Kultur : Abheben auf acht Spuren

Alte Schule: Sharon Jones bringt ein brillantes Soul-Album heraus – und spielt heute in Berlin

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Amerika von oben. Riesige Felder, imposante Häuserschluchten, verschlungene Highway-Kreuzungen – dazwischen immer wieder Wolkengebirge. Diese elegante Montage eröffnet Jason Reitmans „Up in Air“, in dem George Clooney als Spezialist fürs Angestellte-Rauswerfen kreuz und quer durch die Staaten jettet. Zu einem kleinen Kunstwerk wird der Vorspann jedoch erst durch die geniale Musikauswahl: Woody Guthries „This Land is Your Land“ in der Version von Sharon Jones & The Dap-Kings aus dem Jahr 2005.

Die New Yorker haben aus dem Folk-Klassiker eine satte Soulnummer gemacht, die trotz funkelndem Bläserglanz die Underdog-Perspektive des Stücks beibehält. Das liegt allein an Sharon Jones kraftvollem Gesang, der tief vom Blues imprägniert ist. Man hört sofort: Die Lady ist auch schon ein paar Mal gefeuert worden, sie weiß, wie es ist, arm zu sein und sich zu fragen: „Is this my land?“

Denn die Karriere von Sharon Jones, die 1956 in Augusta, Georgia, zur Welt kam und in Brooklyn aufwuchs, kam jahrzehntelang fast nicht in Gang. Immer wieder muss sie sich anhören, sie sei zu klein, zu dick und zu schwarz für das Pop-Business. Später kommt dann noch „zu alt“ dazu. Also singt sie in Hochzeitskapellen und hat zahllose Brotjobs, darunter Gefängniswärterin, Zahnarzthelferin und Wachfrau. Gelegentlich arbeitet Jones auch als Background-Sängerin bei Plattenaufnahmen. Eine dieser Sessions für Desco Records 1996 markiert dann den Anfang vom Ende ihrer Pechsträhne: Sie begeisterte den Bassisten Gabriel Roth, der auch Miteigentümer von Desco ist – er engagierte sie fortan öfter. Nach dem Bankrott seines Labels gründet Roth zusammen mit dem Saxofonisten Neal Sugerman 2002 Daptone Records, und eines der ersten Alben ihrer neuen Firma ist „Dap-Dippin’ With ... Sharon Jones and the Dap- Kings“. Unter dem Namen Bosco Mann schreibt Roth alle zehn Originalsongs und übernimmt auch die Produktion. Die Platte klingt, als sei sie ein vergessener Schatz aus der von James Brown geförderten Riege von Sängerinnen wie Vicki Anderson, Marva Whitney und Lyn Collins stammt. Und sie sieht auch so aus. Das undatierte Cover zeigt Jones auf zwei Fotos im Vintage-Look, dazu gibt es auf der Rückseite einen kleinen Text, der sie als „the Baddest Soul Sister on the circuit“ vorstellt.

Alles an diesem Album – wie auch an allen anderen aus dem Hause Daptone – wirkt wie aus der Zeit gefallen. Es ist ein hingebungsvolles Schwelgen in der goldenen Ära des Soul und Funk, die von den mittleren sechziger in die frühen siebziger Jahre reichte. Dennoch wehren sich die Brooklyner gegen die Bezeichnung Retro. „Wir sind Romantiker“, sagt etwa Neal Sugarman und Sharon Jones betont: „An mir ist nichts retro. Ich bin Soul.“

Und so ist auch „I Learned The Hard Way“, das neue, mittlerweile vierte Album von ihr und den Dap-Kings, wieder ein sehr klassisches Soul-Album geworden. Es lässt Erinnerungen an Aretha Franklins erfolgreiche Zeit bei Atlantic Records aufkommen und huldigt ganz unverholen der großen Tradition des Southern Soul. Anders als die eher für ein partyorientiertes Teenager-Publikum hergestellten Motown- Hits richteten sich Plattenfirmen wie Stax mit Künstlern wie Otis Redding, den Staple Singers oder Wilson Pickett an ein erwachsenes Publikum. Hier setzt auch Sharon Jones an. Bei ihr geht es um Geldsorgen und natürlich immer wieder: den Herzschmerz.

Von den funkigen Anfängen haben sich Sharon Jones & Dap-Kings inzwischen ziemlich weit entfernt. Ihren großartigen Groove und die ausgefeilten Arrangements pflegen sie jedoch weiterhin. Deutlich gestiegen ist dabei der Streicheranteil. Außerdem kommen neuerdings vermehrt Backgroundsänger zum Einsatz. Vor allem Letzteres ist ein echter Gewinn, wie man etwa im Titelstück hören kann. Hier entwickelt sich aus dem Wechselgesang zwischen Jones und dem Chor eine intensive Dynamik, die wunderbar das Staccato-Motiv der Bläsersektion spiegelt. Dieses Stück stammt wie weitere fünf wieder von Bosco Mann alias Gabriel Roth, der das Album zudem produziert hat. Doch auch andere Dap-Kings liefern echte Highlights ab. So hat zum Beispiel Schlagzeuger Homer Steinweiss mit dem phänomenal lässigen „Better Things to do“ einen der hitverdächtigsten Songs der Platte geschrieben.

Eingespielt haben Sharon Jones & The Dap-Kings „I Learned The Hard Way“ im Daptone Studio in Bushwick/Brooklyn, das sie selbstbewusst „House of Soul“ nennen. Den ersten Stock des Backsteinhauses bauten die Musiker vor sieben Jahren eigenhändig zu einem Aufnahmestudio um – sogar Miss Jones kroch auf allen vieren herum, um Kabel zu verlegen.

In den vollgestopften Räumen wird zuerst ein bisschen gejammt und gescherzt, dann bannt Gabriel Roth alles auf einer analogen Achtspur-Maschine – alte Schule eben. Die acht mehrheitlich weißen Mitglieder der Dap-Kings sind Stammgäste in dem kleinen Studio. Ähnlich wie Booker T. & M.G.s für Stax als Hausband fungierten, sind sie es bei Daptone. Es gibt zahlreiche personelle Überschneidungen mit anderen Gruppen des Labels wie der Menahan Street Band oder der Budos Band.

International bekannt wurde der Daptone-Sound allerdings durch eine Auftragsarbeit. Große Teile von Amy Winehouse Erfolgsalbum „Back to Black“ (2006) entstanden im „House of Soul“. Dap-Kings-Musiker unterstützten die britische Sängerin zudem auf ihrer Tournee. Sharon Jones war zunächst nicht sonderlich amüsiert über den Coup der jungen Kollegin. Zumal ihr eigenes Album „100 Days, 100 Nights“, das sie im Jahr nach dem Winehouse-Bestseller mit den Dap- Kings herausbrachte, nicht annähernd so gut einschlug. Inzwischen ist die 53-Jährige aber dankbar für die Aufmerksamkeit, die die dünne Skandalnudel ihrer Band eingebracht hat.

Zumindest in Europa könnte Sharon Jones von der kleinen Neo-Soul-Welle profitieren, die auf den Winehouse-Hype folgte. Britische Künstlerinnen wie Duffy und Adele repopularisierten in den letzten Jahren die Tradition des Blue-eyed Soul und feierten mit ihren Alben auch auf dem Kontinent Erfolge. Bis auf die umtriebige Joss Stone ist es um die Dusty-Springfield-Enkelinnen allerdings derzeit ziemlich still. Dieses Vakuum könnte „I Learned The Hard Way“ problemlos ausfüllen. Es ist ein Hochglanzprodukt, dem man bei allem Hang zum Perfektionismus jederzeit das Herzblut anhört, mit dem es hergestellt wurde. Es wäre Sharon Jones jedenfalls zu gönnen, dass ihr langer Atem sich am Ende doch noch auszahlt – eine Kreditkarte besitzt sie neuerdings.

„I Learned The Hard Way“ ist bei

Daptone erschienen. Sharon Jones & The Dap-Kings spielen am heutigen Samstag um 20 Uhr im Astra Kulturhaus Berlin.

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