover, Freibeuter

Der schönste Verlierer: Zum Tod des großen amerikanischen Rockmusikers Willy DeVille
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1977. Mitten in der Punk-Zeit kam plötzlich diese Platte von einer neuen Band aus New York City: „Mink DeVille“, auf Vinyl natürlich noch, versteht sich. Der pure Stoff. „Cabretta“ hieß das Album, benannt nach einer Ledersorte, die gleichzeitig fest und zäh ist und weich und geschmeidig. Ganz so wie die Stimme ihres außergewöhnlichen Frontmannes: Willy DeVille hatte die schärfste neue Stimme, die damals zu hören war. Seine Songs, sein Ton, sein Timbre gingen sofort unter die Haut, ins Blut, ins Herz. Rau und romantisch zugleich. Cabretta. Eine Offenbarung.

Am 13. Juni 1978 kam diese Band erstmals nach Berlin. Ins legendäre Kant Kino, Kantstraße 54. Und zwischen all diesen finsteren Burschen an Gitarre, Orgel, Bass, Schlagzeug und einem traumhaften schwarzen Gospel-Chor stand vorne am Mikrofon: Willy DeVille. Und war noch viel besser als auf Platte. Man musste diesen Mann erleben, musste ihn hören, aber auch sehen. Da tänzelte er elegant als messerscharfer New Yorker Straßenecken-Romeo, im schwarzen Anzug, leicht eingeknickt in den dürren Beinen, aufreizend lächelnd, mit einer coolen Zigarette in der Hand, ein bisschen arrogant, ein bisschen scheu, ein bisschen unnahbar, und strahlte in seiner schmierigen, loddlhaften Eleganz mit seinen schwarzen, zurückgeölten Haaren einen unwiderstehlichen Charme aus. Während er herzzerreißend „Venus Of Avenue D“ sang, „Mixed Up Shook Up Girl“, „Cadillac Walk“ und „Spanish Stroll“. Zu einer berauschenden musikalischen Mixtur aus hartem Rhythm & Blues, Doo Wop und Soul ließ er die Stimme wehen, flattern, klagen und kreischen. Als hätten sich in ganz tief in seinem Inneren die Seelen von John Lee Hooker, Muddy Waters, Ben E. King, Lou Reed, Van Morrison, Mick Jagger und Bob Dylan vereint.

Schon vor über 30 Jahren war es deutlich zu hören, zu spüren: Hier war einer der größten neuen Sänger der New-Wave-Ära aufgetaucht. Der sich schließlich zu einem der größten Sänger aller Zeiten entwickelte. Was sich für ihn allerdings nie in größerem kommerziellem Erfolg niederschlug. Vielleicht, weil er die Musik zu leidenschaftlich liebte, den Blues, den Soul, den Rock’n’Roll, war er nie bereit Konzessionen zu machen an Trends oder Zeitgeschmäcker. Willys Songs blieben zeitlos. Und weil er sich in seine Kunst nicht reinreden lassen wollte von Managern und Geschäftsleuten, kam er immer wieder in Konflikte mit den Plattenfirmen. 1980 wollte Capitol Records sein herausragendes, in Paris aufgenommenes Album „Le Chat Bleu“ schon gar nicht mehr veröffentlichen.

Wie in seinem Privatleben, zwischen allen möglichen Schicksalsschlägen, zwischen Drogensucht und finanziellen Engpässen, ging es auch in seiner musikalischen Karriere ständig rauf und runter. Rauf zum umjubelten Fernsehauftritt im „Rockpalast“, zu triumphalen Konzerten vor großem Publikum. Aber gelegentlich dann auch wieder so weit runter, dass er für längere Zeit keine Plattenfirma hatte, dass er sich keine Begleitmusiker mehr leisten konnte, dass er eine Weile alleine auftrat, unter anderem im Rahmen einer merkwürdigen Werbetour für einen amerikanischen Schnapshersteller. Aber auch da blieb er musikalisch immer überzeugend. Als Sänger, als Gitarrist, als Songschreiber. Die Aufs und Abs seiner Karriere hat der Berliner Regisseur Diethard Küster schließlich sehr schön in dem Film „Beautiful Losers“ dokumentiert.

Aber DeVille rappelte sich immer wieder auf, ging dorthin, wo er am liebsten war, auf die Bühne, immer elegant, im Gehrock, im Piratenmantel, mit neuen Songs von neuen Platten, mit neuen Musikern. Mal nur von Bass und Piano begleitet. Dann wieder in voller Bandbesetzung, laut und ungestüm. Als romantischer Doo-Wop-Juke-Box-Crooner, als Latin Lover zu Cajun-Klängen oder als wilder Soulman. Eine Zeitlang konnte er wegen eines Hüftleidens nur am Stock gehen, musste sitzen auf der Bühne. Bis er endlich das Geld beisammen hatte für eine Operation und er sich anschließend bei seinem letzten Berliner Konzert im März 2008 in der Columbiahalle wieder frei auf der Bühne bewegen konnte.

Eine weitere große Tournee für 2009 musste im Februar abgesagt werden. Willy musste seine Hepatitis-C-Erkrankung behandeln lassen. Doch dann wurde Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Willy DeVille wurde am 25. August 1950 als William Borsey in New York geboren und unternahm dort 1977 im legendären Club CBGB neben den Ramones, Blondie und anderen seine ersten Schritte zu größerer musikalischer Bekanntheit. Nun ist er am Donnerstag in einem Krankenhaus seiner Geburtsstadt gestorben.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.08.2009)
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Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von guebei1 guebei1 ist gerade offline | 8.8.2009 17:06 Uhr
Leider
Leider kann man Ihn jetzt nicht mehr live hören, er hatte Berlin immer in seinen Konzerttouren mit eingeplant.
Unvergessene und einzigartige Veranstaltungen in einem übersichtlichen Rahmen, und immer 100% Willy er war halt ein Talent.
Die Konzerte die er gab im Metropol, in der Columbiahalle in der UDK oder im Postbahnhof bleiben unvergessen.


MfG

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