Kultur : A la française

BORIS KEHRMANN

Seit 1993 gibt es die Konzertreihe Berliner Begegnungen.Natalia Gutman und Claudio Abbado riefen dieses Programm ins Leben, um herausragenden Nachwuchskünstlern am Anfang ihrer Karriere die Möglichkeit zu bieten, mit gestandenen Profis praktische Erfahrungen zu sammeln und im repräsentativen Rahmen der Festwochen auf sich aufmerksam zu machen.Die sechste Auflage der Begegnungen wich insofern vom gewohnten Prozedere ab, als daß diesmal die Preisträger des im April an der Hochschule für Musik ausgetragenen Internationalen Karl-Klingler-Wettbewerbs für Streichquartett geladen waren.Mit den beiden höchst anspruchsvollen, für das Schaffen des Komponisten zentralen Streichquartetten Opus 15 und 19 von Alexander von Zemlinsky stellten das Quatuor Johannes aus Lyon und das Quatuor Diotima aus Paris ihr erstaunliches Können im Kammermusiksaal zunächst jeweils als geschlossene Formationen unter Beweis, bevor sie sich für die beiden Streichsextette des jungen Johannes Brahms aufstockten.

Zemlinskys 2.Streichquartett, einem fünfundvierzigminütigen Einsätzer aus den Jahren 1913/14, verhalf das Quatuor Johannes mit expressiv hochfahrendem Gestus zu einer ebenso packenden wie in ihrer formalen Schlüssigkeit überzeugenden Darstellung.Die expressionistisch gezackte, rhythmische Kontur, die wilde Jagd der vom Komponisten vorgeschriebenen, immer wieder neu ansetzenden Tempo-Steigerungen vom "Energischen" über das "Heftige" zum "Verhetzten", die dynamischen Aufschreie bis zum vierfachen Fortissimo - all dieses schärften die vier jungen Musiker aus Lyon zu einem einzigen gedrängten Impuls von bemerkenswerter Energie und Dichte.

Kantable Qualitäten, ein auch im feinsten Piano runder, voller Ton von großer Ausstrahlung, messerscharfe Präzision im Zusammenspiel und nicht zuletzt einen kauzigen Humor bewiesen sie darauf gemeinsam mit Claudia Benker und Hartmut Rohde in dem mit großer Geste ausmusizierten B-Dur-Sextett Opus 18 von Johannes Brahms.Als besonders reizvoll erwiesen sich im ersten Satz die einander komplementär ergänzenden Temperamente an den beiden Geigenpulten.Frédéric Angleraux und Jérôme Meunier spielten sich das Kopfthema in einer energischeren und einer sanfteren Beleuchtung zu.

Einen sehr besonnenen Zemlinsky stellte das Quatuor Diotima mit dem klassizistisch beruhigten Viersätzer des 3.Streichquartetts von 1924 vor.Die vier Musiker aus Paris setzten statt auf nervöses Tempo auf die gewissenhaft ausmodellierte Linie, den formvollendeten, schönen Klang.Wo sich der Vorkriegsfuror in stürmischen Tonrepetitionen noch einmal aufbäumte, tat er dies in der Lesart des Quatuor Diotima mit leichter Eleganz.Die Menuett-Parodie der finalen Burleske wurde geradezu nonchalant beiseite gesprochen, der seltsam zerstückelte Variationensatz so trocken wie möglich artikuliert.Bruchstücke und verquere Harmonien fügten sich dem Stilwillen zu Formen neuer Klassizität, jedoch ohne ihr Widerständiges zu leugnen.

Auch an diesem zweiten Abend erfolgte mit Johannes Brahms der Kulissenwechsel.Kraftvoll schöpften die Pariser gemeinsam mit Elisabeth Kufferath und Patrick Demega beim G-Dur-Sextett opus 36 aus dem vollen.In großzügigem Bogen rauschte der Kopfsatz aus seinem träumerischen Beginn zu großer Gebärde auf, um sich mit französisch vornehmer Klangkultur in die Folgesätze zu verströmen.

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