Kultur : Abendland ist abgebrannt

Auch der britische Historiker Niall Ferguson glaubt nicht mehr an die Zukunft des Westens.

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Seit es das Abendland gibt, geht es scheinbar unter – zumindest nach Meinung von Intellektuellen und Publizisten. In diesen Chor stimmt nun auch Niall Ferguson ein. Seine Botschaft: Der Westen ist selbst schuld an seinem Niedergang. Denn er schwäche, was ihn einst stark gemacht habe: seine Institutionen und Ökonomien. Der in Harvard und Oxford lehrende Historiker beklagt einen Stillstand im Westen. Er geht dabei von Adam Smiths Erkenntnis aus, dass sowohl die Stagnation als auch das Wachstum zum großen Teil von „Gesetzen und Einrichtungen“ abhängen.

Zu Smiths Lebzeiten im 18. Jahrhundert galt China als das Land, das „lange im Stillstande verharrt“ hatte: ein einst „wohlhabendes“ Land, das aufgehört hatte zu wachsen. Ursache dieses Stillstands waren nach Smiths Analyse die fehlerhaften „Gesetze und Einrichtungen“ Chinas – einschließlich seiner Bürokratie. Mehr Freihandel, mehr Anreize für Kleinunternehmer, weniger Bürokratie und weniger Vetternwirtschaft empfahl Smith, um die chinesische Stagnation zu überwinden. Im späten 18. Jahrhundert hatte er selbst beobachten können, wie diese Instrumente die Wirtschaft Englands und seiner amerikanischen Kolonien stimulierten.

Ferguson glaubt, dass Smith heute Zeuge einer „außergewöhnlichen Schicksalswende“ werden würde: „Jetzt sind wir im Westen diejenigen, die sich im Stillstand befinden, während China schneller wächst als jede andere große Volkswirtschaft der Welt.“ Die Weltwirtschaftsgeschichte habe ihren Schwerpunkt aufs andere Bein verlagert. Fergusons Hauptthese lautet, dass das, was zu Smiths Zeiten auf China zutraf, heute für große Teile der westlichen Welt gilt. Heute seien unsere Gesetze und Institutionen das Problem. Die „Große Rezession“ sei bloß ein Symptom einer tiefgreifenden „Großen Degeneration“.

Verfallserscheinungen diagnostiziert Ferguson bei den Hauptkomponenten der westlichen Zivilisation: Demokratie, Kapitalismus, Rechtsstaat und Zivilgesellschaft. Und nicht nur das: Staatsschulden – offene und versteckte – seien zu einem Mittel der älteren Generationen geworden, auf Kosten der Jungen und der noch Ungeborenen zu leben. Auch sei die Regulierung derart dysfunktional geworden, dass sie die Fragilität des Systems erhöhe.

Irritationen dürften diese steilen Thesen Fergusons schon alleine deshalb auslösen, weil er selbst nur zwei Jahre zuvor gegen derlei Angstmacherei in Europa und Amerika ausdrücklich Front gemacht hat. In seinem letzten Werk „Der Westen und der Rest der Welt“ über die Geschichte des Wettstreits der Kulturen hatte er die Lebenszyklen der großen Mächte der Weltgeschichte untersucht und auf dieser Grundlage die westliche Zivilisation vor einem übertriebenen Fatalismus gewarnt: Sicherlich seien die Dinge, die den Westen einmal vor dem Rest der Welt ausgezeichnet hätten, nicht mehr sein Monopol – die Chinesen haben den Kapitalismus übernommen, die Iraner die Naturwissenschaften, die Russen zumindest formal die Demokratie. Die Afrikaner erhalten allmählich eine moderne medizinische Versorgung. Und die Türken leben nun in einer Konsumgesellschaft.

Aber all dies bedeutet zugleich, dass die westliche Art, die Dinge zu gestalten, keinesfalls als überholt anzusehen ist, sondern beinahe überall auf der Welt blüht und gedeiht – oder wie Ferguson es 2011 prägnant zusammenfasste: „Eine wachsende Zahl von Nicht -Westlern schläft, duscht, arbeitet, spielt, isst, trinkt, reist und kleidet sich wie die Leute aus dem Westen.“

Somit bietet die westliche Zivilisation der übrigen Welt ein ganzes „Paket“, wie Ferguson den weiterhin bestehenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Standortvorteil des Westens beschrieben hat: politischen Pluralismus in Form verschiedener Staaten und Autoritäten, Kapitalismus, Gedankenfreiheit, wissenschaftliche Methode, Rechtsstaatlichkeit, das Recht auf Eigentum und Demokratie. Bis heute besitzt der Westen nach der immer noch zutreffenden Beobachtung des britischen Finanz- und Wirtschaftshistorikers mehr von diesen institutionellen Vorteilen als die übrige Welt: China hat keinen politischen Wettbewerb, der Iran keine Gewissensfreiheit. In Russland wird zwar gewählt, aber die Rechtsstaatlichkeit ist nur Schein. Und in keinem dieser Länder existiert eine freie Presse.

Diese Unterschiede können nach Fergusons bisherigen Analysen auch erklären, warum diese Staaten in qualitativen Indizes, welche die „nationale innovative Entwicklung“ und die „nationale Innovationsfähigkeit“ messen, hinter den westlichen Ländern weit hinterherhinken. Und nicht zuletzt: Fergusons „westliches Gesamtpaket“ offeriert den menschlichen Gesellschaften das beste gegenwärtig erhältliche Angebot an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die am ehesten die individuelle menschliche Kreativität freisetzen, die fähig scheint, all die Probleme zu lösen, vor denen die Welt im 21. Jahrhundert steht.

Daher sollte nicht nur der Westen, sondern auch „der Rest der Welt“, wie Ferguson 2011 noch etwas abwertend die internationale Staatengemeinschaft in seinem damaligen Buchtitel bezeichnet hatte, sich nicht die derzeitigen, sondern die bisherigen Thesen des britischen Historikers zu Herzen nehmen. Mit ihnen dürfte nicht nur die Menschheit, sondern auch ihr Verfasser besser fahren. Thomas Speckmann





– Niall Ferguson:

Der Niedergang des Westens. Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben. Propyläen Verlag, Berlin 2013. 201 Seiten, 18 Euro.

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