Kultur : Abenteuer eines Apfels

Paul Cézanne und die Folgen: Das Folkwang-Museum Essen feiert einen Helden der Moderne

Nicola Kuhn

Eigentlich hätte die Aufteilung der gemeinsamen Kunstsammlung friedlich vonstatten gehen können. Doch ausgerechnet an einem wenige Zentimeter großen Gemälde entzweiten sich die Geschwister Leo und Gertrude Stein. Beide wollten das Stillleben „Fünf Äpfel“ von Paul Cézanne (1839–1906) besitzen, obwohl sie sich über weit kapitalere Werke von Renoir, Matisse, Picasso zu einigen hatten. Beobachter hätten diesen Streit im Jahr 1913 mit Kopfschütteln quittiert. Eingeweihte aber wussten, dass in jedem einzelnen Gemälde Cézannes das ganze Geheimnis der modernen Malerei aufgehoben ist. Wie zum Trost schenkte deshalb Picasso im Jahr darauf seiner Freundin Gertrude ein Aquarell mit einem einzelnen Apfel zu Weihnachten. Die Geste hat ihre besondere Bedeutung, denn Picasso gehörte nicht nur zu den Bewunderern Cézannes. Er nahm die Motive des „Meisters“, wie er ihn nannte, auch als Stimulans für sein eigenes Schaffen.

Cézanne als Vorbild für nachfolgende Künstlergenerationen ist das Ausstellungsthema im Essener FolkwangMuseum, mit dem die Reihe der Moderne-Heroen fortgesetzt wird. Auf van Gogh im Jahr 1990 und Gauguin 1998 folgt nun die Vaterfigur der Avantgarde. Zwei Jahre vor dem eigentlichen Jubiläumstermin: Erst 2006 wird der 100. Todestag des Malers mit Retrospektiven gefeiert. Essen hat da den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn noch sind die Leihgaben zu haben. Allein aus der St. Petersburger Eremitage stammen elf Gemälde, das Moskauer Puschkin-Museum stellte fünf weitere Werke zur Verfügung.

Hier macht sich die Erdgas-Connection des Ruhrgebiets nach Russland bemerkbar. Die Eon-Ruhrgas AG ist – unter neuem Namen – wieder Hauptsponsor. Das Energieunternehmen fühlt sich auf einer Linie mit dem Hagener Bankierssohn und Museumsgründer Karl Ernst Osthaus, der zu den frühesten Käufern Cézannes gehört. Dabei übersieht es allerdings, dass Osthaus zu Jahrhundertbeginn noch etwas riskierte, während die Wirtschaftsbosse von heute auf Bewährtes setzen. Umso mehr dürfte dem Projekt der Erfolg sicher sein. Das Folkwang-Museum möchte so glänzen wie die Berliner MoMA-Schau, auch wenn Essen kaum die gleichen Besuchermengen anlocken wird. Mit Picasso, Matisse, Braque und Derain befinden sie sich aber immerhin auf gleicher Höhe. Und die Essener Ausstellung wandert im Anschluss ins New Yorker Guggenheim Museum.

Direktor Hubertus Gaßner und seine beiden Kuratoren werfen sich zu Recht in die Brust. Allein das Entree ist furios: nebeneinander die vier Selbstbildnisse von Cézanne, Picasso, Derain, Matisse. Jeder hat von dem Eigenbrötler aus Aix-en-Provence gelernt, der früh der Kapitale und ihrem Akademismus den Rücken zugekehrt hatte. Um Cézanne zu erleben, musste man sich anstrengen; der Maler ließ nur wenige an sich heran; seiner ersten Einzelausstellung bei Ambroise Vollard in Paris 1895 blieb er fern. Cézanne war ein Maler für Maler; erst nach und nach entdeckten ihn die Händler, Sammler und Museen. Seine Bedeutung lässt sich am Gruppenbild „Hommage à Cézanne“ von Maurice Denis (1900) erkennen, das ein Treffen der Nabis zeigt, die ein Stillleben des Verehrten bewundern. Das zitierte Werk hängt in Essen gleich daneben. Ebenso ist dort Gauguins Auseinandersetzung zu sehen: Er integrierte das Stillleben gleich zwei Mal in eigene Bilder.

Der erste Saal zeigt auch schon das ganze Ausstellungskonzept, das Motiv für Motiv – Porträt, Landschaft, Stillleben, Badende – durchbuchstabiert wird: Cézanne schreitet voran, die anderen folgen. Während für die Fauves die neuartige Farbbehandlung zur Initialzündung wurde, lernten die Kubisten bei ihrem Meister, wie sich die Welt in geometrische Formen zerteilt. Eigentlich müsste ein solches Ausstellungsprinzip schulmeisterlich sein, aber die gegenseitige Befruchtung der Künstler erweist sich als so lebendig, dass man atemlos jede Wendung verfolgt. Er erlebt nicht nur Picasso, Braque, Matisse und Derain beim Ringen um die Form, sondern lernt auch umgekehrt Cézanne mit den Augen der nachfolgenden Künstler kennen.

Natürlich bildet Cézannes „Mardi gras“ (Fastnacht, 1888) aus dem Puschkin-Museum den Höhepunkt der über hundert Werke umfassenden Schau, mehr als vierzig stammen dabei von Cézanne. „Mardi gras“ war über ein Jahrhundert nicht mehr in Deutschland zu sehen. Das Bild zeigt den 15-jährigen Sohn Cézannes im Harlekin-Kostüm, dem sich ein als Pierrot verkleideter Freund zuwendet. In diesem Schlüsselwerk entwickelt der Künstler seine gesamte Philosophie: die Auflösung der Zentralperspektive, die Verschränkung von Form und Farbe aus ihrer Eigengesetzlichkeit. Daneben verblasst selbst das zwanzig Jahre später gemalte (Selbst-)Bildnis Picassos als „Harlekin mit Halbmaske“.

Ihre stärksten Momente hat die Ausstellung bei den Stillleben – über die sich ja schon Leo und Gertrude Stein zankten: Cézanne zeigt die Abenteuer eines Apfels, der neben anderen auf einem Küchentisch liegt. Nie mehr hat eine einfache Frucht solche Unbedingtheit erfahren. „Es ist, als wüsste jede Stelle von allen“, schrieb Rilke nach dem Besuch der ersten Gedächtnisausstellung Cézannes 1907 in Paris.

Folkwang-Museum Essen, bis 16. Januar; Katalog (Hatje Cantz) 39,80 Euro.

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