Kultur : Aber bitte nicht schwätzen!

KAMMERMUSIK

Ulrich Pollmann

Schöne neue Welt der Neuen Musik! Was das Arditti Quartett in der Philharmonie präsentierte, zergeht jedem Klassik-Gourmet auf der Zunge. Vier Werke ganz unterschiedlicher Traditionslinien standen auf dem Programm, und dennoch gab es überraschende Gemeinsamkeiten. Alban Bergs 1910 komponiertes Streichquartett op. 3 beispielsweise lässt die Tonalität hinter sich und glüht doch nur so vor expressivem Schönklang. „Ainsi la nuit“ von Henri Dutilleux wiederum klingt bisweilen genau so elegant-französisch wie Debussy.

Und sogar Helmut Lachenmann wird altersmilde. Lotete er in seinen ersten beiden Streichquartetten klangliche Extreme sondergleichen aus, findet er in seinem neuesten Werk „Grido“ zurück zu zartem Wohlklang. Das in der Serialität gewonnene Differenzierungsvermögen aber bleibt im ungemein nuancenreichen Spiel der Tonschattierungen ständig gegenwärtig. Lachenmann artikuliert hier alle Abstufungen der harmonischen Skala von der Konsonanz bis zum Geräusch. Und auch Thomas Adès, der selbst am Klavier sein Quintett mitaufführte, verarbeitet Sonatenhauptsatzform, thematische Arbeit und tonale Elemente ganz ungeniert. Nur die hochkomplexe Rhythmik bewahrt seine Musik vor dem Absturz ins Kitschige. Alle vier Stücke wollen durch rhythmische Motorik gleichsam in den Hörer eindringen. So erlangt die Musik auch etwas von Geschwätzigkeit auf höchstem handwerklichem Niveau. Die Offenheit des Hörens, das Vermögen, nicht alles auszuformulieren, auch leeren Raum und Unschlüssigkeit zuzulassen – und so dem Assoziationsvermögen des Hörers zu dienen.

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