Kultur : Aalto ist einfach sympathisch

NIKOLAUS BERNAU

Im letzten Jahr feierten die Finnen den 100. Geburtstag Alvar Aaltos ausufernd mit Symposien, Kongressen, Ausstellungen und Publikationen. Die zentrale Ausstellung in Deutschland fand damals in Essen statt, wo sich das erst lange nach Aaltos Tod ausgeführte Opernhaus als Fokus anbot. In der für die finnische Kulturpolitik charakteristischen Mischung aus Nationalstolz und kulturellem Minderwertigkeitskomplex meinte das Außenministerium, damit sei es genug.Nur mit Mühe gelang es nun der finnischen Botschaft, das Material dieser exquisiten Ausstellung nach Berlin zu holen. Immerhin steht im Hansaviertel eines seiner besten Wohnhäuser, dessen Vorführräume zur "Interbau" 1958 in so mancher deutschen Familie eine Einrichtungsrevolution auslösten. Wer die Begeisterung verstehen will, die Aalto bis heute zu wecken vermag, und die ihn zu einem der drei, vier modernen Architekten macht, die als Vorbilder auf den Zeichentischen der Studenten über alle Moden hinaus durchgehalten haben - der muß diese Ausstellung unbedingt sehen.Es wird nicht "der" Aalto gezeigt, sondern sieben Bauten seiner "klassischen" Arbeitsphase der späten zwanziger bis späten fünfziger Jahre. Nach dem Bau des Tuberkulosesanatoriums im südwestfinnischen Paimio 1927 und der Bibliothek im heute russischen Viipuri 1934 errang er schnell internationalen Ruhm. Im Norden Europas fand sich das liberale, ästhetisch ganz unakademische Gegengewicht zur Strenge des deutschen Bauhauses und der niederländischen Konstruktivisten. In flachen, hintereinander gereihten und verglasten Tischvitrinen - sehr elegant, aber spiegelnd und ähnlich ungesund für die Wirbel wie die Einrichtung vieler Architekturbüros - sind hinreißend locker gezeichnete, originale Skizzen zu sehen, kleine Modelle mit der landschaftlichen Einbindung der Bauten, Ausführungspläne, Fotos des Erst- und solche des derzeitigen Zustandes. Ab und zu liegt eine Reliquie daneben. So kamen aus dem Rathaus der Kleinstadt Säynätsalo zwei grobe Ziegel. Dessen intimer Innenhof ist der zivilisatorische Widerpart zur nie ganz fertiggestellten Gesamtkomposition des Stadtzentrums aus locker im Wald gereihten Bauten. Diese undoktrinäre Kontrastierung ist häufig im Werk Aaltos. So zeigt etwa ein historisches Foto das weißstrahlende, mit allen Attributen der Schiffsbegeisterung der späten zwanziger Jahre prunkende Sanatorium Paimio hoch aufragend über einfachen Bauernhäusern aus Holz.Frei im Raum stehen große Modelle, mit denen versucht wird, die Raum- und vor allem die Lichtwirkung von Aaltos Sälen und Foyers erlebbar zu machen. Eine gute Idee, die allerdings durch die schräg einfallenden Spotlights konterkariert wird. An den Wänden sind Proben der von Aalto verwendeten Materialien, der Ziegel, Bronzen, Stoffe, der Hölzer und Keramiken zu sehen, von ihm entworfene Stühle, Tische, Lampen sowie einige Beispiele seiner Gemälde und Plastiken. Die Auswahl der Gebäude - außerdem sind noch das Geschäftshaus Rautatalo in Helsinki, die luxuriös-einfache Villa Mairea und die Kirche von Vuoksenniska zu sehen - folgt dem inzwischen kanonisierten Bild von Aalto als "Humanisten", für den die Architektur bei der Türklinke beginnt und beim Städtebau aufhört. Sympathisch, wie seine Architektur, ist die Sentimentalität, mit der Arbeitswerkzeuge und Privatfotos gezeigt werden, neben denen eine Liste seine Mitarbeiter dokumentiert.Der zeitlose Meister wird gezeigt. Aus dieser Sicht ist es auch konsequent, wenn alle Informationen über den noch vorhandenen Originalbestand der Bauten fehlen. Nur bei den Fotos aus der Bibliothek in Viipuri kann man sehen, wie sehr Wände und Fenster, die Fußböden und selbst die in jedem Architekturlexikon zu findende, gewellte Holzdecke des Vortragssaales gelitten haben und verändert wurden. Paimio hingegen strahlt in neuesten Farben, ist im Zeichen des Aalto-Kultes blitzblank (über-)restauriert worden. Auch die historische Einbindung Aaltos in seine Zeit muß man dem guten und vorzüglich illustrierten Katalog entnehmen. Die historischen Originalmöbel aus Paimio, dies am Rande, wurden übrigens in den siebziger Jahren versteigert - so mancher finnische Architekt hat sich damals seine eigene kleine "Aaltoana"-Sammlung ins Büro gestellt.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10bis 11. Juli. Katalog 75 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben