Kultur : Abgeschottet

Carlos Echeverrías Film „Pakt des Schweigens“

Kai Müller

Als 1994 ein 81-jähriger Herr im argentinischen Wintersportort Bariloche vor der Kamera eines ABC-Teams zugibt, Erich Priebke zu sein, ist einer der letzten Nazi-Kriegsverbrecher enttarnt. Priebke wurde von den italienischen Behörden als Hauptverantwortlicher für ein Massaker an 335 Zivilisten im März 1944 gesucht. Ein halbes Leben hatte der Gestapo-Mann in Patagonien ein unbehelligtes Dasein geführt, war vom Oberkellner eines Luxushotels zum Fleischwarenhändler und geachteten Repräsentanten der starken deutschen Gemeinde aufgestiegen. Wie viel man in Barilocho von Priebkes Vergangenheit wusste, ist unbekannt.

Auch die beeindruckende Dokumentation „Pakt des Schweigens“ von Carlos Echeverría kann das Rätsel nicht restlos lösen, obwohl in Zeugenaussagen durchklingt, dass Priebke kaum verheimlichte, an Partisanen-Erschießungen beteiligt gewesen zu sein. Aber in Bariloche, Echeverrías Heimatstadt, will man von Gräueltaten nichts wissen. Die Welt ist weit weg. Und Priebke nicht der einzige hochrangige Nazi, der hier nach dem Krieg Zuflucht sucht. Über die „Rattenroute“ gelangen auch Auschwitz-Arzt Josef Mengele, Lager-Kommandant Josef Schwammberger, Friedrich Lantschner als ehemaliger Gauleiter von Tirol oder der Geheimdienstler Reinhard Kopps in den Süden Argentiniens. Sie treffen dort auf alteingesessene deutsche Bewohner, die sich in Vereinen disziplinieren und aus der Ferne, wie Echeverría eindrucksvoll zeigt, ab 1933 für Führergeburtstage und NS- Folklore begeistern.

Echeverría, Sohn einer deutschen Mutter, ist ein Glücksfall für dieses weithin unbekannte Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Von Kindesbeinen an ist der spätere Münchner Filmstudent mit dem geheimnisvollen „Pakt“ vertraut, der Männer wie Priebke umgibt und vor unbequemen Fragen schützt. Er findet Zeugen dafür, wie die Deutschen in der Diaspora sich mit dem Geschichtsbild der Neuankömmlinge arrangieren. Wobei Echeverría nicht nur historische Aufnahmen zusammenschneidet und private Fotos montiert, er versucht auch in nachgestellten Szenen das Klima der kulturellen Abschottung einzufangen. Man blickt mit den Augen eines Außenseiters ins Innere einer Emigrantengesellschaft, die sich ihrem Umfeld überlegen fühlt – und dem Urteil, das die Geschichte über sie gesprochen hat.

Nur im Toni und Tonino

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