Kultur : A Mensch

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Von Henryk M. Broder

Walter Huder ist tot. Er starb letzten Donnerstag, nach einer schweren Krankheit, die ihn schon Jahre an den Rollstuhl gefesselt hatte. Auch wenn sein Ableben nicht plötzlich und unerwartet kam, stellt sich ausser dem Gefühl der Trauer und des Verlustes auch so etwas wie Überraschung ein: Walter Huder tot? Kann nicht sein! So einer wie er müsste doch ewig leben, denn er hat so vielen zu ewigem Leben verholfen. Einen Trost gibt es für alle, die Huder kannten und schätzten: Er ist nun in der Gesellschaft jener, um die er sich so kräftig und so rührend gekümmert hat: Georg Kaiser und Alfred Kerr, Erwin Piscator und Walter Mehring, Fritz Kortner und Ödön von Horvath, nur um einige zu nennen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Walter Huder zum ersten Mal traf. Es muss Ende der siebziger Jahre gewesen sein, als ich nach Berlin kam, um für eine Arbeit über Joseph Wulf, den Dokumentaristen des „Tausendjährigen Reiches“, zu recherchieren. Wulf, ein Jude aus Krakau und Überlebender von Auschwitz, hatte 1974 in Berlin Selbstmord begangen und war schnell in Vergessenheit geraten. „Sie wollen was über Wulf machen? Hören Sie zu", sagte Huder, als ich sein Büro in der Akademie der Künste am Hanseatenweg betrat. Und dann erzählte er alles, was er über Wulf wusste. Es war so ziemlich alles, was man über Wulf wissen musste, einschließlich der n seiner Freunde, Förderer und Feinde. Die gleiche Erfahrung machten Eike Geisel und ich, als wir ein paar Jahre später mit unseren Recherchen über den „Jüdischen Kulturbund" begannen. Da war Huder nicht mehr Archivdirektor der Akademie der Künste, aber er hatte sein Wissen in die Rente mitgenommen. Er war eine Quelle, die man nur durch geduldiges Zuhören anzapfen konnte, denn natürlich erzählte Huder nicht geradeaus, sondern im Zickzack. Dabei konnte er sehr konkret sein. „Fangt mit Herbert Freeden an", beschied er uns. Freeden war in den dreißiger Jahren Dramaturg im „Jüdischen Kulturbund" und lebte in Jerusalem. Und Huder hatte seinen Nachlass nach Berlin geholt.

Nachdem Gregor von Rezzori, Hans Kühner-Wolfskehl und Rudolf Krämer-Badoni nicht mehr leben, ist mit Walter Huder der wahrscheinlich letzte europäische Kosmopolit der alten Schule abgetreten. 1921 im böhmischen Mlade Buky geboren, hatte er Österreicher, Tschechen und Juden in seiner Familie, verkörperte also das, was die Donaumonarchie ausmachte: gelebte Multikulturalität. Wobei er mit den „Elementen" spielte: mal war er Österreicher, mal Tscheche, mal Jude und verwirrte so manchen deutschen Freund, der es genau wissen wollte. Huder war eine Gestalt wie aus einem Roman von Max Brod, täglich anders aber immer gleich, denn er war zuerst „a Mensch", wie man im Jiddischen die richtige Mischung aus Kopf und Herz beschreibt, und außerdem in der deutschen Kultur zu Hause. Für die Nazis war er zu jüdisch und zu deutsch, weswegen er nach der Besetzung der „Tschechei" in die Sowjetunion floh und erst 1949 nach WestBerlin kam, um Literaturwissenschaften an der FU zu studieren. Er promovierte 1956 über Rilke und wurde Archivar an der Akademie der Künste. Den Titel „Direktor" bekam er erst später - unter der Präsidentenschaft von Günter Grass.

Huder war „stets Paradiesvogel und Integrationsfigur zugleich" (Uwe Sauerwein), er war „ein Spürhund, ein Dokumentenjäger, ein Sammler von Lebensspuren, Texten, Bildern, von Memorabilien" (Günther Rühle), er holte über 160 Nachlässe von Schriftstellern, Künstlern, Theaterleuten, Architekten, die ins Exil gejagt wurden, zurück nach Berlin, er organisierte Dokumentationen, Ausstellungen und Colloquien, er machte das Archiv der Akademie der Künste in Berlin zu einer der größten und wichtigsten Nachlasssammlungen Europas, einem „Open House" für Forscher und Studenten. Niemand hat bis jetzt nachgezählt, wie viele Diplom- und Doktorarbeiten aus den Materialien des Archivs geschrieben wurden - es dürften Hunderte sein, und jede müsste mit einer Danksagung an Walter Huder beginnen.

Natürlich hatte Huder nicht nur Freunde. Manche hätten es lieber gesehen, wenn sich die Akademie auf die Aufgabe konzentriert hätte, ihre lebenden Angehörigen zu umsorgen und zu ehren, statt „Exilforschung" zu betreiben und an die Toten zu erinnern. Aber Huder, der in der Sowjetunion kämpfen gelernt hatte, wusste, worum es ging: den Sieg der Kultur über die Barbarei. Und dazu musste die Geschichte in die Gegenwart geholt werden.

Es ist traurig, dass Walter Huder tot ist. Seien wir froh, dass er gelebt hat.

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