Kultur : Abgebrannt (Kommentar)

Ralph Geisenhanslüke

Sie tut es, er tut es, beinah jeder tut es. Wer einen PC hat, brennt Musik, dass die Festplatte groovt. Kostet fast nichts und klingt so gut wie das Original. Ein Horror für Musiker und Plattenfirmen. Allein im letzten Jahr, schätzt der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, ist in Deutschland ein Schaden in Höhe von 400 Millionen Mark entstanden. In unübersichtlichen Zeiten von High-Tech und Internet braucht man ohnehin nur den digitalen Gottseibeiuns an die Wand zu malen - um hartes Durchgreifen zu fordern.

Das tat nun auch die GEMA. Die "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte" ist zuständig für das Inkasso von Musikern und Komponisten und hat einen Musterprozess gegen den Computer-Hersteller Hewlett-Packard angestrengt. HP soll pro verkauftem CD-Brenner 17 Mark plus Mehrwertsteuer zahlen, rückwirkend bis Anfang 1998. Diese Abgabe ist normalerweise üblich bei Geräten, mit denen man Musik vervielfältigen kann. Zahlen muss sie der Hersteller, der sie normalerweise an seine Kunden weiter gibt. Letzte Woche gab die Schiedsstelle beim Deutschen Patentamt in München der GEMA zunächst recht. Demnächst wird aber vor dem Landgericht weiter verhandelt. Wenn HP verliert, sind alle Hersteller dran. Stellvetretend für die gesamte Online- und Schulhof-Piraterie. Wer allerdings seinen Brenner nur zur Datensicherung gebraucht, kratzt sich verwundert am Kopf.

Letztes Jahr, so ergab eine Studie der GfK, wurden in Deutschland rund 39 Millionen CD-Rohlinge gebrannt - aber nur auf die Hälfte von ihnen Musik. Zum Zeitpunkt der Erhebung hatten gerade 2,2 Prozent der Haushalte einen Brenner, der 300 und ein Rohling gar nur eine Mark kostet - weniger als eine schlechte Cassette. Die "Marktpenetration" läuft auf vollen Touren. Man fragt sich, warum nicht einfach jeder seinen Obulus zahlt? 17 Mark tun niemandem weh. Die Musiker, deren Werke für den sogenannten privaten Gebrauch kopiert werden, sollen schließlich auch was haben von den Früchten ihrer Arbeit.

Wenn Musiker diese Frage hören, werden sie nur bitter lachen. Die GEMA, sagen sie, ist ein verstaubter Selbstbedienungsladen für ein kleine, aber großkopfete Clique. Ihre Verteilerschlüssel sind komplizierter als die gesamte deutsche Finanzgesetzgebung. Selbst wenn alle brav ihren Solidargroschen zahlen, kommt davon kaum etwas bei den Musikern an. Daher gibt es bis auf Weiteres nur einen Weg, den rund 80.000 Bands in Deutschland etwas Gutes zu tun: Originale kaufen, in ihre Konzerte gehen. Und vor allem: Zuhören.

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