Einst bestimmte Weite die Stadt. Jetzt werden die letzten Brachen bebaut. Die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über die Zeit der Leerstellen, die nur eine Pause war.
In jeder Stadt gibt es ja Plätze, auf denen das Pflaster Lücken hat, wo die Büsche stinken, wo Leute ihre alten Kleider hinschmeißen, Betrunkene leere Flaschen zerschlagen, Styropor zerbricht, Blech zerdrückt wird, Hunde pinkeln, Plakate von der Pappe gerissen werden. In Berlin gab es seit 1945 besonders viele solcher Orte: wüste Stätten, oft waren es Ecken, an denen nicht einmal ein Kiosk wuchs. Der Himmel über Berlin war immer sehr weit, eben weil unten auf der Berliner Erde Bombenlücken der Weite des Himmels entsprachen.
Vor rund fünfundzwanzig Jahren sah ich von meinem Kinderzimmer aus über einen Spielplatz hinweg, über Baracken hinweg, über einen Lagerplatz für Baumaterialien hinweg: bis auf eine kahle Brandmauer eines einzelnen, stehen gebliebenen Hauses kurz vor dem Westen. Zwischen mir und dem Sonnenuntergang lagen damals gut fünfhundert Meter, der Horizont war eine schwarze Linie hoch oben, er hatte Schornsteine und Antennen, und zur Straße hin fiel das Dach schräg ab. Auf die Entfernung sah das im Gegenlicht wie ein Scherenschnitt aus, und nirgendwo anders gab es, wenn die Sonne unterging, solche hoch aufragenden, großstädtischen Scherenschnitte wie in Berlin.
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Auf dem Mauerstreifen bei mir um die Ecke habe ich noch vor zwei Jahren einmal die Ziegen des Zirkus Aron wieder eingefangen, die aus der Tierschau entwichen waren, um auf dem Gelände zu grasen, gelegentlich habe ich dort auch Pferde eines Fuhrunternehmens weiden sehen, und von Zeit zu Zeit habe ich, wo früher die Grenztruppen patrouillierten, Wiesenblumen gepflückt.
In den fünfziger Jahren gab es einmal Pläne, die Friedrichstraße zu verbreitern, wohl deshalb hatte man die freien Flächen nicht wieder bebaut, Brunnen gab es stattdessen, an der Ecke Unter den Linden, und Blumenbeete.
Inzwischen ist das Sonnenuntergangspanorama meiner Kindheit längst von einem Hochhaus verstellt, das die Straße dunkel macht und den Blick nach Westen bis zur Unkenntlichkeit verkürzt. Inzwischen ist bei mir um die Ecke der Mauerstreifen stückweise abgezäunt: Auf einem Stück ist offensichtlich zur Bauvorbereitung ein Graben ausgehoben, am Grund des Grabens stehen die Kellerziegel der früheren Häuser aus der Erde, am Zaun wirbt ein Unternehmen für „Sprengmittelentfernung“; ein anderes Stück Pferde- und Ziegenhandel hat sich in einen Gebrauchtwagenhandel verwandelt, auf grauem Kies stehen zerbeulte und nicht zerbeulte Autos; und auf dem dritten Stück Unkraut wohnen schon seit einem Jahr bis in den fünften Stock hinauf Leute in Neubauwohnungen mit großen Fenstern.
Die Friedrichstraße war bis Kriegsende schmal und ist jetzt wieder schmal geworden, sie war dicht bebaut mit Geschäften und ist wieder dicht bebaut mit Geschäften, inzwischen soll man an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden an genau der Stelle, wo einmal der Brunnen stand, Luxuslimousinen kaufen, damit die Ladenmiete wieder hereingebracht wird, vor dem Krieg waren Häuser aus Sandstein mit Säulen modern, und jetzt sind wieder Häuser aus Sandstein mit Säulen modern, es stellt sich also heraus, dass die Zeit der Leerstellen nur eine Pause war.
Ich habe einmal gehört, dass, wenn die Unordnung innerhalb eines Systems sich verringert, sie sich zwangsläufig in einem benachbarten System vergrößert. Und da die Unordnung ja nur an Stellen entstehen kann, die frei sind, würde mich interessieren, wie Leere aussieht, wenn sie wandert. Die Bewohner von Berlin-Mitte jedenfalls müssen jetzt sehen, wie sie damit, dass alles da ist und nichts fehlt, durchkommen. Und Morgenstern? Morgenstern hat vielleicht auch in Mitte gewohnt. Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. / Ein Architekt, der dieses sah, / stand eines Abends plötzlich da – / und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus. / Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum. / Ein Anblick gräßlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein. / Der Architekt jedenfalls entfloh / nach Afri-od-Ameriko.
- Jenny Erpenbeck ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Am 7. September erscheint im Galiani Verlag ihr neues Buch „Dinge, die verschwinden“, dem wir diesen Text entnahmen. Am 10.9, 20 Uhr, liest Erpenbeck erstmals aus dem Buch, Backfabrik, Saarbrücker Str. 36.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 02.09.2009)
Kommentare [ 36 ] Kommentar hinzufügen »
Der Nachbau alter Grundrisse (mit nur notdürftig traufhöhenlimitierten Vertikalen) eignet sich aber jetzt vorzüglich zur Kaschierung des Ersatzes von visionärer städtischer Architektur durch maximale Flächenrenditur.
In keiner Stadt der Welt wurde je für SO viel Geld SO schlechte Architektur gemacht.
Und anhand von Baulücken kann man der nachfolgenden Generation die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Krieg besser erklären als anhand von Büchern.
Kam heute die Brunnenstraße runter, da wird irgendwo das 10 T Hotels gebaut. Sie hatten den provisorischen Anbau niedergerissen, man konnte die alte Brandmauer sehen, sogar noch eine Tür die in den Anbau führte, und wo der Dachfirst verlief. Und ich frage mich: Warum mussten sie ein Provisorium das vierzig, fünfzig Jahre hielt abreißen? Sie schließen die Lücke auf der Ecke. Aber sie schließen auch ein Fenster in die Erinnerung. Erinnern ist aber wichtig, nicht nur an den dafür vorgesehenen Stellen, nein, überall dort wo der Krieg Wunden geschlagen hat.
ich verstehe diese stadt einfach nich...
Als man damals Anfing den Potsdamer Platz neu zu bebauen habe ich mich gefreut, heute hätte ich gerne ein paar Kilo TNT um die Abscheulichkeiten wieder einzureißen. Die Wüste dort war Aussagekräftiger als die seelenlosen Neubauten die sie dort hingestellt haben.
Und nein, ich halte meine Haltung nicht für typisch.
Ich ziehe jedoch einen Altbau oder Wiederaufbau jederzeit einer modernen Betonburg vor, lieber knarrende Dielen als funkelndes Laminat. Ecken und Kanten gegen chic und trendy. Solitär gegen Mainstream. Ich werde mich immer für den Solitär entscheiden.
auch Dorf genannt. Mehrere Solitäre machen aber noch keine Stadt.
Wenn die Baulücken als Mahnmal dienen sollen verfehlen sie durch ihre Gewöhnlichkeit jede Wirkung. Der theoretische Betrachter in 30 Jahren, der mit diesen Baulücken aufgewachsen wäre, nimmt sie doch als Normalität wahr. Ein Bild dagegen von Ruinen oder einer aufgeräumten Leere wird den Betrachter beim Vergleich mehr schockieren als "Ach, da war mal was?".
Gehen sie mal in der Nähe eines S-Bahnshof spazieren und achten sie auf die Häuser rechts und links. In den Innenstadtbzeirken können sie regelrecht die Einflugschneisen der Bomber sehen. Und wenn dann noch irgendwo eine Lücke klafft, das ist das Tüpfelchen auf dem I.
Brache ist nicht gleich Brache. Eine Brache ist jungfräulich, ein Gelände auf dem nie ein Gebäude stand. Was hier bebaut wird sind die Kriegsbrachen, freies Gelände das durch blinde Gewalt entstanden ist. Und die Gebäude die man darauf baut sind schlicht häßlich.
....musste ja auch nicht....wem für Berlin die Sinne fehlen....schade drum...;
ab in einen Neubau/Eigenheim am Stadtrand oder in der Provinz...
Machen Sie mal einen Gegenvorschlag: Was soll aus Baulücken und Brachen werden...?
Nischen und der Stadtdurchlüftung. War auch immer ein schöner
Spaziergang, so ungestört....zwischen Minenfeld und Stacheldraht.
Zur Not fragen wir mal bei den Alliierten an...
Aber andererseits: Stillstand ist der Tod. Man sollte froh sein für jedes neue Haus, dass schafft Arbeit und komfortablen Wohnraum.
Dieses Romantisieren von Brachen und Verfall kann ich als nichts anderes als Nostalgie verstehen - wären in Ihrer Jugendzeit die sog. "Luxussanierungen" der Normalfall gewesen und die Stadt wäre die letzten Jahre zunehmend verfallen und wäre jetzt in einem Zustand wie sie es vor Jahren noch war dann würden Sie, und die meisten anderen, meiner Meinung nach genauso lamentieren - über Verwahrlosung, und was weiss ich nicht alles.
Auf den Artikel möcht' ich auch noch kurz eingehen, "In jeder Stadt gibt es ja Plätze, auf denen das Pflaster Lücken hat, wo die Büsche stinken, wo Leute ihre alten Kleider hinschmeißen, Betrunkene leere Flaschen zerschlagen, Styropor zerbricht, Blech zerdrückt wird, Hunde pinkeln, Plakate von der Pappe gerissen werden." - in jeder? Welche Städte haben Sie denn bisher in ihrem Leben besuchen?
denn sonst wüsste er,
dass die Erträge sich nach der "Eigenkapital-Rendite"
und da ist es völlig egal,
ob der Kaufpreis für ein Objekt hoch oder niedrig ist.
Entscheidend ist,
wie sich das Eigenkapital verzinst...
Hm, mit dem Auto über Nauen rausfahren nach Sachsen-Anhalt bis Hannover, oder mit dem Bummelzug Richtung Elbe-Elster, da sieht man sie wachsen..
Gegen die Schließung von Baulücken ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn sich in der Brache im Einzelfall jedoch eindrucksvolle, unberührte Naturlandschaften entwickelt haben -ja, so etwas gibt es - dann ist es sicherlich schade.
Desgleichen wenn die Brache durch unansehnliche (Glas-) Klotzbauten ersetzt wird, die architektonisch nicht ins Bild passen, Sichtweite und Sonnenlicht nehmen und nur zweckorientiert sind.
Aber wie schon oben erwähnt, ist es grundsätzlich besser die Baulücken zu schließen und die in der Mehrzahl entstandenen freien Müllhalden der Anwohner zu beseitigen!
Neu aufbauen - hmm, möglicherweise auch, aber da fängt's schon an: es kommt darauf an, was warum und wie neu aufgebaut werden soll. Wenn ich mir gerade die Friedrichstraße heute ansehe und mich an die Grünflächen erinnere, die's da noch vor 20 Jahren gab, dann frage ich mich schon, ob Berlin tatsächlich so wenig Bürohäuser hat, dass diese Flächen auch noch zugebaut werden mussten (dass ich einen Großteil der Neubauten auch noch scheußlich finde, das kommt dazu, aber es wird wohl auch Leute geben, die sowas mögen, und über Geschmack braucht man bekanntlich nicht streiten).
Aber was meinen Sie mit "widerlichen Brachflächen"?
Bisweilen überkommt einen dann der Verdacht, hier lassen Immobilienbüros schreiben, denn derartig widerstädtischen Unsinn kann ein in Berlin lebender Berliner eigentlich nicht gebären.
bei den Überlegungen eine Bebauung dort betreffend,
ist eher die Fläche westlich der Spandauer Straße angedacht,
zumal auch die ursprüngliche Plaung der DDR für eine Großstadt ziemlich pervers ist:
da, wo in einer Großstadt downtown-downtown ist, waren und sind da Grünflächen...
1.
Ich bezog mich nicht auf Überlegungen potenzieller Bebauer, sondern auf nachlesbare Statements von Foristen in diesbezüglichen Threads, die die noch baumbestandenen Grünflächen glaubten zur Verbaureifung verbal als innerstädtische "Brachen" abfackeln zu müssen.
2.
Wenn Sie "ursprüngliche" Planungen von wem auch immer hernehmen, sind die meistens ziemlich pervers. Entscheidend ist das Ergebnis.
3.
Mitnichten ist heute "nur" die Fläche westlich der Spandauer Straße zur Bebauung angedacht. Nein, das hehre Ziel der Betonisierung dem mittelalterlichen Grundriss entlang, greift deutlich weiter. Machen Sie sich kundig.
aber nicht, wie auf der anderen Seite bauamtliche Überlegungen im Gange.
Ich lass mich da aber gerne eines Besseren Belehren...
@commentator: ich bin sicher kein mitarbeiter einer immobilienfirma, und muss wohl dazu sagen, dass ich ein nachkriegs und auch ein nachmauer kind bin, und ich kann die hier postenden leute gut verstehen die diesen schrecklichen zeiten gedenken wollen und sich einsetzen, dass solche taten sich nicht wiederholen werden.
ich bin aber der meinung, dass diesen zeiten mit denk/mahnmälern ausreichend gedacht wird und denke dass es zeit ist in die zukunft zu schauen und berlin zu einer freundlichen, funktionierenden stadt zu machen!
sicher, in der friedrichstraße fehlen ein paar bäume, aber bei den meisten neubauprojekten (beispiel potsdamer platz) wurde an ausreichende bepflanzung gedacht. ich persönlich halte dieses areal kein bisschen für "ausgestorben" sondern für sehr lebendig, ich gehe dort gern ins kino oder in eines der zahlreichen cafés...
und wieso?
leffers gegenüber ist schon seit 2 jahren raus, und hertie hatte all die jahre seine chance gehabt.
die neuköllnarcaden haben auch nicht gerade viel zu bieten.
meiner meinung sollte man lieber das neue center abreißen und eine GEPFLEGTE grünanlage dort hinsetzen. das wäre für diese überlastete strasse mal was sinnvolles, denn dieses neue center zieht doch einigen lieferverkehr nach sich und trägt bestimmt nicht ^zur verkehrsentspannung bei.
Wie es Berlin schafft nach so langer Zeit und in Anbetracht der Erfahrungen die gleichen Fehler nur mal eben 40 Jahre später nachzubauen... tragisch.
Wenn eine Stadt die Möglichkeit gehabt hätte Vieles "anders" zu machen, dann Berlin. Doch hier wird seit Jahrzehnten dem Filz, der Fantasielosigkeit und Mutlosigkeit, sowie dem unbedingten Willen so zu sein wie Andere, gehuldigt.
Berlin hat sich mal ausgezeichnet als grüne Stadt und als Mahnmal des Kalten Krieges. Die Mauer ist weg, und zwar komplett, immer mehr Erinnerungen mehr daran verschwinden und Berlin verkommt mit seinen Neubauten immer mehr zu einer 08/15 Stadt ohne Gesicht und Charakter.
Bald weiß man nicht mehr wo man gerade ist ...
Heutzutage gibt es keine Architekturepoche mehr, "Moderne Architektur" ist ein Sammelbegriff für alles was heutzutage ("in der Moderne" als) gebaut wird. Da ist alles dabei, die Vielfalt war noch nie so groß wie heute.
Aber auch der naja "Autismus" war selten so groß.
Bauten werden heute in aller Regel als Einzelmodell geplant und vorgestellt, auf das Umfeld wird quasi nicht eingegangen. Dabei braucht jeder Ort seine eigene Architektur. Das ist es was Architektur so austauschbar macht. Man hat das Gefühl dieser oder jene Glaskasten hätte genauso in Shanghai oder Boston errichtet werden können.
Und dann ist es doch, muss ich jetzt mal sagen, etwas paradox dass in Berlin z.B. stereotyp immer auf "Schwaben" rumgehackt wird bzw. eigentlich auf jedem der nicht entweder Migrant oder Urberliner ist sondern aus dem restlichen Bundesgebiet kommt - aber gleichzeitig wird Uniformität bedauert? Uniformität beginnt im Kopf, nicht beim Straßenbild.
Zu Ihren Ausführungen bzgl. reichlich leerstehender Büroflächen in Berlin: Wie recht Sie damit haben - es ist eine Millionenzahl an Quadratmetern, die da leerstehen. Und auch aus diesem Grunde wird es sehr sehr schwer, das Gebäude des Flughafens THF irgendwie sinnvoll zu nutzen, so dass man dort besser den Flugbetrieb fortgesetzt hätte. Durch den ist das Gebäude nämlich kaum weniger nutz- und vermietbar als ohnehin schon...
Speziell, wenn dafür kleine Grünflächen oder Kinderspielplätze verschwinden müsse.
Ach - denken Sie doch mal an Kaisers Zeiten - da schaffte es eine Baulöwenmafia, die damaligen Bauvorgaben des Magistrats locker zu überspielen und gleich vier bis fünf Reihen Mietskasernen hintereinander zu bauen.
Die hatten später die Engländer und Amis im WK II teilweise wieder weggebombt - von dem, was der Herr Speer von der Fa. "Germania" nicht bereits vorher aufgeräumt hatte...
So spiegelt sich jedes Zeitalter im Stadtbild wider - wenigstens eine Zeitlang. Das ist heute nicht anders als früher.
Meine Einschätzung lautete: