Kultur : Abgestimmt

Was Simon Rattle und die Philharmoniker planen

Die Gerüchte kamen aus den USA und Großbritannien: Zwischen den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle würde es kriseln, im Orchester dächten einige laut darüber nach, ob der bis 2012 laufende Vertrag des Chefdirigenten überhaupt verlängert werden solle. Und der britische Maestro seinerseits würde darauf drängen, dass bereits vor dem offiziell festgelegten Termin 2009 über seine Zukunft in der deutschen Hauptstadt abgestimmt wird. „Ja“, sagt ein bestens gelaunter Sir Simon am Dienstag bei der Präsentation der kommenden Philharmoniker-Saison 2008/09. So, wie das Musikbusiness heute funktioniere, sei es ganz logisch, dass schon jetzt die Gerüchteküche brodelt: International begehrte Künstler machen ihre Verträge mindestens vier Jahre im Voraus – für den Fall, dass die Berliner tatsächlich gegen eine Zusammenarbeit mit Rattle über 2012 hinaus entscheiden sollten, scharren die Institutionen und Veranstalter also frühzeitig mit den Füßen, weil sich natürlich alle den Dirigenten schnappen wollen.

Orchestervorstand Peter Riegelbauer spricht dann auch von einer „unangenehmen Situation, der man nicht ausgesetzt sein möchte“, verteidigt aber das basisdemokratische Prinzip der Philharmoniker: In einem kollektiven Diskussionprozess werden die Musiker in den kommenden Monaten über ihre Zukunft beraten. Dabei gehe es weniger um die Konstruktion der Philharmoniker-Stiftung oder um die interne Machtbalance als um die künftige künstlerische Linie. Dass der unermüdliche Erneurer und musikalische Abenteurer Rattle von Anfang an nicht nur Fans in den Reihen der Philharmoniker hatte, ist sicher. Gelebte Demokratie in der Berliner „Orchesterrepublik“ bedeutet nun für alle Beteiligten, die Unsicherheit bis zum definitiven Votum im nächsten Jahr auszuhalten.

In der kommenden Spielzeit jedenfalls gehen die Entdeckungsreisen erst einmal weiter, die bisher die Ära Rattle prägten: In seinen 57 Konzerten (31 davon auf Reisen) widmet sich der Chefdirigent neben einem Brahms-Zyklus „zwei großen rheinischen Selbstmördern“: Robert Schumann und Bernd Alois Zimmermann. Als konzertante Opern dirigiert er Ravels „Kind und der Zauberspuk“ sowie Wagners „Götterdämmerung“, Stargast beim Silvesterkonzert wird Thomas Quasthoff sein, in der Waldbühne gibt es 2009 ein russisches Programm.

Erstmals seit 1992 konnte Riccardo Muti wieder für ein Gastdirigat gewonnen werden, Claudio Abbado kommt wie immer im Mai, Nikolaus Harnoncourt führt zu Haydns 200. Todestag dessen „Orlando paladino“ auf. Neben Altmeistern wie Seiji Ozawa und Bernard Haitink ist Jungstar Gustavo Dudamel erneut eingeladen, Trevor Pinnock gibt sein Debüt. Pianistin „in residence“ wird Mitsuko Uchida sein, die Lunchkonzerte werden ebenso wie die Serie „Alla Turca“ weitergeführt, neu hinzu kommen sonntägliche Orgelkonzerte. F. H.

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