Kultur : Abenteuer statt Lebensplan

Der Philosoph Martin Seel über Tugend und Laster und die Frage, wie man korrekt glücklich sein kann.

Foto: Goethe-Universität Frankfurt
Foto: Goethe-Universität Frankfurt

Herr Seel, seit Jahren setzen Sie sich mit einer Frage auseinander: Wie lässt sich der subjektive Glücksanspruch eines Menschen mit der Moral vereinbaren?

Diese Spannung zwischen Eigeninteresse und Rücksicht auf andere ist für ein moralisches Bewusstsein entscheidend. Wer sie nicht erlebt, ist nicht unbedingt der bessere Mensch – ich halte nichts vom Ideal des Heiligen. Die Herausforderung besteht darin, den Konflikt zwischen der eigenen Selbstachtung und Selbstbestimmung und dem Respekt vor der Selbstachtung und Selbstbestimmung der anderen immer wieder auszubalancieren.

Und dazu gehört es, dem Sog zum Laster zu widerstehen, den aus Ihrer Sicht jede Tugend mitbringt?

Ja. Denken Sie an die Demut, die im Christentum hervorgehoben wird. Der demütige Mensch kann auch hochmütig werden, weil er mit sich im Reinen ist und glaubt, er sei näher bei Gott. Oder die Bescheidenheit, die zu einer falschen Bescheidenheit führen kann. Auf diese Ambivalenz der Tugenden trifft man immer wieder.

Sie verbinden damit eine andauernde Arbeit am Selbst, oder altmodisch: am eigenen Charakter.

Aber nicht nur im Sinn der Anstrengung. Ich spreche lieber von einer abenteuerlichen, lebenslangen Reise.

Hat das Spannungsverhältnis, mit dem wir uns permanent auseinandersetzen müssen, nicht auch mit Verzweiflung zu tun?

Es gibt Formen existenzieller Verzweiflung, die einen aufgrund von Lebensumständen erfassen, die man nicht selber verantwortet. Aber man kann auch über seine eigenen Verfehlungen verzweifeln. Man ist dann nicht mehr fähig, zu handeln, um die eigene Situation und die der anderen zu verändern. Statt zu verzweifeln, plädiere ich für Humor im Sinn einer habituellen Selbstdistanz.

Man sollte über sich selbst lachen können?

Das wäre eine spontane Reaktion, mit der wir uns zu unseren eigenen Widersprüchen verhalten. Humor ist in meinen Augen eine der kardinalen Tugenden, durch die wir einen Spielraum gegenüber uns selbst behalten: Wir lassen offen, ob unsere wesentlichen Absichten, Wünsche und Entscheidungen nicht gegebenenfalls korrigiert werden müssen.

Plädieren Sie deshalb auch für ein Ja zur Willensschwäche, quer zur philosophischen Tradition?

Ich bestreite nicht, dass Willensschwäche auch eine Schwäche und folglich etwas Belastendes ist, das man sich vorwirft. Aber stellen wir uns einen Menschen ohne sie vor: Er wäre ein Automat. Oft ist Willensschwäche auch der Anfang von etwas Neuem. Ein Anzeichen dafür, dass wir dabei sind, unser Selbstverständnis zu verändern, uns von einer Fixierung zu verabschieden.

Der Abschied kann allerdings schwerfallen, wenn man plötzlich einen Weg als jahrelangen Irrweg entdeckt.

Wenn wir an das eigene Leben denken, ist es immer wieder auslegungsbedürftig, was richtig und was falsch ist. Aber es gibt auch Ziele, die man mit Erleichterung loswerden will, weil man eine andere Form des Lebens entdeckt durch eine neue Erfahrung oder Frustration oder Fantasie! Es wäre dann nicht vernünftig, krampfhaft an den alten Beschlüssen festzuhalten. Die Vorstellung eines verbindlichen Lebensplanes, den übrigens schon Aristoteles fordert, halte ich für etwas Menschenfremdes. Wann stelle ich den auf? Mit 25? Mit 35? Also ich will ein Haus besitzen, eine Familie haben und Chef der Sparkasse werden. Solche Pläne sind zur Orientierung sinnvoll, aber dass wir ein für alle Mal daran festhalten, ist glücksfeindlich. Planerfüllung kann nicht der Sinn eines guten menschlichen Lebens sein.

Sie legen viel Wert auf die Bereitschaft, sich für Unvorhergesehenes offenzuhalten. Wollen Sie an das Unverfügbare des sogenannten Schicksals erinnern?

Gelassenheit ist nicht nur deshalb konstitutiv. Man darf Selbstbestimmung nicht als Selbstverfügung verstehen. Sich vollständig im Griff zu haben, konsequent den vernünftigen Lebensplan zu verwirklichen, das wäre ein absurdes Ideal. Selbstbestimmung heißt auch: sich von anderen bestimmen zu lassen. Wenn beispielsweise ein Paar beschließt, ein Kind haben zu wollen, beschließen sie genau das: dass in ihrem Leben etwas passiert, wovon sie nicht genau wissen, was das für sie bedeutet.

Das Beispiel zeigt, dass beides gefordert ist: die eigene Entscheidung und die Bereitschaft zur Offenheit. Sie haben ein Buch geschrieben, „Paradoxien der Erfüllung“ ...

... da geht es genau um eine Kritik an der Planerfüllungsvorstellung. Man kann sich die existenzielle Erfüllung, dass man genau das bekommt, was man haben möchte, nicht vorstellen. Auch deshalb, weil Erfüllung und Enttäuschung zusammengehören.

Und Überraschung.

Genau. Möglicherweise besteht die höchste Form der Erfüllung nicht darin, dass unsere Wünsche aufgehen, sondern dass sich ungeahnte Wünsche erfüllen: Wir wussten gar nicht, dass uns das, was wir plötzlich erfahren, befriedigen oder befreien oder eben beglücken könnte!

Ist das die Paradoxie der Erfüllung?

Ja. Hinzu kommt ein immanenter Widerspruch, der darin besteht, dass wir immer beides wollen: Erfüllung und Begehren. Natürlich wollen wir, dass sich unsere Wünsche erfüllen. Aber gleichzeitig wollen wir das am Leben erhalten, was diese Wünsche angetrieben hat. Wir wollen auch unsere Leidenschaften und unser Begehren behalten, sonst würden wir uns langweilen.

Können Sie sich gar nicht vorstellen, dass es auch einen Zusammenhang von Erfüllung und Ermüdung gibt?

Den gibt es immer wieder. Aber wenn wir darüber reden, was ein gelungenes menschliches Leben ist, so ist es gerade diese Lebendigkeit, dass unsere Leidenschaften eben nicht zum Erliegen kommen. Das ist ja dann auch eine Kraftquelle: dass einen immer etwas angeht, dass man sich um etwas kümmert, dass man Hoffnungen und Befürchtungen hat.

Sie unterstreichen den Wert der Ambivalenz für unsere Lebensführung. Dabei gilt sie zurzeit doch eher als Störfaktor: Man soll möglichst schnell auf den Punkt kommen, vor allem in Führungspositionen ist eine zögerliche Haltung tabu.

Den geraden Weg geht nur der radikal Böse. Der zieht seine Nummer durch, guckt nicht nach links und rechts und lässt sich durch andere Menschen nicht irritieren. Aber die Konfrontation mit Widersprüchen ist unvermeidlich, auch in Führungspositionen, wenn beispielsweise verlangt wird, niemals zu wackeln, aber immer flexibel zu sein! Das ist die Quadratur des Kreises, die kriegt man nicht hin. Zu einem gelingenden Leben gehört, dass man es von Ambivalenzen nicht säubert, sondern dass man sie aushält und ihnen nachgeht. Denken Sie an die Schwierigkeiten einer Partnerschaft: Wenn ich merke, dass sich die Begeisterung verliert, dann kann ich nicht sofort wissen, ob es gelingt, das ursprüngliche Gefühl in eine neue Form zu überführen oder ob es der Anfang vom Ende ist.

Kommt es vor, dass Sie sich in einer Entscheidungssituation entlasten, indem Sie eine Münze werfen?

Nein. Es sei denn, es geht um so etwas Triviales wie die Frage, welchen Wein ich öffnen soll. Grundsätzlich versuche ich, über die Situation nachzudenken und zu einem Entschluss zu kommen, der dann hoffentlich halbwegs vernünftig ist.

Das Gespräch führte Angelika Brauer.

Martin Seel, geboren 1954, lehrt Philosophie an der GoetheUniversität Frankfurt. Im S. Fischer Verlag erschien zuletzt „111 Tugenden, 111 Laster – eine philosophische Revue“.

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