Kultur : Abgrund des Glaubens

Religion und Tortur: Iain Diltheys beklemmende Filmtragödie „Das Verlangen“

Kerstin Decker

Diese Küche vergisst man nicht so schnell. Die Tapetenleiste in der Mitte der Wand, Ölsockel wohl, die Uhr oben drüber. Nichts kann so trostlos sein wie eine Wohnung. Nichts kann so trostlos sein wie ein erwachsenes Leben, eingesperrt in eine Küche, in eine Wohnung, in einen immergleichen Tag. In einen dienenden Tag. Botho Strauß sagt, dass uns das dienende Weltverhältnis abhanden gekommen sei, was einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Unglücks ausmache. In „Das Verlangen“ ist das dienende Weltverhältnis in einer Reinheit zu besichtigen, dass man schon sehr schnell denkt: Gut, dass das weg ist.

Eine größere Reduktion des Menschlichen ist kaum denkbar als dieser wortlose Gehorsam einer Frau gegen ihren Mann. Einer Pfarrersfrau gegen ihren Pfarrersmann. Jeder Gehorsam bildet eine hermetische Welt. „Das Verlangen“ dringt in sie ein, zeichnet seine Binnenstrukturen so schmerzhaft präzise, dass man den Blick in keinem Augenblick abwenden kann, obwohl man es immerzu möchte. „Das Verlangen“ ist Faszination und Tortur zugleich. Es macht Iain Diltheys Abschlussfilm bei der Filmakademie Baden-Württemberg zu einem kleinen Meisterwerk; er bekam 2002 den Goldenen Leoparden in Locarno.

Dilthey ist 1971 geboren, aber was er schildert, ist die ausgeglühte Welterfahrung vergangener Jahrhunderte: Im Himmel herrscht Gott, die weltlichen Herren auf der Erde, der Mann im Haus – sage keiner, dass das nicht logisch klingt. Und solange diese Logik gilt, ist sie unwiderlegbar. Egal, ob gestern oder heute. Eben das macht „Das Verlangen“ zum Ereignis – die Besichtigung der Unwiderlegbarkeit einer Logik und deren Lächerlichkeit zugleich, in einem kleinen schwäbischen Dorf der Gegenwart. Dass es die Gegenwart sein muss, erkennt man nur an den Waren im kleinen Laden des Ortes und an den durchfahrenden Autos.

Iain Dilthey hält uns in einer ständigen Ambivalenz der Teilnahme. Die Unterdrückten sind sympathisch, grundsätzlich? Lena, diese verdruckste, stummgemachte Pfarrersfrau ist nicht sympathisch. Wie sie die Butter mit kürzesten, viel zu oft wiederholten Bewegungen von oben streicht, wie sie ihrem Mann das Frühstückbrot macht, das sie in allerkleinste Häppchen schneidet. Diese Übergenauigkeit der optimierten Hausfrauenhandgriffe, die die Beschränktheit einer Welt verraten (beeindruckend Susanne-Marie Wrage in ihrer ersten großen Filmrolle). Und dieser Mann, umsorgt wie ein Kleinkind, lächerlich unselbstständig, der trotz oder wegen dieser ewigen Infantilität seines Daseins vor den Altar seiner Kirche tritt und eine Predigt hält, wie man sie längst nicht mehr gewohnt ist. Hier spricht ein wahrer Stellvertreter Gottes auf Erden (Klaus Grünberg). Das dämonische Wesen aller ungezähmten Religion, als endliche Macht im Namen der Unendlichkeit zu sprechen: Selten sah man es beklemmender. Und das alles zeigt ein junger Regisseur, zu dessen Erfahrungsräumen das nicht gehören kann.

Und das Verlangen? Ja, das verdrängte Restleben in dieser Lena sucht sich einen Ausgang. Und wenn Lena dem Automechaniker des Dorfes nahe kommt, so hat das nicht unbedingt etwas mit ihm zu tun, aber dieser Mechaniker-Paul scheint der einzig lebendige Mensch ringsum. Er erinnert Lena daran, dass sie auch mal lebte. Und als das Dorf von Mädchenmorden heimgesucht wird, zeigt sie sich seltsam enthusiasmiert. Mord – ist das nicht etwas sehr Lebendiges, Aufregendes? „Das Verlangen“ verschenkt sich zunehmend an eine Kriminalgeschichte. Das Ende ist der schwächste Teil des Films. Denn es suggeriert, dass unterdrücktes Leben zur Unzurechnungsfähigkeit neigt. Ja, es scheint diesem Film wie gewaltsam angefügt.

In Berlin im fsk.

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