Kultur : Abgewiesen - jüdische Überlebende erinnern sich

Thomas Müller

Die Schweiz wird von ihrer verdrängten Vergangenheit eingeholt. Inmitten der Diskussion um die Rolle der Schweiz und ihre Immigrationspolitik im Zweiten Weltkrieg erschien kürzlich im Züricher Limmat-Verlag ein Band mit elf autobiografischen Berichten jüdischer Überlebender, die heute in der Schweiz leben. Die Interviews werfen die Frage auf, was mit jenen Menschen geschah, für die die Schweizer Grenze auf der Flucht vor den Nazis verschlossen blieb. Das Land wies laut offizieller Statistik allein zwischen 1939 und 1945 etwa 30 000 Flüchtlinge an ihren Grenzen ab.

Für das, was die elf in diesem Buch porträtierten, aus den verschiedensten Ländern Europas stammenden Menschen während der Shoah erdulden mussten, gibt es eigentlich keine Worte. Roland Kirilovsky ist einer von ihnen. Als "Linksprogressiver" wurde er nach gerade gelungener Emigration aus Siebenbürgen in Frankreich denunziert und im Camp de Vernet bei Toulouse inhaftiert. Nach der deutschen Besetzung der "zone libre" verschleppte man ihn als Zwangsarbeiter für Dynamit Nobel nach Ingolstadt. Ihm gelang es, seine jüdische Identität zu verbergen, was ihm das erste Mal das Leben rettete. Später verschleppten ihn die Sowjets in den Ural. Er entkam dem Tod nur denkbar knapp, einer Generalamnestie nach Stalins Tod 1953 verdankt er die Ausreise - ausgerechnet nach Deutschland.

Das Buch wurde vor kurzem in der Schweiz vorgestellt - zeitgleich mit der Veröffentlichung des vieldiskutierten Flüchtlingsberichts der "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg" (UEK). Es ist ein eindringliches Plädoyer für das Zuhören - am besten ohne die verstohlene Hoffnung darauf, dass es so etwas wie eine "Wiedergutmachung" oder einen endgültigen "Schlussstrich" überhaupt geben kann.Raphael Gross, Eva Lezzi und Marc R. Richter (Hrsg.): Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte. Limmat Verlag, Zürich 1999. 218 Seiten. 30 DM.

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