Kultur : "A. ist eine andere": Die Weggeherin

Christoph Funke

Nur keine Gewissheit: "A. ist eine andere", A. hat sich vielleicht selbst getötet, A. ist jedenfalls verschwunden. Andreas Sauter (geboren 1974 in Zürich) und Bernhard Studlar (geboren 1972 in Wien) schrieben die Geschichte einer Frau von Ende zwanzig auf, die Mann, Freund, Freundin, Vater ratlos zurücklässt. Aber ist es eine Geschichte?

Über A. erfährt man fast nichts. Auch die mit ihr verbundenen Menschen bleiben fremd. Wirklichem begegnen die Autoren mit fast schon ironischem Misstrauen, die wenigen Hinweise auf Lebensräume und Zeitumstände erweisen sich als zufällig. Was gerade geschieht oder bereits geschehen ist, wird in ihrem Stück zumeist nur berichtet, kommentiert, aus dem Erinnern geholt. Eine aufrichtige Spurensuche, wie etwa in Christa Wolfs Roman "Nachdenken über Christa T.", gibt es nicht. Dafür eine rhythmisch beschwingte Szenenfolge, die das Erinnern seltsam leicht und flüchtig macht.

Ob nun A. tatsächlich mit einem spektakulären Feuertod endet, weil sie Angst vor dem Ende einer Liebe hat, oder ob sie nur einen Selbstmord beobachtet und dieses Erlebnis zum "Weggehen" nutzt, lässt das Stück offen. Die bemühte und doch oberflächliche Lebensprüfung der Zurückgebliebenen macht außerdem zweifelhaft, ob es wirklich um Liebe geht. Es ist da nur das Ereignis Selbstmord - und wie es in einen einigermaßen ordentlich funktionierenden Alltag einbricht. Man sollte die in mehrfach gebrochener Zeitfolge gefügten Szenen mit Eigenem anreichern, sie als einen Entwurf nehmen, der erst ausgeführt werden muss. Vom Theater wird da eine Leichtigkeit verlangt, die A. und ihren vier Bezugspersonen einprägsame sinnliche Präsenz verschafft. Zugleich aber bleibt die Aufgabe, allen Figuren Möglichkeiten einzuräumen, die widersprüchlich bleiben.

Am Schauspiel Chemnitz, das die Verpflichtung zur Uraufführung des mit dem Kleist-Förderpreis 2000 ausgezeichneten Stücks vom aufgelösten Kleist-Theater Frankfurt (Oder) übernommen hat, ging die Regisseurin Bettina Jahnke mit ihren fünf Darstellern einen anderen Weg. Die Zuschauer sind auf die Hinterbühne geladen, zu einer Vorführung der besonderen Art. Die Drehscheibe, Kernstück der Technik jedes auf sich haltenden Theaters, ist wie der Vorplatz eines Baumarktes dekoriert, mit kieselgefüllten Pflanzgefäßen und einer großen Holzbank (Bühne und Kostüme: Moritz Müller). Die wahren Ausstellungsstücke aber sind hier die Spieler, die sich in einem fast schon gefängnisartigen Raum eingefunden haben, gleichsam "festgemacht" und doch wieder in zwanghafte Bewegung gebracht auf der sanft und unaufhörlich sich drehenden Scheibe. Sie starren in den vielfach geschlitzten Vorhang, finden aus einer verhemmten Starrheit erst allmählich in den Versuch, Beziehungen zueinander aufzunehmen.

Bettina Jahnke verweigert hartnäckig unterhaltsames Spiel, lässt nur wenige emotional berührende Momente zu - immerhin einmal, bei der erzählten Begegnung von A. mit ihrem späteren Mann Gerd, so etwas wie das plötzlich hochschießende Glück einer besonderen Liebe. Das Geheimnis um die Selbstmörderin will die Regisseurin aber offensichtlich nicht lösen. Schon durch das sehr langsame Drehen erhalten die musikalisch einprägsam strukturierten Szenen (Musik: Alexander Suckel) dafür etwas Zwangsläufiges: Leben ist Sterben ist Verschwinden in einem Kunstraum.

Was immer man von den Figuren erwarten mag an Gegenwärtigkeit - in den 75 Minuten der Aufführung bleibt es draußen. Lydia Stäubli, Ulf Deutscher, Karsten Knödler, Judith Raab und Frank Höhnerbach machen sich zu vorsichtigen Anwälten des Textes - die Kargheit der Notierungen aufzusprengen, wurde ihnen nicht abverlangt.

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