Kultur : Aaahhh!! Ohhhhh!!

Es ist Verschwendung. Es stinkt. Es ist laut. Es ist gefährlich. Aber es ist einfach zu schön: das Feuerwerk.

Sebastian Leber

Vielleicht das Tollste am Vatersein: Von seinen Kindern bewundert zu werden. Für mich war Papa ständig der Held. Wie er im Sommer die Stechmücken totgemacht hat. Wie er ganz alleine Autoreifen wechseln konnte. Am meisten habe ich ihn dafür bewundert, wie er Silvester die Böller anzündete. Der Rest der Familie blieb im Hauseingang stehen, nur er wagte sich raus auf die Terrasse. Böller anzünden, auf den Boden werfen, schnell zurück zum Haus. Nicht aus Angst, sondern um Nachschub zu holen. Papa zog das knallhart durch. Ohne Schutzanzug, ohne Helm, mit bloßen Händen.

Silvesterfeuerwerk ist wie Krieg, könnte man sagen. Zumindest, wenn man selbst nie einen miterlebt hat. Die Namen der Geschosse sagen alles: Blitzraketen, Kugelbomben, Bombenrohr, Feuertöpfe, Dracheneier. Dazu der Qualm, und am nächsten Morgen liegen die Trümmer auf dem Bürgersteig. Von den archaischen Instinkten des Menschen dürfte das In-die-Luft-Jagen von Gegenständen der abwegigste sein.

Aber damit allein kann man die Faszination nicht erklären. Feuerwerke sind hohe Kunst, und zwar eine der wenigen, zu der jeder einen Zugang findet. Und die man auch mit Bier und Currywurst in der Hand genießen kann, im Sommer bei Rhein in Flammen oder beim Hamburger Hafengeburtstag. Egal, ob Dorfdisko oder Millenniumsfeier: Am Ende steht das Feuerwerk. „Blumen aus Feuer“ sagen die Japaner dazu. Das passt. Zumindest, wenn Profis eines veranstalten.

Für den Normalverbraucher gelten andere Gesetze: Zehn Gramm Schwarzpulver dürfen in einem Feuerwerkskörper maximal drinstecken. Das ist einerseits schade, weil man damit nicht so hoch hinauskommt. Andererseits sind selbst die paar Gramm oft zu viel: Jedes Jahr verletzen sich tausende Deutsche beim Knallen, 500 sind es allein in Berlin. Das liegt zum einen am Bastel- und Experimentiertrieb der Jugendlichen. Unklug ist etwa, viele kleine harmlose Böller zu einem riesigen zusammenzukleben und den gleich in der Wohnung anzuzünden. Oder, noch schlimmer, der kleinen Schwester in die Hand zu drücken. Auch das ist vorgekommen. Der andere Grund für Unfälle: Viele Böller dürften in Deutschland gar nicht gezündet werden. Weil sie nie von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung getestet wurden. Fehlt das „Bam“-Kennzeichen am Knallkörper, ist er wahrscheinlich illegal ins Land geschafft worden. Ein regelrechter Böllertourismus setzt jedes Jahr Silvester an der Grenze zu Polen und Tschechien ein. Allein in den letzten sechs Wochen hat der Bundesgrenzschutz an den deutschen Grenzen 4500 verbotene Böller sichergestellt. Der größte Fang des Jahres war bisher eine Ladung Megakracher mit zwei Kilo Schwarzpulver drin. Pro Böller, versteht sich. Für manche Feuerwerkskörper, die in Polen legal verkauft werden, wäre nach deutschen Standards ein Sicherheitsabstand von 25 Metern nötig. Soll heißen: Man müsste das Ding schon wie eine Handgranate von sich wegwerfen, damit – zumindest dem Werfer – garantiert nichts passiert. Die schlimmsten freiverkäuflichen Böller werden in Polen „Witwenmacher“ genannt.

Mein großer Respekt vor Knallkörpern kommt vielleicht daher, dass Papa beim Anzünden immer so ernst guckte. Das signalisierte uns Kindern: Böllern ist kein Jux, da muss man konzentriert rangehen. Und möglichst nüchtern. Tatsächlich wären die allermeisten Unfälle durch Nachdenken vermeidbar. So wie der vor acht Wochen, den ein 20-Jähriger im US-Bundesstaat Wisconsin verursacht hat. Der Mann wollte ein Spezialgeschäft für Feuerwerkskörper ausrauben. Und um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, schoss er drinnen mit einer Shotgun um sich. Von dem Gebäude ist nichts übrig geblieben, der Mann überlebte und wanderte ins Gefängnis.

Wer nach diesen Geschichten noch Lust aufs Knallen hat, sollte das hier lesen: Richtig gefährlich sind Feuerwerkskörper, die Silvesterabend nicht explodieren und am nächsten Morgen Kindern in die Hände fallen. Kinder kommen auf dumme Ideen, wenn der Neujahrstag lang ist. Viele davon haben mit Sachbeschädigung zu tun. Ich selbst habe so etwas nie gemacht. Ich habe es immer meinen Freund Oliver machen lassen. Was mussten wir lachen, als er den D-Böller in den Briefkasten meiner Nachbarn gesteckt hat. Dabei konnte ich die Neumanns gut leiden, aber der Kastenschlitz war verführerisch groß. Noch gemeiner war die Sache mit dem China-Böller im Auspuffrohr des Audi 100. Es hat mich Mühe gekostet, Oliver zu diesem Streich zu überreden. Der Audi gehörte seinen Eltern.

Rational gesehen spricht fast alles gegen das Böllern. Und die meisten lehnen es ab, 364 Tage im Jahr. Aber dann will man doch mitmachen, oder zumindest in den Himmel gucken, wie es andere tun. Ist ja auch viel zu laut, um es zu ignorieren. Und: Knallen erhält Arbeitsplätze. 2000 alleine in Deutschland und viele mehr in China, Indien und Pakistan. Mehr als 10 000 Tonnen sprengen die Deutschen pro Jahr in die Luft, 100 Millionen Euro ist ihnen das wert. Die Summe wäre noch höher, wenn der Gesetzgeber mehr Tage zum Knallen freigeben würde. Im europäischen Vergleich ist Deutschland eine schwarzpulverfeindliche Nation. In Belgien, Polen und Tschechien etwa ist das Zünden ganzjährig erlaubt. In Österreich und Luxemburg auch, allerdings nur außerhalb von Ortschaften. Die Franzosen haben ihr Feuerwerk am 14. Juli, dem Tag, an dem die Bastille gestürmt wurde, die Schweizer haben ihren Rütli-Schwur am 1. August. Und die Briten feiern jeden 5. November den Guy-Fawkes-Day. Der ist uns Deutschen kein Begriff, aber die Geschichte dazu lohnt sich: Im Jahr 1605 wollten zwölf Katholiken den Westminster-Palast in die Luft sprengen. Und mit ihm die gesamte englische Königsfamilie und alle Parlamentarier. Die Verschwörer, einer von ihnen hieß Guy Fawkes, lagerten dazu Schießpulver in den Kellern unter dem Palast. 2,5 Tonnen insgesamt, die hätten gereicht, um die umstehenden Gebäude gleich mit wegzupusten – wäre der Plan nicht kurz vorher verraten worden. Letztlich mussten also nicht die Mitglieder der Königsfamilie dran glauben, sondern die verhinderten Attentäter. Und zwar auf qualvolle Weise im Kerker. Seitdem gedenken die Engländer am Guy-Fawkes-Day der „Schießpulververschwörung“ von 1605. Kurioserweise mit gigantischen Feuerwerken, als wollten sie zeigen, wie man das mit dem Sprengen richtig macht.

In Deutschland gibt es Kräfte, die gerne einen zweiten Tag im Jahr zum Knallen freigeben würden. In erster Linie sind das die Feuerwerksunternehmen und ihr Verband. Gleich nach der Wiedervereinigung sahen sie ihre Chance: Wäre nicht der 3. Oktober die ideale Gelegenheit für ein alljährliches Freudenfeuer mit großer Rendite? Nein, befand damals die Bundesregierung, aber ganz haben die Lobbyisten ihre Hoffnung nicht aufgegeben. Die Feuerwerkfans in den Internetforen auch nicht, schon gar nicht nach dieser WM, nach der man wieder unverkrampft patriotisch sein darf.

Im Vergleich zu China haben es die Deutschen übrigens gut: Dort ist das Abbrennen von Feuerwerkskörpern in vielen Großstädten ganzjährig verboten, weil die Qualität der Böller oftmals zu schlecht ist und es immer wieder Unfälle gab. Das ist umso tragischer, weil die Chinesen das Feuerwerk erfunden haben. Manche sagen auch, es waren die Inder, aber wer das behauptet, gilt unter Pyrotechnikexperten schnell als Außenseiter.

Also sagen wir China. Gesichert ist, dass schon zur Sung-Dynastie ab Mitte des 10. Jahrhunderts „Feuerpfeile“ abgeschossen wurden. Das waren Bambusrohre, präpariert mit Salpeter, Holzkohle und Schwefel – also ziemlich genau das, was wir heute Schwarzpulver nennen. Der Bambus wurde angezündet, dann schoss er in den Himmel. Erst sollten damit böse Geister verjagt werden. Und später die Feinde im Krieg. Wer es blitzen und donnern lassen kann, mit dem legt man sich besser nicht an. Irgendwann entdeckten die Chinesen, dass Feuerpfeile im Krieg noch effektvoller waren, wenn man damit nicht in den Himmel, sondern direkt auf seine Feinde schoss.

Im 13. Jahrhundert kam das Pulver nach Europa, wurde gleich bei Schlachten eingesetzt. Aber es dauerte mehr als hundert weitere Jahre, bis die ersten, es waren die Italiener, die Schönheit der Explosion erkannten. Ab da setzte Europas Adel das Schwarzpulver ein, um seinen Reichtum und seine Macht mit ausladenden Feuerwerken zu demonstrieren. Die katholische Kirche ebenfalls, am Tag der Papstwahl wurden über dem Vatikan bis zu 6000 Raketen in die Luft geschossen. Damit die noch eindrucksvoller waren, hielten sich manche bunte Gläser vor die Augen – das Feuerwerk damals war zwar laut und auch hell, aber nicht bunt. Die Farben kamen erst viel später mit der modernen Chemie.

Ein besonders großes Feuerwerk hatte im 18. Jahrhundert der britische König Georg II. bestellt. Damit wollte er das Ende des österreichischen Erbfolgekriegs und den neuen Frieden in Europa feiern. Die Raketen sollten direkt über der Themse explodieren, und Georg Friedrich Händel, Dauergast am Hof, hatte extra für diesen Moment eine Ouvertüre komponiert. Leider regnete es, viele Raketen zündeten nicht, dafür brannte ein Gebäude am Ufer ab. Aber Händels Musik, immerhin, wurde unter dem Namen Feuerwerksmusik weltberühmt.

Auch kein Glück mit dem Knallen hatten später die Nazis. Ausgerechnet die Nazis, obwohl vom Ambiente alles so gut gepasst hätte: Wagner, krawumm, alle rechten Arme gen Himmel, wieder krawumm, Riefenstahl hält mit der Kamera drauf. Tatsächlich war das Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Pyrotechnik ein angespanntes. Wegen des Missgeschickes auf dem Hamelner Bückeberg. Im Herbst 1933, die Faschisten waren ganz frisch an der Macht, rief der Führer zum Reichserntedankfest nach Hameln. Das muss man sich wie ein normales Erntedankfest vorstellen, nur dass nicht Gott, sondern dem Führer gedankt wurde. 500 000 kamen, mit Zügen herangekarrt, alles perfekt organisiert. Auch Hitlers Rede am Abend kam gut an, der Diktator ließ sich mit großen Scheinwerfern anstrahlen, und zum Finale gab es erst das Horst-Wessel-Lied und danach ein prachtvolles Feuerwerk. Als aber die letzte Rakete erloschen war, brach Chaos aus. Außer den Scheinwerfern vor der Bühne und ein paar Fackeln gab es keine Beleuchtung, die Menschen irrten hilflos auf dem Bückeberg herum. Vom nächsten Jahr an fand das Fest in den Nachmittagsstunden statt. Mit Kriegsbeginn war der Knallspaß sowieso vorbei, die pyrotechnischen Betriebe wurden für die Rüstung gebraucht. Da war es nur folgerichtig, dass Stalin seinen Sieg über Hitler-Deutschland mit einem riesigen Feuerwerk in Moskau feierte.

Eigentlich müsste man als politisch korrekter Mensch also ein entspanntes Verhältnis zum Feuerwerk haben. Dass dem nicht so ist, hat die Kirche zu verantworten. Angefangen hat es vor 25 Jahren in der evangelischen Kirchengemeinde Bargteheide in Schleswig-Holstein. Deren Mitglieder riefen dazu auf, am letzten Tag des alten oder spätestens am ersten des neuen Jahres Geld für Entwicklungshilfe zu spenden. Wahrscheinlich hätte keiner darauf gehört, wäre den Gläubigen nicht dieser wirklich knackige Spruch eingefallen: „Brot statt Böller“. Inzwischen versichert die Kirche jedes Jahr, sie wolle niemandem die Feierlaune verderben und man könne doch spenden und gerne trotzdem ein bisschen knallen. Für solche Kurskorrekturen ist es längst zu spät, der Slogan hat sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gebrannt.

Wie stark die Kampagne dem Böllerumsatz der letzten 25 Jahre geschadet hat, lässt sich statistisch nicht nachweisen. Nur vor zwei Jahren, direkt nach der Tsunami-Katastrophe, ist der Verkauf deutlich zurückgegangen: um einmalig 15 Prozent. Das war die einzige nennenswerte Umsatzschwankung der letzten 15 Jahre, die andere war das Millennium mit zehn Prozent plus.

Mit dem „Brot statt Böller“-Spruch hat sich der Verband der deutschen Feuerwerksindustrie inzwischen abgefunden. Obwohl er sich gewünscht hätte, dass nicht nur Feuerwerk, sondern allgemein Genussmittel Silvester thematisiert würden. Aber „Brot statt Kippen“ klingt nicht so schön, gibt der Verband zu. Und „Brot statt Bordeaux-Wein“ sei deutlich zu lang.

Die Christen sind noch die gemäßigten Böllerfeinde. Es gibt auch richtige Hasser: private Vereine und Initiativen, die Feuerwerk grundsätzlich verbieten möchten. Als Beweis für dessen Gefährlichkeit zeigen sie Videos, auf denen Böller in Schweinebraten explodieren. Außerdem argumentieren sie mit Feinstaubbelastung, Ozonloch, Asthmagefahr. Und sie sammeln Zeitungsberichte über Hunde in aller Welt, die ihrem Instinkt folgten und brennende Böller apportieren wollten. Auch Wellensittiche und Hamster soll es schon dahingerafft haben wegen des hohen Stressfaktors bei den lauten Knalls.

Die Feuerwerkslobby hält mit eigenen Studien dagegen. Die sagen zwar nichts über Hunde und Wellensittiche aus, aber zum Beispiel über die verbesserte Umweltverträglichkeit der Knaller. Auch die Pyrotechnik geht mit der Zeit, heißt es. Das könne man wunderbar an dem aktuellen Trend zum Batteriefeuerwerk sehen. Batterien sind kleine Kisten, die man nur einmal anzünden muss und aus denen es dann gleich hundertfach knallt. Und zwar mit wechselnden Farben und Formen.

Und jetzt kommt’s: Das Batteriefeuerwerk soll angeblich die über Jahrhunderte gepflegte Geschlechterverteilung beim Silvesterfeuerwerk (er zündet, sie staunt) nachhaltig aufgebrochen haben. Wenn der Trend anhalte, heißt es, würden Frauen bald genauso häufig im Laden nach Böllern fragen. Und die dann auch noch eigenhändig anzünden.

Eines ist sicher: Da mache ich nicht mit. Wenn ich erst Familie habe, sollen meine Kinder Silvester ganz allein mich bewundern. Meine Frau kann gerne das Stechmücken-Totmachen im Sommer übernehmen.

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