Kultur : Abenteuer in Gedanken

Nach 20 Jahren zieht der Galerist Thomas Schulte Bilanz – mit seinen Favoriten

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In Reih und Glied. Allan McCollums „Fifty Perfect Vehicles“ (1989) Foto: Sergio Belinchon
In Reih und Glied. Allan McCollums „Fifty Perfect Vehicles“ (1989) Foto: Sergio Belinchon

Das erste Werk ist nicht zu erwerben, das zweite seit zwanzig Jahren nicht verkauft worden, das dritte sollte auf Wunsch des Künstlers gar nicht auf den Markt gelangen. Mit der ungewöhnlichen Ausstellung „1991… (Memorial Promenade)“ zieht die Galerie Thomas Schulte Bilanz nach 20 Jahren. Zum Jubiläum zeigt sie Werke all jener Künstler, mit denen sie sich verbunden fühlt. Herausgekommen ist eine kleine Schule der Konzeptkunst.

Im Jahr 1991 gründete Thomas Schulte, damals gemeinsam mit Eric Franck, die Galerie. Die Jubiläumsschau ist ein Kondensat seiner Galeristentätigkeit. Besucher können sich delektieren am Reichtum einer Kunst, die den puren Gedanken feiert. Sie können Dialoge belauschen, den lebhaften Austausch erspüren und sich verlieren in einem Labyrinth von Ideen. Im Fenster lockt der filigrane Turm des großen Zauberers der Konzeptkunst Sol LeWitt. Ein Blinder vermag Kunst zu erschaffen, wenn es ihm gelänge, seine Ideen für andere greifbar zu machen, behauptete er einmal.

Nur im Geiste aber darf man seinen weißen „Tower“ von 1979 abtasten. Die Finger würden die Kanten der Würfel fühlen, durch die geometrischen Körper hindurchgreifen, die Konstruktion erfassen. Mit jedem Turmgeschoss reduziert sich die Zahl der Würfel. Allein das Auge kann die Schönheit der Struktur wahrnehmen, deren Wesen bei aller Berechnung ein Rätsel bleibt. Für Sol LeWitt war der Konzeptkünstler eher ein Mystiker als ein Rationalist. Das Werk, so stellte er sich vor, sollte im Besitz des Künstlers bleiben. Ihm dürfte dabei klar gewesen sein, dass es sich dabei um blanke Theorie handelte (900 000 Dollar).

Während der Würfel zu Sol LeWitts künstlerischem Alphabet gehörte, hat Alighiero e Boetti Landkarten und Wörter auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Der Italiener, der sich selbst zum Doppelwesen umdeutete, schaffte neuen Spielraum für Gedanken im Paradox. „Attirare l’attenzione“ – die Aufmerksamkeit auf sich ziehen – lauten die Worte, die Alighiero e Boetti Frauen in Kabul in einzelnen Buchstaben auf die Leinwand sticken ließ. Seit Anfang der Siebziger besuchte er regelmäßig die afghanische Hauptstadt, wo er ein kleines Hotel betrieb. Die vierteilige Arbeit von 1985 ist in Quadrate geordnet (75 000 Euro). Die Geometrie des Plans und die Ornamentik der Handarbeit, die klare Aufforderung und ihre verschlüsselte Schreibweise – gerade diese Widersprüchlichkeit weckt Aufmerksamkeit.

1991 ... der Erinnerungsspaziergang durch die Ausstellung blickt weit hinter das Gründungsdatum zurück. Das Herzstück der Schau bilden die Zeichnungen von Gordon Matta-Clark, weil sie diese geistige Kunst erden (je 25 000 Dollar). Man stellt sich Matta-Clark als Berserker vor, der mit der Kettensäge Häuserwände durchtrennt, um seine „An-Architektur“ zu verwirklichen. In den Zeichnungen aber tänzelt seine Feder über das Blatt, hinterlässt Spuren wie Vögel im Schnee. In spiralförmigen Linien erkundet er die Wachstumsenergie von Bäumen. Hier wird augenfällig, wie sehr seine mutwilligen Eingriffe in Bauwerke Befreiungsakte des begnadeten Tänzers waren, um dem Körper Spielraum zu schaffen. „Es geht immer um Evolution“, soll Matta-Clark gesagt haben. Die Spiralskizzen von organischer Energie, die erst nach seinem frühen Tod bekannt wurden, stellen die Verbindung her zwischen Matta-Clarks Gebäudeschnitten und der Landart von Robert Smithson. Ein kleines Spiegelobjekt von Smithson erinnert in der Galerie an diesen Zusammenhang.

Nur Rebecca Horns Wandinstallation „Memorial Promenade“ hat jeden Versuch der Entfaltung aufgegeben. Eine Zwangsjacke müht sich in mechanischen Bewegungen, davonzufliegen und erschlafft resigniert. Mit Horn startete die Galerie 1991, ihre Arbeit hat der Ausstellung den Untertitel geliehen. 1991… die drei Punkte stammen ebenso wie das gewaltige schwarze Fragenzeichen im Fenster von Richard Artschwager. „Nichts ist sicher“, das ist die Ausgangsthese für seine befremdlichen Objekte. Die pelzige Oberfläche bringt das Vertrauen in bekannte Formen ins Wanken. „Nichts ist sicher“ – das wäre ein aufregendes Versprechen für die nächsten zwanzig Jahre der Galerie Thomas Schulte.

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24. bis 27. August; Dienstag bis Samstag 12 bis 18 Uhr

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