Kultur : Abgelenkt

THOMAS RATHNOW

Über Buchpreisbindung und MarktverschiebungVON THOMAS RATHNOWWo immer Menschen, die professionell mit Büchern zu tun haben, in diesen Wochen offiziell zusammenkommen, ist von der Buchpreisbindung die Rede - und dies meist in alarmistischem Tonfall.Ob auf der Leipziger Buchmesse Ende März, anläßlich des Welttags des Buches in der vergangenen Woche oder bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtkunst, die heute in Budapest zu Ende geht, es hagelt Protestnoten, Unterschriftenlisten, Erklärungen.Das Schicksal unserer Buchkultur liege in den Händen Karel van Mierts, heißt es dann.Europas oberster Wettbewerbshüter wolle im Namen der reinen marktwirtschaftlichen Lehre die deutsche Buchhandelslandschaft zerstören, die in ihrer Buntheit und Vielfalt einmalig in Europa, ja in der Welt sei. Für Außenstehende - den gemeinen Leser etwa - ist die erhitzte Debatte um die Preisbindung in mancherlei Hinsicht schwer zu verstehen.Das mag zum einen daran liegen, daß von ihm, dem Konsumenten, kaum die Rede ist, zum anderen daran, daß bei der Verteidigung der bestehenden Regelung für das "schützenswerte Kulturgut Buch" mediengeschichtlich derart konservative Töne angeschlagen werden, daß einem die Lust am freiwilligen Lesen vergehen könnte.Am meisten dürfte aber verblüffen, daß es beim Streit um die Buchpreisbindung im Grunde nur eine Partei gibt.Tatsächlich ist in der ganzen Debatte nicht ein Argument präsentiert worden, das dafür spräche, daß ein Wegfall der Preisbindung irgendwelche Vorteile brächte.Prügelknabe van Miert hat lediglich auf die Beschwerde der größten österreichischen Buchhandelskette Librodisk reagiert, die auch den deutschen Markt erobern will und sich dabei am Hindernis der grenzüberschreitenden Buchpreisbindung stieß.Würde diese fallen, dann wäre tatsächlich auch die nationale Buchpreisbindung in Gefahr.Reimportierte Bücher wären nicht mehr an den von den Verlagen festgesetzen Ladenpreis gebunden; durch eine aggressive Preispolitik großer Ketten könnten den vielen kleinen und mittleren Buchhandlungen, die im deutschsprachigen Raum ein gutfunktionierendes und flächendeckendes Vertriebsnetz bilden, die Kundschaft genommen werden.Die Erfahrungen der Länder, in denen die Buchpreisbindung aufgegeben wurde, ob England, Frankreich, Schweden oder die USA, zeigen, mit welchen Folgen zu rechnen wäre: die wenigen Megaseller würden zwar billiger, die meisten Titel mit geringeren Absatzzahlen jedoch teurer.Vor allem aber: Zahl und Vielfalt der Buchhandlungen und Verlage nähmen drastisch ab. Häufig wird bei der Debatte um die Buchpreisbindung übersehen, daß es sich um ein Instrument handelt, daß nicht nur kulturell, sondern auch marktwirtschaftlich sinnvoll ist, denn feste Ladenpreise für Bücher sind kein Wettbewerbshindernis, im Gegenteil: sie ermöglichen es gerade, daß eine Vielzahl von Produkten und Anbietern auf dem Markt konkurrieren.Sollte Karel van Mierts jüngstes Kompromißangebot, eine zeitlich begrenzte Preisbindung nur für anspruchsvolle Literatur gelten zu lassen, Wirklichkeit werden, würde einer Bürokratisierung des Buchmarkts Tür und Tor geöffnet, die niemand wünschen kann. Die derzeitige öffentliche Aufregung um die Buchpreisbindung birgt aber auch eine reale Gefahr.Sie lenkt davon ab, daß der Buchhandel bereits heute in erheblichen Problemen steckt.Der Strukturwandel, den die Branche durchmacht, geht auch heute schon mit erheblichen Konzentrationsprozessen einher und einem teils gnadenlos geführten Verdrängungswettbewerb.Fünf Prozent der etwa 2000 deutschen Verlage machen 90 Prozent des Buchhandelsumsatzes.Zwar werden immer wieder neue Rekorde bei der Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen aufgestellt, aber die Umsatzzahlen halten mit der Produktionssteigerung nicht Schritt.Die Buchhändler wehren sich gegen die Flut von Titeln - das registrieren die Verlage derzeit schmerzlich an den Absatzstatistiken ihrer Frühjahrsprogramme - es wird immer vorsichtiger eingekauft und immer stärker auf leicht Verkäufliches gesetzt.Die großen Verlage reagieren darauf zum einen, indem sie den Handel mit lukrativen Rabatten und Zahlungskonditionen zu ködern suchen, sie riskieren hohe Remissionsquoten und weiten paradoxerweise ihre Produktion noch aus, in dem sie unter anderer Flagge - sogenannten Imprints - noch mehr Titel ins Rennen schicken.Nun wäre an sich nichts dagegen zu sagen, wenn Verleger - aus Liebe zur Literatur - mehr gute Bücher auf den Markt werfen, als verlangt werden.Tatsächlich trägt die Überproduktion jedoch zu einer Situation bei, die über kurz oder lang zu eben jener radikalen Marktbereinigung führen wird, die in der Öffentlichkeit fälschlicherweise fast nur als Konsequenz einer aufgehobenen Buchpreisbindung wahrgenommen wird.

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