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"Inglourious Basterds"

Schauder des Erkennens

"Inglourious Basterds" provoziert. Was die Premiere des Tarantino-Films auslöst.
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Wer gelegentlich Filmpremieren beiwohnt, mögen sie schlicht daherkommen wie bei Debüts oder flauschigteppichrot wie beim allerneuesten Blockbuster, bekommt ein feines Gespür für Applaus. Immer sind sie ein Erfolg, weil sie ein Erfolg sein müssen: Schließlich sitzt, neben ebenso gewogenen wie geladenen Gästen, oft das ganze Team im Publikum, und wann kann man sich, vom Oberhauptdarsteller bis zum Unternebenbeleuchter, mal so richtig feiern – wenn nicht jetzt?

Die „Inglourious Basterds“-Deutschlandpremiere am Dienstag in Berlin macht da insofern keine Ausnahme, als von Brad Pitt bis zu den deutschen Groß- bis Kleindarstellern alles am Start war, was zum Gelingen des jüngsten Quentin-Tarantino-Films beigetragen hatte. Und zugleich erwies sich die erste öffentliche Vorführung des Zweieinhalbstünders in der Stadt, in der er überwiegend gedreht worden war, nicht nur als eines jener Events, das die Kino- und Überhaupt-Kapitale Berlin seit längerem mit einiger Gelassenheit durchwinkt. Sondern als Ereignis.

Nicht nur verfolgten die 1400 Zuschauer im sonst nur für die Berlinale glücklich zweckentfremdeten Musicaltheater am Potsdamer Platz fühlbar gebannt Tarantinos packende, fabelhaft erfundene und gespielte Fantasie der großen jüdischen Rache an den Nazis; sondern bald brandete angesichts des furiosen Schauspielzaubers mehrfach Szenenapplaus auf, bei dem es allenfalls um den darin untergehenden nächstschönsten Wort- und Spielwitz schade war. Und statt eher dienstlich nichtendenwollenden Schlussapplaus gab es: Jubel, Jauchzer, Glückseligkeitspfiffe wie bei einem Rockkonzert.

Ja, da löst sich was. Und erlöst sich was. Da gibt eine entfesselt englisch, deutsch, französisch und italienisch parlierende Kreativ-Melange aus Thriller, Groteske und historischer Fiktion pure Energie frei, die in ihrer Summe sofort mehr ist als der Spiegel der geballten Tarantino-Energie selbst. Da findet, nach den bleiernen deutschen („Der Untergang“) und amerikanischen („Operation Walküre“) Geschichtsabbildungsversuchen eine Katharsis statt, eine Befreiung für länger. Statt die Gewalt des historisch Bösen zu perpetuieren und nebenbei auch noch einmal von ihr zu profitieren, schlachtet hier ein Film nach bewegendem, auch mal grausigkomischem, immer hoch spannendem Anlauf von Hitler bis Bormann endlich und buchstäblich jene Nazis ab, die es zuallererst verdient haben. Was für ein nachgetragener Sauerstoffschub: nur durch Bilder.

Wie wichtig diese Erfahrung ist, lässt sich anderntags bei einer ersten Gegenprobe feststellen. In Internetforen und Online-Leserkommentaren setzt sich bereits drei Wochen vor Filmstart massiv jene Energie frei, die Quentin Tarantinos Meisterstück als Beleidigung deutscher Soldatenehre und nationalen Bewusstseins begreift. Ja, „Inglourious Basterds“ provoziert: leider den Schauder auch dieses Erkennens. Jan Schulz-Ojala



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.07.2009)
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