Kultur : A Bayer bei de Preißen

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Von Richard Chaim Schneider

Eigentlich werden wir misstrauisch bei diesen Taxifahrergeschichten. Doch diese Geschichte ist wahr: Auf dem Weg zum Flughafen Tegel fragt der Taxifahrer nach unserem Ziel. Ach, München, seufzt der Berliner Chauffeur, ach, wie hätten die Bayern es gut, dort unten blühe die Wirtschaft, Chaoten und andere Unruhestifter hätten keine Chance, Bayern, eine Idylle des Wohlstands – und das alles dank eines großartigen Landesvaters. „Es wird Zeit, dass der Stoiber endlich nach Berlin kommt und hier aufräumt!“

Eine Stunde später in München, am Franz-Josef-Strauß-Airport. Aus Berlin?, sagt der Münchner Taxler, na, das werde ja was geben, wenn der Stoiber die Wahl gewinne. Ein für die Bayern doppeltes Desaster: der Stoiber, Edi als Kanzler und der Huber, Erwin als neuer bayerischer Ministerpräsident, dieser Wadlbeißer! Schlimmer könne es politisch kaum kommen, schimpft er bei Tempo 160 auf der Autobahn in die Stadt. „Aber pfundig wär’s scho: a Bayer bei de Preißen!“

Ja, pfundig wär’s! Selbst die hartgesottensten Münchner Linken haben eine weiß-blau gerautete Seele und können es kaum ertragen, dass ihre Landeshauptstadt, diese nördlichste Stadt Italiens, seit der Wiedervereinigung in die Provinz des Südens abgesunken ist. Irgendwann mal, so in den sechziger und siebziger Jahren, da war München kulturelles Zentrum Westdeutschlands gewesen. Der Fassbinder lebte da und der Fritz Teufel, in Geiselgasteig wurden die wichtigsten deutschen Filme produziert, die Literaten waren da, und man stieg zur zweitgrößten Verlagsstadt der Welt auf. Ja, trotz aller Verachtung beneidete die ganze Republik München um seine Schicki-Mickis, die schon damals schriller und origineller waren als die neue, selbst ernannte Haute-Volée der Berliner Republik mit ihren Ludern à la Ariane Sommer, ihrer angeblichen Internationalität, die allein durch Shawne Fielding-Bohrer repräsentiert wird, und der künstlerischen Genialität eines Udo Walz, der – seien wir doch mal ehrlich – dem Meier, Gerhard nicht die Schere reichen kann.

So wirklich verkraftet hat München den Verlust seiner Stellung bis heute nicht. Der stets boshafte Blick nach Berlin, aktuelles Relikt alter bayerisch-preußischer Feindschaft, entpuppt sich als purer Neid, je mehr die überzeugten Münchner die Vorzüge ihrer Stadt auch jetzt noch hervorzuheben versuchen. Nach wie vor hat nur New York mehr Verlage als München. Und immer noch ist München die einzige bedeutende deutsche Filmstadt, nachdem Babelsberg sich als Flop erwies, auch sonst die Zelluloid-Industrie in der Hauptstadt nicht wirklich zum Zuge kommt und Bernd Eichinger sein Headquarter an der Leopoldstraße hat. Immer noch leben mehr PEN-Mitglieder in München als in Berlin, wobei verschwiegen wird, dass die Herrschaften inzwischen ergraut sind und der schreibende, ebenso wie der malende, tanzende, musizierende Nachwuchs längst irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg ansässig geworden ist.

Es besteht ja kein Zweifel, München ist die gelecktere Stadt. Dass sie als einzige deutsche Stadt schon vor mehr als zehn Jahren im 21. Jahrhundert ankam, verdankt sie neben Strauß dessen einst als „blondem Fallbeil“ gefürchteten Ziehsohn Stoiber, der mit der Parole „Laptop und Lederhosen“ die Hightech-Branche an die Alpen gelockt und in Martinsried bei München ein technologisches Zentrum aufgebaut hat, das inzwischen gleich hinter Bangalore und dem Silicon Valley rangiert.

Und doch weiß der Münchner im Innersten seiner Seele, dass solche Argumente nichts als hilflose Versuche sind, die Bedeutung Berlins herunterzuspielen. Berlin, das ist die Zukunft. Tja. Das Augenmerk der Welt ist auf die Hauptstadt gerichtet, und immer häufiger lassen Politiker und Künstler, Wirtschaftsmanager und Journalisten München links liegen, ziehen es vor, an die Spree statt an die Isar zu fahren.

Die gern bemühte „Liberalitas Bavariae“, unter deren Schutz der Englische Garten im Sommer von Nackerten bevölkert werden darf, ist nicht mehr viel wert, seit Berlin einen schwulen Bürgermeister hat und die Love Parade und den Christopher Street Day. Nein, der Münchner erkennt die Zeichen der Zeit ganz genau. Und seine staunende Miene beim Anblick der überdimensionalen Boulevards von Berlin, der enormen Distanzen dieser Großstadt und ihrer für Südlichter zwar hässlichen, aber doch beeindruckenden Neubauten, verrät ihn: der Münchner, er ist provinziell.

Das macht den Gedanken, Edmund Stoiber könnte bald ins neue Bundeskanzleramt einziehen, so überwältigend. Wäre doch sein Wahlsieg vor allem eine enorme Genugtuung für den Münchner Minderwertigkeitskomplex. Und niemand verkörpert diesen besser als die CSU, die in der gesamteuropäischen Parteienlandschaft wahrlich einzigartig ist. Obwohl Regionalpartei, hat die christlich-soziale Union immer schon einen selbstgefälligen, wenngleich hoffnungslosen Zug zur Großmannsucht an den Tag gelegt. Immerhin, die Schmach, stets im Schatten der überdimensionalen CDU zu stehen, sie ist getilgt, seit dem Wolfratshausener Frühstück.

Was in der CSU niemand wirklich für möglich gehalten hat, es ist Realität geworden: Sie, die kleinere Schwester, gibt bei den Unionsparteien den Ton an. Stoiber ist es gelungen, diesen Haufen von lauter Zniachtln (bayr.: Nichtswürdigen) zu einen und ihm unterzuordnen. Nix mehr zu hören von der Merkel, auch der Merz ist brav geworden. Späth und Schäuble, die Altgedienten, haben sich zu Sprachrohren ihres neuen Herren aus München gemacht.

Bei den CSU-Empfängen in München ist die neue Selbstzufriedenheit inzwischen aus jedem Gespräch herauszuhören. Am bayerischen Wesen soll und wird die Republik genesen! Das ist ganz ernst gemeint. Bricht sich in solchen Vorstellungen doch die aufgestaute Wut über jene Bahn, die sich jenseits der Weißwurstgrenze immerzu lustig gemacht haben über den Freistaat und seine folkloristischen Einwohner. Reichte Bayern nicht einstmals bis nach Verona? Ist Bayern M. nicht größer als Hertha? Und steht das Bundeskanzleramt in Wahrheit nicht auf einstmals bayerischem Boden mitten in Berlin? Hat also Edmund Stoiber nicht geradezu ein historisches Anrecht auf den Wahlsieg?

Na bitte! So wabert es durch die prunkvollen Räume der Wittelsbacher Residenz und der nicht ganz so prunkvollen Zimmer der (eher berlinisch dimensionierten) Staatskanzlei am Hofgarten nebenan.

Doch vor allem erhoffen sich die Münchner von einem Bundeskanzler Stoiber eins: dass ein Wahlsieg der bayerischen Landeshauptstadt ein wenig Berliner Glanz verleihen möge. Dass die Achse Berlin–München neue Bedeutung erhält und München somit vielleicht doch noch, wenngleich im Schatten Berlins, eine bedeutende Stadt wird.

Der Autor lebt als Publizist in München.

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