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Stadt im Wandel

Die Narben Berlins

Einst bestimmte Weite die Stadt. Jetzt werden die letzten Brachen bebaut. Die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über die Zeit der Leerstellen, die nur eine Pause war.
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Liebe zur Leere. Die Brache an der Ecke Oranienstraße/Manteuffelstraße in Kreuzberg ist eine Ausnahme geworden. Foto: Simona Ghizzon/Laif
In jeder Stadt gibt es ja Plätze, auf denen das Pflaster Lücken hat, wo die Büsche stinken, wo Leute ihre alten Kleider hinschmeißen, Betrunkene leere Flaschen zerschlagen, Styropor zerbricht, Blech zerdrückt wird, Hunde pinkeln, Plakate von der Pappe gerissen werden. In Berlin gab es seit 1945 besonders viele solcher Orte: wüste Stätten, oft waren es Ecken, an denen nicht einmal ein Kiosk wuchs. Der Himmel über Berlin war immer sehr weit, eben weil unten auf der Berliner Erde Bombenlücken der Weite des Himmels entsprachen.

Vor rund fünfundzwanzig Jahren sah ich von meinem Kinderzimmer aus über einen Spielplatz hinweg, über Baracken hinweg, über einen Lagerplatz für Baumaterialien hinweg: bis auf eine kahle Brandmauer eines einzelnen, stehen gebliebenen Hauses kurz vor dem Westen. Zwischen mir und dem Sonnenuntergang lagen damals gut fünfhundert Meter, der Horizont war eine schwarze Linie hoch oben, er hatte Schornsteine und Antennen, und zur Straße hin fiel das Dach schräg ab. Auf die Entfernung sah das im Gegenlicht wie ein Scherenschnitt aus, und nirgendwo anders gab es, wenn die Sonne unterging, solche hoch aufragenden, großstädtischen Scherenschnitte wie in Berlin.

Fotostrecke: Mitte im Wandel (83 Bilder)


Auf dem Mauerstreifen bei mir um die Ecke habe ich noch vor zwei Jahren einmal die Ziegen des Zirkus Aron wieder eingefangen, die aus der Tierschau entwichen waren, um auf dem Gelände zu grasen, gelegentlich habe ich dort auch Pferde eines Fuhrunternehmens weiden sehen, und von Zeit zu Zeit habe ich, wo früher die Grenztruppen patrouillierten, Wiesenblumen gepflückt.

In den fünfziger Jahren gab es einmal Pläne, die Friedrichstraße zu verbreitern, wohl deshalb hatte man die freien Flächen nicht wieder bebaut, Brunnen gab es stattdessen, an der Ecke Unter den Linden, und Blumenbeete.

Inzwischen ist das Sonnenuntergangspanorama meiner Kindheit längst von einem Hochhaus verstellt, das die Straße dunkel macht und den Blick nach Westen bis zur Unkenntlichkeit verkürzt. Inzwischen ist bei mir um die Ecke der Mauerstreifen stückweise abgezäunt: Auf einem Stück ist offensichtlich zur Bauvorbereitung ein Graben ausgehoben, am Grund des Grabens stehen die Kellerziegel der früheren Häuser aus der Erde, am Zaun wirbt ein Unternehmen für „Sprengmittelentfernung“; ein anderes Stück Pferde- und Ziegenhandel hat sich in einen Gebrauchtwagenhandel verwandelt, auf grauem Kies stehen zerbeulte und nicht zerbeulte Autos; und auf dem dritten Stück Unkraut wohnen schon seit einem Jahr bis in den fünften Stock hinauf Leute in Neubauwohnungen mit großen Fenstern.

Die Friedrichstraße war bis Kriegsende schmal und ist jetzt wieder schmal geworden, sie war dicht bebaut mit Geschäften und ist wieder dicht bebaut mit Geschäften, inzwischen soll man an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden an genau der Stelle, wo einmal der Brunnen stand, Luxuslimousinen kaufen, damit die Ladenmiete wieder hereingebracht wird, vor dem Krieg waren Häuser aus Sandstein mit Säulen modern, und jetzt sind wieder Häuser aus Sandstein mit Säulen modern, es stellt sich also heraus, dass die Zeit der Leerstellen nur eine Pause war.

Ich habe einmal gehört, dass, wenn die Unordnung innerhalb eines Systems sich verringert, sie sich zwangsläufig in einem benachbarten System vergrößert. Und da die Unordnung ja nur an Stellen entstehen kann, die frei sind, würde mich interessieren, wie Leere aussieht, wenn sie wandert. Die Bewohner von Berlin-Mitte jedenfalls müssen jetzt sehen, wie sie damit, dass alles da ist und nichts fehlt, durchkommen. Und Morgenstern? Morgenstern hat vielleicht auch in Mitte gewohnt. Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. / Ein Architekt, der dieses sah, / stand eines Abends plötzlich da – / und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus. / Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum. / Ein Anblick gräßlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein. / Der Architekt jedenfalls entfloh / nach Afri-od-Ameriko.

- Jenny Erpenbeck ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Am 7. September erscheint im Galiani Verlag ihr neues Buch „Dinge, die verschwinden“, dem wir diesen Text entnahmen. Am 10.9, 20 Uhr, liest Erpenbeck erstmals aus dem Buch, Backfabrik, Saarbrücker Str. 36. 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 02.09.2009)
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Kommentare [ 36 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 1.9.2009 21:19 Uhr
Flächenrenditis
Aus der weltkriegerischen Zerstörung dieses gigantischen Stadtkörpers haben Architekten auch einmal Visionen abgeleitet und neue Grundrisse.
Der Nachbau alter Grundrisse (mit nur notdürftig traufhöhenlimitierten Vertikalen) eignet sich aber jetzt vorzüglich zur Kaschierung des Ersatzes von visionärer städtischer Architektur durch maximale Flächenrenditur.

In keiner Stadt der Welt wurde je für SO viel Geld SO schlechte Architektur gemacht.

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von macthepirat macthepirat ist gerade offline | 1.9.2009 22:01 Uhr
HImmel
ich muß ihnen zu stimmen. - Ich beweine jede Baulücke die verschwindet. Es ist mir manchmal so als würde erneut Krieg geführt. Diesmal um die Geschichte der Stadt auszuradieren. Bauland mag wertvoll sein. Geschichte ist noch wertvoller.
Und anhand von Baulücken kann man der nachfolgenden Generation die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Krieg besser erklären als anhand von Büchern.
Kam heute die Brunnenstraße runter, da wird irgendwo das 10 T Hotels gebaut. Sie hatten den provisorischen Anbau niedergerissen, man konnte die alte Brandmauer sehen, sogar noch eine Tür die in den Anbau führte, und wo der Dachfirst verlief. Und ich frage mich: Warum mussten sie ein Provisorium das vierzig, fünfzig Jahre hielt abreißen? Sie schließen die Lücke auf der Ecke. Aber sie schließen auch ein Fenster in die Erinnerung. Erinnern ist aber wichtig, nicht nur an den dafür vorgesehenen Stellen, nein, überall dort wo der Krieg Wunden geschlagen hat.
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von suedwestberliner suedwestberliner ist gerade offline | 1.9.2009 22:54 Uhr
typisch berliner...
sowas gibts auch nur in berlin; in anderen städten freut man sich wenn innenstädte saniert/neu aufgebaut werden. aber nein in berlin weint man widerlichen brachflächen nach
ich verstehe diese stadt einfach nich...
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von macthepirat macthepirat ist gerade offline | 2.9.2009 6:20 Uhr
Brache
Für mich ist jede Brache in der Innenstadt ein Mahnmal. Und ich bin mit diesen Mahnmalen aufgewachsen. Auf einigen dieser Mahnmalen habe ich gespielt, auf jeden Fall erinnern sie mich, gemahnen mich an eine Zeit als unsere Vorfahren naiv genug waren einem Verführer blindlinks zu folgen und dafür zahlen mußten. Diese Orte sind eine Mahnung niemals zu vergessen wohin uns naivität führt. Und wer diese Orte so schnell wie möglich zu betonieren möchte, der hat aus der Geschichte leider nichts gelernt, der wird u.U. dem nächsten Verführer folgen.
Als man damals Anfing den Potsdamer Platz neu zu bebauen habe ich mich gefreut, heute hätte ich gerne ein paar Kilo TNT um die Abscheulichkeiten wieder einzureißen. Die Wüste dort war Aussagekräftiger als die seelenlosen Neubauten die sie dort hingestellt haben.
Und nein, ich halte meine Haltung nicht für typisch.
Ich ziehe jedoch einen Altbau oder Wiederaufbau jederzeit einer modernen Betonburg vor, lieber knarrende Dielen als funkelndes Laminat. Ecken und Kanten gegen chic und trendy. Solitär gegen Mainstream. Ich werde mich immer für den Solitär entscheiden.
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von gieslinder gieslinder ist gerade online | 2.9.2009 13:01 Uhr
Der Solitär hat's schwär...
...hier in Brandenburg gibt's 'ne Menge Solitäre. In der Summe
auch Dorf genannt. Mehrere Solitäre machen aber noch keine Stadt.
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von pizza pizza ist gerade offline | 2.9.2009 14:19 Uhr
so schnell wie möglich?
64 Jahre nennen Sie so schnell wie möglich?
Wenn die Baulücken als Mahnmal dienen sollen verfehlen sie durch ihre Gewöhnlichkeit jede Wirkung. Der theoretische Betrachter in 30 Jahren, der mit diesen Baulücken aufgewachsen wäre, nimmt sie doch als Normalität wahr. Ein Bild dagegen von Ruinen oder einer aufgeräumten Leere wird den Betrachter beim Vergleich mehr schockieren als "Ach, da war mal was?".
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von macthepirat macthepirat ist gerade offline | 2.9.2009 15:50 Uhr
Was ist Zeit?
64 Jahre oder 64 Tage? Oder auch zwanzig Jahre, das ist unerheblich. Bei mir auf der Ecke sind noch drei Grundstücke leer, alles Eckgrundstücke auf denen vor dem Krieg Häuser standen. Die Amis haben sie mit Reihenwürfen platt gemacht als sie den S-Bahnhof fünfhundert Meter weiter treffen wollten (der steht immer noch) und jedes Mal wenn ich an diesen Grundstücken vorbei komme, die Reste der Kellerfundamente zwischen den Bäumen und Büschen sehe (derzeit nicht irgendwer hat vor einer Weile Kahlschlag veranstaltet und ich hoffe dringend das war nur Kosmetik und nicht das Vorspiel zum Bauen) dann erinnere ich mich daran was hier zwischen 1933-45 stattgefunden hat. Und ich bin damit aufgewachsen, ich lebe mit Unterbrechungen seit 45 Jahren im selben Kiez. Und ich nehme meine Umgebung war.
Gehen sie mal in der Nähe eines S-Bahnshof spazieren und achten sie auf die Häuser rechts und links. In den Innenstadtbzeirken können sie regelrecht die Einflugschneisen der Bomber sehen. Und wenn dann noch irgendwo eine Lücke klafft, das ist das Tüpfelchen auf dem I.
Brache ist nicht gleich Brache. Eine Brache ist jungfräulich, ein Gelände auf dem nie ein Gebäude stand. Was hier bebaut wird sind die Kriegsbrachen, freies Gelände das durch blinde Gewalt entstanden ist. Und die Gebäude die man darauf baut sind schlicht häßlich.
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von mchrist mchrist ist gerade offline | 2.9.2009 8:36 Uhr
Horizonte
Baulücken passen einfach zu einer Statt offener Horizonte und Freiräume. Ich bin in Berlin geboren und mit Baulücken groß geworden. Heute fühle ich mich heute oft an vielen Stellen der Stadt eingeengt, zum Beispiel in der Friedrichstr.
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von mannemoe mannemoe ist gerade offline | 2.9.2009 9:24 Uhr
....musste ja nicht...
@südwestberliner

....musste ja auch nicht....wem für Berlin die Sinne fehlen....schade drum...;
ab in einen Neubau/Eigenheim am Stadtrand oder in der Provinz...
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von kreuzbergerjunge kreuzbergerjunge ist gerade offline | 2.9.2009 12:24 Uhr
Wenn bald die letzte Baulücke geschlossen ist,
die ganze Stadt zubetoniert und mit Renditebunkern verschattet ist, wird es leider zu spät sein noch etwas zu retten. In der Provinz freut man sich vielleicht, wenn mal etwas saniert oder gebaut wird, in einer Großstadt wie Berlin bedeutet dies aber die weitere Verdrängung der angestammten Bevölkerung aus den Wohnquartieren, da die Mieten in die Höhe schießen und sich reiche Zugezogene ihre schicken Townhouses hinstellen. Dann verschwinden nämlich als Nächstes auch die Kneipen um die Ecke und das Einkaufen im Kiez wird unbezahlbar. Diese Entwicklung muss dringend gestoppt werden.
Comment
von jb jb ist gerade offline | 2.9.2009 12:57 Uhr
@kreuzbergerjunge
Schon wieder dieser Gentrifizierungsmüll.

Machen Sie mal einen Gegenvorschlag: Was soll aus Baulücken und Brachen werden...?
Comment
von stefano1 stefano1 ist gerade offline | 2.9.2009 12:55 Uhr
Berliner
? südwestberliner: Nun ja, der Berlin gilt ja - weltweit - als besonders progressiver Mensch. Von daher ist das Typische vielleicht keine Beleidigung. - Nicht jede Brache ist gleich. Wie Stadtökologen wissen, sind gerade viele Stadtbrachen für die Ökologie ungemein wichtige Lebensräume. Auch die Totalsanierung von Architektur bei Flora und Fauna zu großen Problemen, etwa durch das Verschwinden von kleinen Mauernischen, die für Vögel z.B. wichtige Brutplätze darstellen. - Im Übrigen: Gehen Sie etwa gerne in der Friedrichstrasse spazieren, wenn Sie sich eine schöne Zeit gönnen wollen?
Comment
von gieslinder gieslinder ist gerade online | 2.9.2009 13:49 Uhr
Mauernischen...
...ja, wirklich schade, daß die weg ist, wegen der zahlreichen
Nischen und der Stadtdurchlüftung. War auch immer ein schöner
Spaziergang, so ungestört....zwischen Minenfeld und Stacheldraht.
Zur Not fragen wir mal bei den Alliierten an...
Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 2.9.2009 14:45 Uhr
@gieslinder
Was haben Baulücken mit Minenfeld und Stacheldraht zu tun?
Comment
von gieslinder gieslinder ist gerade online | 2.9.2009 16:02 Uhr
Mauernischen.@commentator
Mauernischen im Beitrag zuvor...
Comment
von paetchee paetchee ist gerade offline | 2.9.2009 9:54 Uhr
Finde es schade,
dass die Baulücken verschwinden. Dieses Gefühl von Weite bei gleichzeitiger Urbanität hat man nur hier in Beriln. Kann sehr gut nachvollziehen, was die Autorin empfindet.

Aber andererseits: Stillstand ist der Tod. Man sollte froh sein für jedes neue Haus, dass schafft Arbeit und komfortablen Wohnraum.
Comment
von flexton flexton ist gerade offline | 2.9.2009 10:35 Uhr
Rendite?
Die Mieten sind nicht nur verglichen mit der sog. "Provinz" innerhalb Deutschlands in Berln lächerlich niedrig, im internationalen Metropolenvergleich (und da sieht sich Berlin doch selbst immer gern) erst recht. Wer Rendite will baut in München, Zürich oder Stockholm. Nicht in Berlin.
Dieses Romantisieren von Brachen und Verfall kann ich als nichts anderes als Nostalgie verstehen - wären in Ihrer Jugendzeit die sog. "Luxussanierungen" der Normalfall gewesen und die Stadt wäre die letzten Jahre zunehmend verfallen und wäre jetzt in einem Zustand wie sie es vor Jahren noch war dann würden Sie, und die meisten anderen, meiner Meinung nach genauso lamentieren - über Verwahrlosung, und was weiss ich nicht alles.


Auf den Artikel möcht' ich auch noch kurz eingehen, "In jeder Stadt gibt es ja Plätze, auf denen das Pflaster Lücken hat, wo die Büsche stinken, wo Leute ihre alten Kleider hinschmeißen, Betrunkene leere Flaschen zerschlagen, Styropor zerbricht, Blech zerdrückt wird, Hunde pinkeln, Plakate von der Pappe gerissen werden." - in jeder? Welche Städte haben Sie denn bisher in ihrem Leben besuchen?
Comment
von dali dali ist gerade online | 2.9.2009 14:29 Uhr
Auweia, @flexton
also BWL studiert er nicht,
denn sonst wüsste er,
dass die Erträge sich nach der "Eigenkapital-Rendite"
und da ist es völlig egal,
ob der Kaufpreis für ein Objekt hoch oder niedrig ist.
Entscheidend ist,
wie sich das Eigenkapital verzinst...
Comment
von colorcraze colorcraze ist gerade offline | 1.9.2009 21:25 Uhr
wandernde Leere
"Ich habe einmal gehört, dass, wenn die Unordnung innerhalb eines Systems sich verringert, sie sich zwangsläufig in einem benachbarten System vergrößert. Und da die Unordnung ja nur an Stellen entstehen kann, die frei sind, würde mich interessieren, wie Leere aussieht, wenn sie wandert."

Hm, mit dem Auto über Nauen rausfahren nach Sachsen-Anhalt bis Hannover, oder mit dem Bummelzug Richtung Elbe-Elster, da sieht man sie wachsen..
Comment
von attenborough attenborough ist gerade offline | 2.9.2009 7:28 Uhr
EIN SCHÖNER TEXT...
mit einer leichten Note an Melancholie - vielleicht sogar Romantik!

Gegen die Schließung von Baulücken ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn sich in der Brache im Einzelfall jedoch eindrucksvolle, unberührte Naturlandschaften entwickelt haben -ja, so etwas gibt es - dann ist es sicherlich schade.

Desgleichen wenn die Brache durch unansehnliche (Glas-) Klotzbauten ersetzt wird, die architektonisch nicht ins Bild passen, Sichtweite und Sonnenlicht nehmen und nur zweckorientiert sind.

Aber wie schon oben erwähnt, ist es grundsätzlich besser die Baulücken zu schließen und die in der Mehrzahl entstandenen freien Müllhalden der Anwohner zu beseitigen!

Comment
von mac42 mac42 ist gerade offline | 2.9.2009 8:13 Uhr
@suedwestberliner
Sanieren - ok, sogar sehr.
Neu aufbauen - hmm, möglicherweise auch, aber da fängt's schon an: es kommt darauf an, was warum und wie neu aufgebaut werden soll. Wenn ich mir gerade die Friedrichstraße heute ansehe und mich an die Grünflächen erinnere, die's da noch vor 20 Jahren gab, dann frage ich mich schon, ob Berlin tatsächlich so wenig Bürohäuser hat, dass diese Flächen auch noch zugebaut werden mussten (dass ich einen Großteil der Neubauten auch noch scheußlich finde, das kommt dazu, aber es wird wohl auch Leute geben, die sowas mögen, und über Geschmack braucht man bekanntlich nicht streiten).
Aber was meinen Sie mit "widerlichen Brachflächen"?
Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 2.9.2009 9:50 Uhr
@mac42
Diese Frage ist sehr berechtigt. In diesem Forum wurden sogar schon die Grünanlagen um die Marienkirche und das anschließende ME-Forum als "Brache" etikettiert.

Bisweilen überkommt einen dann der Verdacht, hier lassen Immobilienbüros schreiben, denn derartig widerstädtischen Unsinn kann ein in Berlin lebender Berliner eigentlich nicht gebären.
Comment
von dali dali ist gerade online | 2.9.2009 15:26 Uhr
Ach @comm
warum muss denn da immer ein Stück Manipulation drin sein:
bei den Überlegungen eine Bebauung dort betreffend,
ist eher die Fläche westlich der Spandauer Straße angedacht,
zumal auch die ursprüngliche Plaung der DDR für eine Großstadt ziemlich pervers ist:
da, wo in einer Großstadt downtown-downtown ist, waren und sind da Grünflächen...
Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 2.9.2009 17:51 Uhr
Manipulation in Stücken
@ dali

1.
Ich bezog mich nicht auf Überlegungen potenzieller Bebauer, sondern auf nachlesbare Statements von Foristen in diesbezüglichen Threads, die die noch baumbestandenen Grünflächen glaubten zur Verbaureifung verbal als innerstädtische "Brachen" abfackeln zu müssen.

2.
Wenn Sie "ursprüngliche" Planungen von wem auch immer hernehmen, sind die meistens ziemlich pervers. Entscheidend ist das Ergebnis.

3.
Mitnichten ist heute "nur" die Fläche westlich der Spandauer Straße zur Bebauung angedacht. Nein, das hehre Ziel der Betonisierung dem mittelalterlichen Grundriss entlang, greift deutlich weiter. Machen Sie sich kundig.

Comment
von dali dali ist gerade online | 2.9.2009 18:19 Uhr
@comm,
zu Flächen östlich der Spandauer gibt es, soweit mir bekannt zwar Architektenentwürfe,
aber nicht, wie auf der anderen Seite bauamtliche Überlegungen im Gange.
Ich lass mich da aber gerne eines Besseren Belehren...
Comment
von suedwestberliner suedwestberliner ist gerade offline | 2.9.2009 18:31 Uhr
"widerliche brachflächen" und andere statements
mit "widerlichen brachflächen" meine ich eckgrundstücke die durch einen bauzaun abgetrennt sind, hinter denen sich eine 1 meter tiefe grube befindet die bis zum rand mit waschmaschinen, autobaterien und kinderwagengestellen gefüllt ist. garniert wird diese anlage durch die in berlin allseits beliebte, wuchernde melde, und die individuellen und künstlerisch anmutenden graffitis an den kahlen wänden der nachbarhäuser. diese flächen mit kiosken kik"warenhäusern" und anderen flachbauten zu kaschieren ist sicher noch schlimmer als sie einfach brach zu lassen. aber wenn ich sehe wie aus einer jahrzehnte bestehenden grube am zoo langsam das waldorf astoria wächst sehe ich ein klein bisschen weniger schwarz für berlin.

@commentator: ich bin sicher kein mitarbeiter einer immobilienfirma, und muss wohl dazu sagen, dass ich ein nachkriegs und auch ein nachmauer kind bin, und ich kann die hier postenden leute gut verstehen die diesen schrecklichen zeiten gedenken wollen und sich einsetzen, dass solche taten sich nicht wiederholen werden.
ich bin aber der meinung, dass diesen zeiten mit denk/mahnmälern ausreichend gedacht wird und denke dass es zeit ist in die zukunft zu schauen und berlin zu einer freundlichen, funktionierenden stadt zu machen!

sicher, in der friedrichstraße fehlen ein paar bäume, aber bei den meisten neubauprojekten (beispiel potsdamer platz) wurde an ausreichende bepflanzung gedacht. ich persönlich halte dieses areal kein bisschen für "ausgestorben" sondern für sehr lebendig, ich gehe dort gern ins kino oder in eines der zahlreichen cafés...
Comment
von fellmuetze fellmuetze ist gerade offline | 2.9.2009 9:19 Uhr
nicht ganz zum thema
weiß jemand elches tolle neue cente ins ehemalige "hertie neuköll/karlmarxstr" gebaut wird?
und wieso?
leffers gegenüber ist schon seit 2 jahren raus, und hertie hatte all die jahre seine chance gehabt.
die neuköllnarcaden haben auch nicht gerade viel zu bieten.
meiner meinung sollte man lieber das neue center abreißen und eine GEPFLEGTE grünanlage dort hinsetzen. das wäre für diese überlastete strasse mal was sinnvolles, denn dieses neue center zieht doch einigen lieferverkehr nach sich und trägt bestimmt nicht ^zur verkehrsentspannung bei.
Comment
von dali dali ist gerade online | 2.9.2009 12:18 Uhr
Na klar @fellmütze
und dann reißen wir die Häuser zwischen Tauentzien und Lietze ab und siedeln den Zoo um...
Comment
von ardarell ardarell ist gerade online | 2.9.2009 12:16 Uhr
Berlin holt auf
Die nach dem Krieg in anderen deutschen Städten wieder aufgefüllten Flächen -siehe Innenstadt Hamburg oder Stuttgart - sind ja nun nicht gerade schön geworden, und galten lange Zeit als Sünde der Nachkriegszeit.
Wie es Berlin schafft nach so langer Zeit und in Anbetracht der Erfahrungen die gleichen Fehler nur mal eben 40 Jahre später nachzubauen... tragisch.

Wenn eine Stadt die Möglichkeit gehabt hätte Vieles "anders" zu machen, dann Berlin. Doch hier wird seit Jahrzehnten dem Filz, der Fantasielosigkeit und Mutlosigkeit, sowie dem unbedingten Willen so zu sein wie Andere, gehuldigt.
Berlin hat sich mal ausgezeichnet als grüne Stadt und als Mahnmal des Kalten Krieges. Die Mauer ist weg, und zwar komplett, immer mehr Erinnerungen mehr daran verschwinden und Berlin verkommt mit seinen Neubauten immer mehr zu einer 08/15 Stadt ohne Gesicht und Charakter.
Bald weiß man nicht mehr wo man gerade ist ...
Comment
von flexton flexton ist gerade offline | 2.9.2009 12:54 Uhr
Halt mal..
Zum einen war Architektur schon immer ein gegenseitiges Kopieren und "Architekturepochen" zeichnen sich ja durch ziemliche Uniformität aus. Auch wenn die "Uniformität" des Jugendstils durchaus positiv war, da Stiltreue bei dieser wunderschönen verspielten Architektur gar nicht groß genug sein konnte.
Heutzutage gibt es keine Architekturepoche mehr, "Moderne Architektur" ist ein Sammelbegriff für alles was heutzutage ("in der Moderne" als) gebaut wird. Da ist alles dabei, die Vielfalt war noch nie so groß wie heute.
Aber auch der naja "Autismus" war selten so groß.
Bauten werden heute in aller Regel als Einzelmodell geplant und vorgestellt, auf das Umfeld wird quasi nicht eingegangen. Dabei braucht jeder Ort seine eigene Architektur. Das ist es was Architektur so austauschbar macht. Man hat das Gefühl dieser oder jene Glaskasten hätte genauso in Shanghai oder Boston errichtet werden können.

Und dann ist es doch, muss ich jetzt mal sagen, etwas paradox dass in Berlin z.B. stereotyp immer auf "Schwaben" rumgehackt wird bzw. eigentlich auf jedem der nicht entweder Migrant oder Urberliner ist sondern aus dem restlichen Bundesgebiet kommt - aber gleichzeitig wird Uniformität bedauert? Uniformität beginnt im Kopf, nicht beim Straßenbild.
Comment
von jb jb ist gerade offline | 2.9.2009 12:59 Uhr
@ardarell
Dass nicht alle Neubauten geglückt sind, steht völlig ausser Frage. Aber das Schliessen von Baulücken, ist das nicht sinnvoll? Oder ist ein geschlossenes Stadtbild/Strassenbild schon per se schlecht?
Comment
von theline theline ist gerade offline | 2.9.2009 13:47 Uhr
@jb
Baulücke ist ja nicht gleich Baulücke, und es kommt sehr darauf an, was die Baulücke ausfüllen soll. Meistens ist es ein Kik, ein Handyladen oder ein Restaurant mit Büroflächen in den Obergeschossen. Und das wird auf Dauer langweilig. Wenn man sich die Büroneubauten in der Leipziger Straße zwischen Bundesrat und Wilhelmstraße ansieht, die samt und sonders seit Errichtung leerstehen und damit dieser Straße keinesfalls mehr Charme als bisher verleihen, dann drängt sich der Verdacht auf, dass hier massiv am Bedarf vorbei gebaut wird. Es ist eigentlich nicht so, dass in Berlin ein Mangel an Büroflächen besteht, und ein Geheimnis ist das erst recht nicht. Dann lieber weiterhin eine Brache als ein leerstehendes, gesichtsloses Bürogebäude, in dessen Ladenlokalen alle halbe Jahre ein anderes Geschäft einzieht, weil die Kundschaft ausbleibt.
Comment
von jb jb ist gerade offline | 2.9.2009 15:03 Uhr
@theline
Ich hab ja auch nicht gesagt, dass jede Lücke geschlossen werden soll - das Lückenschliessen ist allerdings ein probates Mittel (oder könnte es sein) gegen ein weiteres Ausufern einer Stadt, also gegen Landschaftsfrass. Und Landschaftsfrass (oder Landschaftsverbrauch, Zersiedelung) ist absolut nicht gut, demgegenüber ist die Verdichtung durch Lückenschliessung m.E. klar vorzuziehen.

Zu Ihren Ausführungen bzgl. reichlich leerstehender Büroflächen in Berlin: Wie recht Sie damit haben - es ist eine Millionenzahl an Quadratmetern, die da leerstehen. Und auch aus diesem Grunde wird es sehr sehr schwer, das Gebäude des Flughafens THF irgendwie sinnvoll zu nutzen, so dass man dort besser den Flugbetrieb fortgesetzt hätte. Durch den ist das Gebäude nämlich kaum weniger nutz- und vermietbar als ohnehin schon...
Comment
von ach ach ist gerade offline | 2.9.2009 14:08 Uhr

Die Schließung von Baulücken ist aber auch nicht per se gut.
Speziell, wenn dafür kleine Grünflächen oder Kinderspielplätze verschwinden müsse.
Comment
von ergee257 ergee257 ist gerade offline | 2.9.2009 15:56 Uhr
...so schlecht wie nie...??
@commentator
Ach - denken Sie doch mal an Kaisers Zeiten - da schaffte es eine Baulöwenmafia, die damaligen Bauvorgaben des Magistrats locker zu überspielen und gleich vier bis fünf Reihen Mietskasernen hintereinander zu bauen.
Die hatten später die Engländer und Amis im WK II teilweise wieder weggebombt - von dem, was der Herr Speer von der Fa. "Germania" nicht bereits vorher aufgeräumt hatte...

So spiegelt sich jedes Zeitalter im Stadtbild wider - wenigstens eine Zeitlang. Das ist heute nicht anders als früher.
Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 2.9.2009 17:28 Uhr
@ ergee

Meine Einschätzung lautete:



Zitat von commentator

In keiner Stadt der Welt wurde je für SO viel Geld SO schlechte Architektur gemacht.



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