ABBADO IM GESPRÄCH : Liebe und Tod

Unsere Gesellschaft neigt dazu, zu vergessen, dass Tod und Leben untrennbar sind. Tristan und Isolde glauben, einen Todestrank zu trinken, also geben sie sich – durch den Tod legitimiert – ihrer Liebe hin. In der Volkskultur hingegen, der höfischen und mythischen des Mittelalters und in den morgenländischen und alchimistischen Philosophien, von denen Wagner inspiriert war, waren sich die beiden Aspekte immer nahe. Die ganze volkstümliche mittelalterliche Symbolik assoziiert die Geburt mit dem Tod , die Jugend mit dem Alter, die Nahrung und die Liebe als eine Aufeinanderfolge von Leben, Tod und Wiedergeburt. Aber in der Liebe verbirgt sich eine fortdauernde Energie, so dass es nötig ist, sie an das Leben zu binden. Es ist der Liebe

wegen, dass wir leben wollen
und dass wir uns lebendig fühlen. Und daher kommt es, dass der Tod vor allen Dingen Trennung bedeutet. (...)

Wenn der Tod Abwesenheit und Regungslosigkeit symbolisiert, dann wird die Liebe aus ihm geboren und kehrt zu ihm zurück, und indem sie dies macht, leugnet sie seine Absolutheit. Für uns, die wir in der westlichen Welt verwurzelt sind, ist dies viel schwieriger zu

verstehen. (...) Und wenn der Tod

Gewalt und Diskriminierung bedeutet, also einen Mangel an Toleranz und Austausch, so können Kunst und Kultur die Strenge aufweichem, um einen – wenn auch geheimnisvollen – Weg zur

Erzeugung neuen Lebens zu finden.

– Aus dem Buch „Claudio Abbado im

Gespräch mit Lidia Bramani: Musik über Berlin“ Axel-Dielmann-Verlag, Frankfurt/M. 2001, 222 S., 14 €

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