Kultur : Abgesänge

Nostalgie und Computer: das Album „IBM 1401“

Hendrik Lakeberg

Hätte der Computer eine Seele, er wäre Melancholiker. Geplagt vom Wissen um die eigene Vergänglichkeit. Schließlich gilt bis heute das vor über 30 Jahren von Intel-Gründer Gordon Moore aufgestellte Gesetz, wonach sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle zwei Jahre verdoppelt. Schon beim Kauf also steht der Computer mit einem Chip auf dem Hightech-Schrottplatz.

Auf dem Album „IBM 1401 – A User’s Manual“ (4 AD / Beggars Group) inszeniert der isländische Ambient-Komponist Jóhann Jóhannsson die singenden Klagegesänge einer Maschine. Auf dem Dachboden seiner Eltern fand er die akustischen Dokumente des ersten Computers, der Island erreichte. Das war 1964 – und Jóhannssons Vater der Ingenieur, der sich um die Wartung des Computers kümmerte. Wie das amputierte Steuerpult eines Raumschiffs muss die sperrige Maschine damals gewirkt haben. Doch Jóhannssons Vater, in seiner Freizeit ein experimentierfreudiger Hobby-Musiker, entlockte dem Computer eigentümliche Klänge. Das brummende Geräusch der Schaltkreise verwandelte sich in delikat rauschende Klangflächen. Als der Computer 1971 ausgemustert wurde, zelebrierten die Ingenieure eine rührige Abschieds-Zeremonie. Ein letztes Mal ließen sie den Computer singen und nahmen die Klänge auf Tonband auf.

Jóhann Jóhannssons Hommage an die verschrottete Maschine, nun 40 Jahre später, klingt nostalgisch – wie sehnsüchtig nach einer Zeit, in der Computer die Größe von Kühlschränken hatten. „IBM 1401 – A User’s Manual“ besteht aus fünf kontemplativen, sinfonisch orchestrierten Klanggemälden. In die Streicherlandschaften streut Jóhannsson Fragmente aus den rauschenden, zischelnden Kompositionen seines Vaters und überblendet sie mit Passagen aus der akustischen Bedienungsanleitung des IBM 1401: „Vergessen sie nicht den Ölwechsel. Vergewissern sie sich, ob alle Schrauben fest angezogen sind." Schleichend mischen sich unter diese Stimme zurückhaltende Orchester-Figuren, bis die monotonen Kaskaden des Sprechers ganz in wirbelnden Streicherlandschaften untergehen. Erst im letzten Stück des Albums ertönt Gesang. Dazu bäumen sich die Streicher noch einmal zu einem Crescendo auf. Und verglühen leise: Es klingt wie ein letzter Ruf aus dem Hightech-Jenseits.

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