Kultur : Abgründe einer Großstadt

Frank Peter Jäger

Als Präsident Roosevelt auf dem Höhepunkt der wirtschaftlichen Depression Anfang der 1930er seinem Land einen „New Deal“ verordnete, war das auch der Auftakt für das kleine Federal Art Projekt, das die Existenz bildender Künstler sichern helfen sollte. Für die New Yorker Fotografin Berenice Abbott erfüllte sich damit der bis dahin unfinanzierbare Traum, ihre Heimatstadt in einem umfassenden Bilderzyklus zu dokumentieren, der jetzt in einer Auswahl von 109 Bildern als Gast-Ausstellung des New Yorker Stadtmuseums unter dem Titel Changing New York im Ephraim-Palais zu sehen ist (Poststr. 16, Mitte. Di.-So. 10 bis 18 Uhr, bis zum 20.4., Katalog 29,80 €).

Von 1935 bis 1939 nahm sie in zahlreichen Streifzügen bis an die – oftmals schäbigen – äußeren Ränder der Millionenstadt viele hundert Bilder von Straßenschluchten, Hochbahnviadukten, Krämerläden und Piers auf – und immer wieder Wolkenkratzer, deren gefurchter weißer Korpus aus einem Unterholz geduckter Mietshäuser in den Himmel wächst. Als Abbott mit ihrer Kamera durch Manhattan streifte, hatte die Krise schon ihre Spuren hinterlassen. Doch anders als Dorothea Lange oder Walker Evans, die ebenfalls im Rahmen des Federal Art Projekts fotografierten, favorisiert sie keine sozialkritische Perspektive, der Kontrast von Aufstieg und Niedergang reizte Abbott vor allem formal.

Ihre Bilder sind ästhetisch weniger durchkomponiert als die mancher Kollegen, ebenso fern stehen sie der in den Dreißigerjahren aufblühenden Live-Fotografie. Menschen bleiben bei ihr Statisten, viel mehr interessierte die Künstlerin die rauhe Schale der Stadtlandschaft, das Schöne im Hässlichen. Die abblätternde Reklame eines alten Lagerhauses ist gerade der richtige Vordergrund für eine Aufnahme der majestätischen Brooklyn-Bridge.

0 Kommentare

Neuester Kommentar