Kultur : Abheben mit Himbeersorbet, Verweilen bei Schokolade

Immer mehr Eisdielen profilieren sich mit eigener Produktion. Unsere Probierrunde testete ihre Standardsorten

Thomas Platt

Die Bedeutung des Eises hängt damit zusammen, dass es viele zur Gewohnheit gewordene Impulse kurzerhand lahm legt. Das mag zunächst mit der erfrischenden Kälte zu tun haben, aber wohl noch mehr mit einer Aromakonzentration, der man sonst nur im Saucenfond oder beim Trüffel und Kaviar begegnet. Insofern ist dem Speiseeis stets der Charakter einer Novität eigen. Trotzdem trägt jeder die Kriterien seiner Beurteilung in sich wie vielleicht bloß noch in der Liebe. Letztlich geht es um sie. Wer die vielen selig schweigenden Kinder beim Schlecken erblickt hat, kommt zu keinem anderen Schluss. Schließlich können Eisdielen als die wahren Restaurants für Kinder bezeichnet werden. Doch nicht sie allein kommen dort buchstäblich auf den Geschmack.

Das galt auch für die monatliche Testrunde. Sie machte eine Tour in mehreren Etappen zu den Eisdielen der Stadt, wo jeweils die klassischen Geschmacksrichtungen Schokolade, Himbeer und Zitrone probiert wurden. Erste Station war der Berliner Eis-McDonald's „Hennig“. Doch die künstlich schmeckende Spachtelmasse trieb zum raschen Aufbruch. Hennigs sauren Zitrus-Pappschnee noch einigermaßen frisch im Gedächtnis, stieß die Runde auf eine Enttäuschung, mit der sie nicht gerechnet hatte. Spandaus Stolz, das „Florida“, ernüchterte mit einem flachen Zitroneneis, das an altmodischen Zuckerguss erinnerte. Die dünne, beinahe unwirkliche Schokolade unterstrich den Eindruck, dass sich entweder das Florida oder aber unsere Geschmacksnerven geändert haben.

Weitaus weniger Zweifel herrschte, nachdem der Besuch bei „Caffé e Gelato“ abgeschlossen war. Das dunkle, viel zu süße Eis wirkte wie die Verfestigung einer Trinkschokolade vom Konditor. Die zunächst wegen trotziger Säure gefällige Zitrone erwies sich als limonadenartig, und das farbenfrohe Himbeerprodukt des Hauses tendierte ungeniert in Richtung Rote Grütze: aromatischer Bombast am Potsdamer Platz.

Bei „Franken und Grunewald“ in Schöneberg wird zumindest der Zucker gezügelt, eine Zurückhaltung, die das Eis in Richtung der übrigen Zutaten drängt. Dem vorsichtigen Auftritt der Schokolade entspricht eine ebenso schwach mit Zucker versehene, zudem verhaltene Limone. Aus diesem Grund bleibt ein frischer Safteindruck zurück.

Tradition und Konvention erhalten vor allen Dingen den Normaltypus. In dieser Hinsicht ist auf die alte, sozusagen milchdeutsche „Eiskonditorei Monheim“ nach wie vor Verlass. Leider hat die sehr kalt servierte Schokolade den originellen Orangenton verloren und schmeckt jetzt wie das Dunkle im Marmorkuchen. Monheims Zitrone bekommt durch Buttermilch einen zweiten Ton, der nicht ganz ins Raster passt, aber zunächst interessant wirkt. Aber das Spritzige der Zitrone kommt zu kurz.

Fast noch deutscher als Monheim wirkt das türkische „Ademir“ – und das nicht nur wegen der roten Verkäuferinnen-Uniformen, sondern auch wegen der demonstrativen Reinlichkeit im Wrangelkiez. Die bunten Bällchen wollen keine Missverständnisse aufkommen lassen. Holzhammerartig bearbeitet die Schoko-Chili den Gaumen, während die Zitrone ungezügelt der Säure huldigt.

Hinter der Oberbaumbrücke, dem Neuschwanstein von Berlin, befinden sich mit „Gelatopapa“ und „Madlen“ gleich zwei Adressen, die das Kommen lohnen. Das erstere glänzt mit einem vollen Schokoladengeschmack, der jedoch rasch verpufft. Gelatopapas Zitrone vereint eine lebendige Säure mit dem sonnigen Duft der Schale, die bodenständige Himbeere tendiert zur Marmelade. Madlens Zitrone erfüllt alle Kriterien, die an ein solches Eis gestellt werden. Gleichwohl stehen Frucht und Säure bloß nebeneinander. Eindeutiger, aber auch einsilbiger gibt sich die Schokolade, die sich geschmacklich in Richtung Nutella bewegt.

Am anderen Ende der Stadt lockt „Mauritius“ mit einer überwältigenden Auswahl, die dem Überkandidelten nicht aus dem Weg geht. Gerade die Standards werden ob der exotischen Sorten ein wenig vernachlässigt, so dass die Schokolade an Oetker-Pudding erinnert und Himbeer sowie Zitrone wie gedopt erscheinen. „Bandy Brooks“ richtet sich eindeutig nicht an Kinder. Sein Lounge-Charakter, die verwirrende Preisstaffel und schließlich die Sorten verlangen nach dem gestandenen Genießer. Bei der extrem sahnigen Belgian Chocolate wird der Kakao unbarmherzig auf die Spitze getrieben, während die brausepulvrig prickelnde Zitrone zum Bitter-Lemon neigt.

Die vier Sieger konnten alle ihre Stärken ausspielen. In der 6.Etage des KaDeWe stießen die Testfahrer auf den Eisstand des Pariser Konditors Lenôtre. Dessen Schokolade besitzt Volumen und Tiefe einer Sacher-Torte; Zitrone und Himbeere, denen vielleicht ein Hauch Säure abgeht, äußern die ganze Wucht der Frucht, ohne indessen Grenzen überschreiten zu wollen. Dafür ist die Valrhona-Schokolade von „In't Veld“ zuständig. Sie erscheint wie ein transformiertes Stück von einer Luxustafel.

In allen Disziplinen weiß die „Eismanufaktur“ in der Friedrichstraße zu überzeugen. Sowohl die satt braune Schokokugel als auch die auf die fröhliche Härte eines Dur-Klangs gestimmte Zitrone erfüllen höchste Ansprüche. Mit dem Himbeersorbet – eigentlich ein gefrostetes Püree – hebt man förmlich ab. Ein idealer Ort zum Verweilen ist dagegen „Sweet 2 go“ am Ludwigkirchplatz. Fast schon wie bei einer Borkenschokolade fächert sich ein herrliches Kakaoaroma auf und weist mit sanften Bitternoten weit über die Waffel hinaus. Die mit Fruchtstückchen für sich werbende Himbeere hat im Spannungsfeld von Frucht, Säure und Süße ihren richtigen Platz genauso gefunden wie die transparent schimmernde Zitrone.

Ademir, Kreuzberg, Falckensteinstr. 7

Bandy Brooks, Mitte, Friedrichstr. 96 und Domaquarée

Berliner Eismanufaktur, Mitte, Friedrichstr. 114

Café e Gelato, Tiergarten, Potsdamer Platz Arkaden

Monheim, Wilmersdorf, Blissestr. 12

Florida, Spandau, Klosterstr.15

Franken und Grunewald", Schöneberg, Gossowstr. 6

Gelatopapa, Friedrichshain, Grünberger Str. 52

In't Veld, Sch` berg, Winterfeldtstr. 45

Kaffee-Haus Madlen, Friedrichshain, Grünberger Str. 85

Lenôtre im 6. Stock des KaDeWe

Mauritius, Charlottenburg, Theodor-Heuss-Platz 2

Hennig's, Halensee, Kurfürstendamm 192b und andere Filialen

Sweet 2 go, Wilmersdorf, Pfalzburger Str. 79

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