Abdullah Ibrahim im HKW : Der Hochschaukler

Mitreißend: Südafrikas Pianistenlegende Abdullah Ibrahim spielt bei der „Wassermusik“ des HKW.

Ken Münster
Hymnen gegen das frühere Apartheidsregime. Abdullah Ibrahim. Foto: promo
Hymnen gegen das frühere Apartheidsregime. Abdullah Ibrahim. Foto: promoFoto: promo

Als er am Freitagabend alleine die „Wassermusik“-Bühne auf der Dachterrasse des HKW betritt, verliert er nicht ein Wort. Das wird die ganze Show im Rahmen der „Wassermusik“ über so bleiben. Unsympathisch wirkt Abdullah Ibrahim deshalb nicht. Im Gegenteil: Es passt zu diesem Konzert, dass der Klavier spielende Altmeister des südafrikanischen Jazz das Publikum über 90 Minuten lang tief berührt und minutenlang klatschend hinterlässt.

Der 1934 in Kapstadt geborene Abdullah Ibrahim, von Nelson Mandela einst der Mozart Südafrikas genannt, zeigt an diesem Abend, warum er als einer der innovativsten und virtuosesten Jazzgrößen des Schwarzen Kontinents gilt. Zusammen mit dem Trompeter Hugh Masakela war er Teil der Jazz Epistles, Südafrikas erster schwarzen Jazzgruppe. 1962 emigrierte er in die Schweiz, wo ihn Duke Ellington entdeckte und überredete, in die USA zu gehen.

Ibrahim, der vor seiner Konversion zum Islam 1968 Dollar Brand hieß, stellt dem Konzert mit seinem Septett Ekaya eine viertelstündige Solo-Piano-Einlage voran. Dabei changiert er zwischen verträumten Jazzlinien, die an Bill Evans erinnern, und rhythmisch verschachtelten Blues-Akkorden, die den erdigen Klang des südafrikanischen Township-Jazz hörbar machen.

Die ersten beiden Begleitmusiker schleichen danach fast ehrfürchtig auf die Bühne und fügen sich in einem kammermusikalischen Setting aus Piano, Cello und Flöte in die von Ibrahim vorgezeichneten Melodien ein. Das Publikum lauscht hoch konzentriert. Als sich dann das komplette Septett versammelt, ist die Richtung vorgegeben: Eigenwillig innovative und auch klassische Jazzklänge der 50er und 60er, die von den Bläsern in der ersten Reihe getragen werden. Die Arrangements reichen von waghalsig schnellen Post-Bop-Arrangements, die vom nach vorne treibenden Kontrabass Noah Jacksons leben, über sparsam instrumentierte, rhythmisch oft im Luftleeren stehende Balladen, die den Bläsern Freiraum für ihre solistischen Einlagen lassen. Und die sind atemberaubend. Abdullah Ibrahim hat ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Oft beobachtet er seine Mitmusiker nur, nimmt minutenlang die Finger von den Tasten, lauscht und gibt knappe Anweisungen. Wenn Applaus aufrauscht, lächelt er unauffällig in sich hinein. Es scheint, als ob er wortlos genießt, wie seine Kompositionen zum Leben erwachen.

Dann ist der Bann gebrochen

Zum Schluss hin kommt das Publikum immer mehr auf den Geschmack, will mehr von den Bläsern, die sich gegenseitig mit ihren Phrasen hochschaukeln und herausfordern. Als Posaunist Andrae Purchinson sein Solo mit verschroben dahingefeuerten Licks beginnt, kopiert Ibrahim am Klavier dessen Phrasen. Die Musiker sind amüsiert. Die Interaktion innerhalb der Band und mit dem Publikum wird immer lebendiger, immer enger. Am Ende ist eine Art Bann gebrochen: Das Publikum tobt, die Gruppe ist sichtlich gelöst. Keine Spur mehr von Bedächtigkeit.

Die einzige Enttäuschung an diesem Abend bleiben Idris Ackamoor & The Pyramids, die das Doppelkonzert eröffnen. Die US-amerikanische Gruppe, die in den 70er Jahren eine Handvoll an die freieren „kosmischeren“ Spielarten des Jazz in der Tradition des Sun Ra Arkestra angelehnte Alben in Kleinstauflage veröffentlichte, wurde von Plattensammlern vor Jahren wiederentdeckt und tourt seitdem wieder.

Das 2015 in Berlin aufgenommene Comeback-Album „We Be All Africans“ wurde wohlwollend empfangen. Die Eröffnung auf der Bühne im Haus der Kulturen der Welt jedoch wirkt uninspiriert und träge. Es fehlt das Überraschungsmoment. Da hilft auch der goldene Pharaonen-Kopfschmuck auf dem Haupt des Frontmanns nicht viel. Ken Münster

Das Festival Wassermusik findet noch einmal am kommenden Freitag und Samstag statt. Details unter www.hkw.de

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