Kultur : Ab nach Abu Dhabi

Logik des Marktes: Wie sich Nicolas Sarkozy die künftige Kulturpolitik Frankreichs vorstellt

Martina Meister

Der französische Kulturbetrieb nahm es enttäuscht zur Kenntnis: kein Thema, das im Wahlkampf eine geringere Rolle gespielt hätte als die Kultur. Auch in den Medien wurde dieser Aspekt nicht debattiert. Nur einmal hielt Nicolas Sarkozy ein Meeting mit Vertretern des Kulturbetriebes ab. Es fand im Show Case statt, einer Pariser Bar, in die sonst nur die Reichen und Schönen vorgelassen werden. Der zukünftige Präsident schnürte dort ein kulturpolitisches Paket mit fünf Prioritäten: Das Kulturerbe solle gepflegt, der Kunstunterricht in den Schulen verstärkt, die Kultur möge in den sozial schwachen Bezirken gefördert werden, und schließlich erhoffte sich der Kandidat ein neues künstlerisches Wirkungsfeld durch die Informationstechnologien. Ansonsten versprach er wohlfeil einen fünfjährigen „Vertrauensvertrag“.

Nun ist Sarkozy zum Präsidenten gewählt worden, und es scheint, als sei die französische Kulturpolitik der „exception culturelle“ auch unter ihm unanfechtbar. Auch Sarkozy wird nicht an dem Gemisch aus staatlicher Förderung, Protektionismus und Subventionen rütteln, das sich mit den Begriffen Buchpreisbindung, Chansonquote und Kinoförderung durchkonjugieren lässt. Bislang wurde das Ganze noch gepaart mit einer quasi monarchistischen Attitüde und den persönlichen Ambitionen einzelner Präsidenten, die sich allesamt ihre kulturpolitischen Denkmäler setzten. Vom Centre Pompidou über das Musée d’Orsay, vom Grand Louvre über die Bastille-Oper bis hin zu Chiracs Museum der außereuropäischen Künste hinterließ bislang jeder seine Spur im Stadtbild. Seit vor 25 Jahren unter Mitterrand das Kulturbudget verdoppelt wurde, geht ein Prozent des Staatshaushalts an die Kultur. Eine Zahl, die auch Sarkozy nicht ändern wird.

Wenn man sich die kulturpolitischen Vorstellungen des neuen Präsidenten indes genauer ansieht, wird man ahnen, dass bald ein neuer Wind durch den Kulturbetrieb wehen wird: Denn Sarkozy will das Kultur- und Erziehungsministerium vereinigen. Symbolisch ist das ein wichtiger Schritt, denn ein solches Megaministerium würde die Sonderrolle der Kultur in Frankreich radikal infrage stellen.

Sarkozy lässt keinen Zweifel daran, was er unter Förderung künstlerischer Erziehung versteht. Kunstunterricht in den Schulen, sicher. Aber wenn es um den Arbeitsmarkt geht, steht das Schöne und Wahre hinter dem Nützlichen zurück: So ließ er wissen, dass man natürlich „alte Literatur“ studieren könne, nur werde der Steuerzahler das Studium in die sichere Arbeitslosigkeit nicht mehr bezahlen. Kurzum, die Universitäten erhalten mehr Geld für naturwissenschaftliche Fächer und neue Technologie – auf Kosten der Geisteswissenschaften. Es ist die Logik des Marktes, die hier künftig regiert.

Auch seine Ankündigung, den Zugang zu den Museen umsonst zu gewähren, ist noch kein Beleg für die Demokratisierung der Kultur. Die Museumsdirektoren fragen sich bereits, wie sie das finanzieren sollen. Sie müssen in Zukunft mehr auf Mäzenatentum setzen, lautet die Antwort. Vor allem sollen sie Quote erbringen. Insofern ist der Export des Louvre nach Abu Dhabi und der Verkauf des Markennamens nur das Vorspiel einer weiteren Kommerzialisierung des Kulturerbes. Museumsleute, die gegen den „Wüstenlouvre“ protestierten oder auch nur Probleme zu bedenken gaben, wurden prompt aus wichtigen Gremien ausgeschlossen.

Auch das ist eine Seite der französischen „exception culturelle“: Immer schön lächeln und dem König gefallen. Weshalb es selbst für Sarkozy Spielraum für die Demokratisierung der Kultur gäbe.

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