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Neues Museum

Vom Dunkel ins Licht

Das Neue Museum inszeniert fulminante Blickachsen. Die Verbindung zwischen den Zeiten, ruinöser Vergangenheit und Wiederaufbau, Nofretetes Glanz und dem Sonnengott Helios machen das Altertum zur großen Bühne.
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Architektonischer Coup: David Chipperfield zog im Ägyptischen Hof eine vom Licht umflossene Plattform ein, auf der die Köpfe der Herrscherfamilie von Nofretete und Echnaton zu sehen sind. - Foto: Achim Kleuker
Die Zeit spult zurück. Die letzte Museumsruine des Zweiten Weltkriegs ist saniert und wird wiedereröffnet. Und doch hält das Neue Museum wie kein anderes Gebäude die Erinnerung an Zerstörung, an die deutsche Geschichte wach. In dem Augenblick, in dem der Besucher durch das historische Vestibül mit den beiden Löwenfiguren betritt, wo der Museumsdirektor einst persönlich begrüßte und man sich ins Gästebuch eintrug, wird aus Alt plötzlich Neu, aus Neu wieder Alt. Eine Zeitreise beginnt, wie man sie aus anderen Museen kennt, doch hier schlägt die Chronologie eine Volte nach der anderen. Architektur und Ausstellungsobjekte treiben sich gegenseitig an, jagen mal in gleiche, mal in entgegengesetzte Richtungen.

Als im Frühjahr die noch leere Hülle zu besichtigen war und das Publikum drei Tage lang David Chipperfields großartige Verknüpfung aus alter Bausubstanz und vorsichtiger Rekonstruktion, beherzter Ergänzung und mutigem Anbau bewundern durfte, als Sasha Waltz und ihre Tänzer dem Gehäuse erstes Leben einhauchte, da tauchte sogleich die Frage auf, wie ein solch sprechendes Gebäude noch Ausstellungsstücke vertragen kann. Acht Monate später ist der Beweis erbracht: Ägyptisches Museum, Museum für Vor- und Frühgeschichte sowie Teile der Antikensammlung passen perfekt hinein, ja ergänzen einander – bei den bisher getrennten Objekten aus Zypern oder der neu gebildeten Brücke zwischen antikem Rom und Germanien oder Ägypten als römischer Provinz. Den Besucher kümmert es kaum, aus welcher Sammlung die Stücke stammen.

Das Konzept: Themenblöcke, weniger Chronologie

Erst hier, vor dem Hintergrund der geschundenen Architektur, der kühnen Gegenüberstellung von Neubau und alter Substanz beginnen sie sich zu entfalten. Die erhaltenen Reste der Stülerschen Wandmalereien, die antikisierenden Säulen und Nischen ergänzen sich erneut mit den Exponaten und offenbaren gerade durch Lücken und Zerstörungen die in den letzten 150 Jahren erfahrenen Geschichtsbrüche, unsere veränderte Wahrnehmung und wissenschaftliche Sicht.

Das Ägyptische Museum, dem die ersten beiden Geschosse des Nordflügels vorbehalten sind, lenkt unter der tiefblauen historischen Deckenmalerei mit Hieroglyphen und schreitenden Figuren hinein in die archäologischen Leidenschaften des 19. Jahrhunderts und weiter zu den im Wüstensand geborgenen steinernen Pharaonen. Das von Dietrich Wildung erarbeitete Konzept setzt auf Themenblöcke, weniger auf Chronologie. Sortiert wird nach Gattungen wie Stand-, Schreit-, Sitz - und Würfelfiguren, die in einer rahmenden Vitrine ähnlich Alberto Giacomettis „Käfigen“ postiert sind. Nur in der Porträtgalerie gilt der Zeitenlauf; Jahreszahlen von 3000 v. Chr. bis 150 n. Chr. leuchten über den Köpfen auf, die für heutige Betrachter kaum zu unterscheiden sind.

Nofretete feiert ihre triumphale Rückkehr

Das Neue Museum schafft nicht nur Platz für ungewöhnliche Inszenierungen – 4500 Objekte auf 2600 Quadratmetern, 80 000 Inventarnummern zählt die ägyptische Sammlung insgesamt – , sondern gibt auch Raum für bislang Verborgenes. Zu den großen Entdeckungen gehören die drei Grabkammern der Pyramidenzeit, deren Seitenwände separiert wurden, damit der Betrachter die großartigen Reliefs studieren kann. Eine Wiederausgrabung, denn einst waren sie hier zu sehen.
Fotostrecke: Das Neue Museum (40 Bilder)

Eine triumphale Rückkehr an ihren alten Platz, wenn auch in einem anderen Raum, feiert vor allem Nofretete. Dem eiligen Besucher, der ihr auf schnellem Wege durch die Treppenhalle zustrebt, entgeht die subtile Vorbereitung auf die Begegnung mit der Schönen. Chipperfield setzt die Architektur zur Hinführung ein, entwickelt eine räumliche Begegnung mit ihrem Clan. Echnaton, Nofretetes Mann, hatte die monotheistische Sonnenreligion eingeführt. Einziger Vermittler zu Aton, dem Sonnengott, war das Herrscherpaar. Die Porträts der Familie sind im ägyptischen Hof auf einer eingezogenen Plattform zu sehen, die strahlendes Licht umfließt. Der Blick hinunter geht vorbei an ägyptischen Tempelreliefs und Ägypten-Wandmalereien des 19. Jahrhundert hinunter ins Kellergeschoss, die Ebene 0, zur Jenseitswelt mit Sarkophagen. Die Dramaturgie vom Dunkel zum Licht wird sofort evident.

Nur einen Schritt weiter ist es zur Herrscherin selbst, Nofretete. Wie eine Lichtgestalt thront ihre Büste von oben angestrahlt im dunklen Nordkuppelsaal. Fast scheint der Kontrast zu hart; durch die Beleuchtung zeichnen sich Alterungsspuren an Mund und Wangenpartie ab, was manchen Bewunderer verstören dürfte. Problematischer mag sein, dass man der Figur nicht in klassischer Ehrerbietung von vorne entgegentritt, sondern sie zunächst von der Seite sieht.

Neue Nachbarschaften

Nofretetes Blick geht quer durch den Niobidensaal mit 4000 Jahren Schriftkultur, Papyri in Tischen mit herausziehbaren Schubladen, vorbei am Xantener Bronzeknaben und Relikten der Römischen Provinzen zum monumentalen Sonnengott Helios, der in Chipperfields neu errichtetem Südkuppelsaal steht. Diese Blickachse gehört zu den aufregendsten Zeitschienen im Neuen Museum: quer durch alle Säle, Epochen und Kulturen. Hier entwickelt das Haus seine eigene Dynamik, die auch zu unerwarteten Effekte führen kann: Helios spiegelt sich in Nofretetes Vitrine.

Solche Nachbarschaften müssen sich aneinander erst gewöhnen. Zweifellos ist Nofretete im Nordkuppelsaal besser aufgehoben als am oberen Ende der Treppenhalle. Zwei Bodenauslässe weisen noch darauf hin, wo ihre Vitrine gestanden hätte. Doch die Wucht der blanken Betonwände, den Aufprall anstürmender Besuchermassen hätte die fragile Büste kaum verkraftet. Die leere Halle bildet nun einen Resonanzraum für die dicht gefüllten Säle. Allein historische Abgüsse klassischer Architekturfriese erinnern daran, dass sich hier einst die weltweit wichtigste Abgusssammlung befand.

Diese Rückbezüge auf die Vergangenheit, die gleichzeitigen Verweise auf Antike und jüngste Geschichte, gehören zu den großen Stärken des Neuen Museums. Das Haus vermag in großen Zusammenhängen zu erzählen. Die Archäologische Promenade stellt Verbindungen her, die bislang so noch nicht zu sehen waren. Hier wird die große Idee der Museumsinsel als Stätte frühzeitlicher Geschichte plastisch. Fulminant erscheint der Zusammenhang im Griechischen Hof, der zum Thema Weltordnung verschiedene Systeme zusammenbringt: den Panzertorso eines monumentalen Zeus aus Milet, die ägyptischen Sahuréreliefs und die hölzernen Kumanen aus dem 12. Jahrhundert, die ebenso von hellenistischen Gräbern stammen könnten. Oberhalb sind in einem Architekturfries Menschen auf der Flucht vor der Lava des Vesuvs zu sehen. Sie suchen eine rettende Bleibe und sind doch verloren. Dafür haben die Zeugnisse ihrer Zeit im Neuen Museum eine glückliche Heimstatt gefunden.

 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.10.2009)
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