Kultur : Abgehoben

Peter Herbstreuth

atmet frische Luft in Berliner Galerien Perfektionismus hat viele Gesichter. Bei Jan Timme durchwirkt sie den Raum und eröffnet ab heute in der Galerie Nagel die Möglichkeit eines Wunders (Weydingerstraße 2/4; bis 19. Februar). Timme gibt sich als etwas umständlicher Perfektionist, der mit tänzerischen Verdrehungen stets den Punkt trifft. Kunst nennt er „eine nicht unschwierige Vorstellung von Fiktion“ und sein Credo lautet „Freiheit für die Epiphanie!“. Was das ist? „Nun ja“, sagt der 1971 geborene Künstler, „ein seit Menschengedenken arg strapaziertes Erlebnis.“ Plötzlich werde eine göttliche Ordnung sichtbar, die einem durchaus zu viel werden könne. Sie haue einen, wie Nietzsche es ausdrückte, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit um. Der, die oder das Schöne erscheint - und alles verwandele sich in Erfüllung, Wirrnis, Glück – wohlgemerkt, fügt er hinzu: „keine umschubbelte Unmöglichkeit, sondern durchaus hier und jetzt.“ So spricht ein Dichter. Er hat die Galerie in einem warmen Weiß streichen lassen und eine gebrannte Kachel als vieldeutiges Straßenschild von Menorca übermannshoch in die Wand einsetzen lassen. „Carrer qui non passa“ (4000 Euro). Im Büro hängt eine zeichnerische Abstraktion der Straße, auf die das Schild verweist (1000 Euro). Mehr ist nicht zu sehen. Minimaler Materialeinsatz mit maximalem Effekt – sofern die Rechnung aufgeht und der Moment des Schauens einen auf den Flügeln von Assoziationen davonträgt. Timme hat alles bereitet, auf dass sich das Wunder einstelle und die Galerie zur Startbahn wird. Der Flug hängt vom Einsatz der Beteiligten ab.

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Eine passende Erweiterung von Timmes formalästhetisch strengem Perfektionismus im Raum zeigt die Galerie Markus Richter (Schröderstraße 13; bis 29. Januar) mit fünf Künstlern unter dem Titel „and the air is clear. A new spirit in formalism“. Wie immer in dieser Galerie wird man gezwungen, auf Nuancen zu achten und Abweichungen als Bruch zu erkennen. Auch jetzt kann man sehen, wie haarfein die Spitze des Perfekten im Bild ist. Ein wenig zu viel oder ein wenig zu wenig: schon ist alles verdorben. Dies bringt jedoch jenseits einer Intensitätserfahrung die Einsicht, dass das Vollkommene langweilig wird. Peter Krauskopf, Joachim Grommek, Dirk Radke und Volker Leonard sind die Präzisionsartisten, Ronald de Bloeme sorgt lässig für Farbspritzer und vitalisiert den Raum (Preise von 1300 bis 6500 Euro).

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