Kultur : "A+" für Kollege Tolstoj

ANJA TIPPNER

Jede Literaturausstellung ist ein schwieriges Unterfangen, erst recht eine über Vladimir Nabokov.Wie präsentiere ich das Leben eines Schriftstellers, der für Biographen nichts als Verachtung übrig hatte? Die von Daniela Rippl kuratierte und von Michael Hoffer gestaltete Ausstellung trägt den Titel "Mit den Augen eines Schmetterlings".Damit setzt sie eine Selbstbeschreibung von Nabokovs Ästhetik um, in der es heißt "Ich habe versucht, die Welt durch die imaginären Augen eines Schmetterlings zu sehen - Blätter und Licht mit den Augen des Schwalbenschwanzes." In fünf Stationen werden wichtige Aspekte seiner Biographie vorgeführt: mal in umgekehrter Chronologie als rückwärtsdrehende Zeitspirale, mal als Forschertunnel mit Präparierbesteck, Schmetterlingen und "Facettenauge", mal als "Fotoromann", der parallel zu den in vier Vitrinen ausgestellten Briefen, Tagebüchern und Dokumenten Bilder aus Nabokovs Leben zeigt.

Mancher Bezug zwischen Leben und Werk wird so klarer, manches bleibt blaß, wie Nabokovs lebenslange Begeisterung für Schachprobleme, mit deren Erfindung er in den Berliner Jahren das familiäre Budget aufbesserte.Ein großes Schachbrett mit Nabokov als Schachfigur aus Pappe soll dies visualisieren, wirkt aber eher lächerlich.Auch die Inszenierung von Nabokovs -"Wortverwandlungen" auf Stellwänden wirkt im Vergleich zu den gezeigten Notizbüchern und Fotos recht unanschaulich.

"Mein Vater ist berühmt, nicht ich." Mit dieser Paraphrase seines Vaters, der einmal gesagt hat: "Lolita ist berühmt, nicht ich" leitete Dmitri Nabokov seinen Beitrag zur Eröffnung der Ausstellung ein.Routiniert und charmant, dem berühmten Vater auch äußerlich ähnlich, berichtete der Opernsänger und Rennfahrer von den vielfältigen Ehrungen, die sein Vater in diesem Jahr erfährt.Sein Vortrag, der vom Deutschen ins Englische und Russische wechselte, vermochte dem Publikum etwas von der Weltläufigkeit und Vielsprachigkeit auch des Vaters zu vermitteln.Dann sang der Sohn (selbst) vertonte Gedichte seines Vaters und machte so noch einmal darauf aufmerksam, daß Nabokov seine schriftstellerische Laufbahn als Lyriker begann.

Dazwischen trug sein musikalischer Begleiter zwei Trompetenstücke vor.Hätten diese Darbietungen den strengen künstlerischen Maßstäben des Vaters genügt? Die sichtliche Erleichterung und Begeisterung des Sohnes nach Ende der Aufführung vertrieben solche ketzerischen Gedanken.Dieser Nabokov-Abend war vor allem eine Familienfeier.Die Nabokovgemeinde ehrte den teuren Toten.

"Die Augen des Schmetterlings" bietet der Gemeinde und allen Interessierten neue Funde, etwa die Karteikarten, auf denen Nabokov die Vorarbeiten zu einem Buch über "Schmetterlinge in der Kunst" notierte oder Raritäten, wie die letzte erhaltene Ausgabe seines zweiten Gedichtbandes aus dem Jahre 1918.Gezeigt werden Exemplare von "Nabokovs Bläuling" und andere Schmetterlingsarten.

Mit zu den schönsten Exponaten neben den Schmetterlingen gehören Blätter mit Prüfungsfragen und Benotungsschlüssel aus Nabokovs Jahren als akademischer Lehrer.Von "0A+ = superb" über "B+ = extremly good" bis zu "F = absolute failure" sind hier alle möglichen Bewertungen aufgelistet.Diesem Schema unterwarf Nabokov nicht nur seine undergraduates, sondern auch russische Schriftsteller.Im ewigen Schreibwettbewerb der Literatur erhielt Tolstoj ein A+, Dostoevskij hingegen nur ein "C- = fairly satisfactory".Auf unserer an Nabokov angelehnten Skala erhält die Ausstellung ein "B = very good".

München, Literaturhaus-Galerie

Salvatorplatz 1, bis 28.März.

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