Kultur : Ab in die Ecke

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

MarketingNischen und TV-Fenster

Genres seien eine Erfindung der Plattenläden und hätten überhaupt nichts mit Musik zu tun, sagt Jimi Tenor , der finnische Sänger und studierte Multiinstrumentalist mit Autodidakten-Attitüde und Wohnsitz in Barcelona. Wenn seine aktuelle CD „Higher Planes“ (Kitty-Yo) nun in der „Jazz“- oder „Alternative“-Ecke zu finden ist, dann hängt das damit zusammen, dass hier live gespielt, elektronisch nicht getrickst und so genannte akustische Instrumenten verwendet werden. Tenor spielte mit dem finnischen New Music Orchester „UMO“ zusammen, ergänzt durch Synthesizer, E-Gitarre und Bongos. Das Ding ist, dass Tenor, der neben Sun Ra auch Barry White und Isaac Hayes als wichtige Einflüsse nennt, eigentlich im „Electronica“-Segment vermarktet wird. Das sind die Jungs, die immer so furchtbar autistisch vor sich hinfrickeln. Und das stört den Blondschopf unheimlich. Mit seiner 12-köpfigen Power-Band war Tenor zwar erst im Februar in Berlin, aber die ist nun wirlich so gut, dass man davon nicht genug bekommen kann. Am Montag gibt er ein weiteres Konzert in der Volksbühne (21 Uhr 30).

Die Filmserie „Jazz“ , die das Bayerische Fernsehen zurzeit zeigt, erzählt vor allem die Geschichte einer Musik, die von schwarzen Amerikanern erfunden wurde und deren wesentliche Neuerungen ebenfalls von Afroamerikanern stammen. Kurz nach Mitternacht läuft am Sonnabend eine Folge über die Jahre 1943 bis ’45 mit dem Titel „Dem Chaos verschrieben" (0 Uhr 30). Für den renommierten Dokumentarfilmer Ken Burns standen gerade die soziokulturellen Aspekte dieser Musik im Vordergrund, die die Geschichte des amerikanischen Rassismus im 20. Jahrhundert erzählen. In Amerika wurde die Dokumentationsserie von bis zu zwölf Millionen Zuschauern gesehen, so erfolgreich war Jazz dort seit Jahrzehnten nicht. Für viele Amerikaner mögen Burns Filme überhaupt der erste Kontakt mit diesem Genre gewesen sein. Und so ist „Jazz“ in erster Linie ein Film für Amerikaner, Europa kommt nur als Exil-Schauplatz amerikanischer Musiker vor. So ist der Vorwurf erhoben – und nicht entkräftet – worden, dass alles ausgespart werde, was nicht in das Klischee eines von schwarzen Amerikanern geprägten Kanons passt, den die Burns Berater Wynton Marsalis, Stanley Crouch und Albert Murray gern als die klassische amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts preisen.

Der Fortschritt, den Jazz seit 1960 gemacht haben soll, wird – wenn nicht ausgeblendet – generell in Frage gestellt. Darüber könnte nun ein Musiker Auskunft geben, der Mitte der Siebzigerjahre in den Fusion- Bands von Miles Davis spielte und mit seinen musiktheoretischen Schriften Pat Metheny und John Scofield inspirierte. Der Saxofonist Dave Liebman ist der Star beim Jazz- Event der Woche, der Sommerjazz-Konzertreihe des Pianisten Andreas Schmidt, die von Freitag bis Montag im Jazzclub A-Trane läuft. Hier spielt Liebman mit wechselnden Besetzungen jeweils ab 22 Uhr.

Noch etwas für Nichtschläfer: Der WDR zeigt zum Pfingstausklang Konzertmitschnitte von Jan Garbarek, Cassandra Wilson und anderen – in der Nacht auf Dienstag zwischen 1 Uhr und 6 Uhr 30.

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